Wednesday, April 29, 2015

2015.04.54

Uwe Dietsche, Strategie und Philosophie bei Seneca: Untersuchungen zur therapeutischen Technik in den Epistulae morales. Beiträge zur Altertumskunde, Bd 329. Berlin; Boston: de Gruyter, 2014. Pp. ix, 298. ISBN 9783110349047. €109.95.

Reviewed by Janja Soldo, LMU München (janja.soldo@klassphil.uni-muenchen.de)

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Uwe Dietsche geht in seiner Monographie, die auf einer 2012 abgeschlossenen und von Jürgen Leonhardt betreuten Tübinger Dissertation basiert, von der Beobachtung aus, dass sich Inkonsistenzen und Ungenauigkeiten wie etwa widersprüchliche Aussagen, der unpräzise Gebrauch philosophischer Terminologie und der offene Umgang mit nicht-stoischer Philosophie, insbesondere dem Epikureismus, in Senecas Epistulae morales häufen. Solche Ambiguitäten und offenen Formulierungen versteht Dietsche als therapeutische Taktik: Indem Seneca die Positionen der Stoa nicht offen diskutiert, sondern vielmehr verheimlicht, erreicht er ein großes Publikum, das nicht auf (angehende) Stoiker beschränkt ist, sondern vor allem auch Epikureer einschließt. Erst im Laufe des Briefwechsels tritt zutage, dass die stoische Philosophie favorisiert wird. Besonderes Augenmerk der Untersuchung liegt auf der sprachlichen Ausgestaltung der Argumentation.

Die Einleitung und das erste Kapitel legen die Koordinaten der Arbeit fest: Nach einem Forschungsüberblick, in dem sich Dietsche überzeugend von bisherigen Versuchen distanziert, die innere Struktur des Briefcorpus offenzulegen, geht er auf den Adressaten Lucilius, Senecas Verhältnis zum Epikureismus sowie auf Senecas und seine eigene Methodologie ein. Der Autor demonstriert seine gründliche Lektüre, die vor allem Vokabular und Argumentation untersucht und die Erwartungen des Lesers berücksichtigt, in vielen Interpretationen. Entscheidend für Dietsches These ist, dass er Lucilius nicht als den eigentlichen Adressaten der Briefe, sondern als einen „Platzhalter für den intendierten Leser" (S. 8; 36) versteht; denn seine therapeutische Lesart ist an ein mannigfaltiges Publikum mit unterschiedlichen Anforderungen gekoppelt. Dass das Publikum diversen philosophischen Schulen angehört, schließt er daraus, dass sich Seneca wiederholt mit diesen auseinandersetzt (etwa gleich zu Beginn des Briefwechsels in ep. 4 und 5).

Das zweite Kapitel liefert eine historische Einordnung der therapeutischen Methode der Epistulae morales und von Senecas Selbstverständnis als Arzt. Dietsche macht deutlich, dass sich Seneca mit diesem Ansatz in die Tradition der hellenistischen Philosophieschulen einreiht. Besonders Chrysipp versteht er als Wegweiser für die therapeutische Ausrichtung der Stoa: Anhand eines bei Origenes überlieferten Fragments aus Chrysipps Schrift Therapeutikos (SVF III.474) zeigt Dietsche, dass sich der Philosoph die Überzeugungen seines Patienten zu eigen machen kann, um diesen von seinen Affekten zu befreien. Diese Beobachtung ist von großer Bedeutung für die vorliegende Arbeit, da sich Senecas Argumentation, wie der Autor in den folgenden Kapiteln herausarbeitet, stark an dem Kenntnisstand seines/seiner Adressaten orientiert.

Nach diesen beiden Kapiteln von einführendem und überblicksartigem Charakter wendet sich Dietsche einer detaillierteren Untersuchung der Briefe zu. Eine ausführliche Interpretation von Brief 13, der sich mit der Angst auseinandersetzt, fördert zutage, wie Seneca epikureisches und stoisches Gedankengut miteinander verflicht. Dietsche stellt anhand des Themas Angst eine Entwicklung innerhalb der Epistulae morales fest: Während sich Brief 13 sowohl stoischer als auch epikureischer Thesen bedient, überwiegen die stoischen Ansichten in Brief 24, bis schließlich in Brief 98 eine genuin stoische Argumentation zu finden ist. Das Kapitel wird abgerundet durch einen Vergleich mit der Angsttherapie bei Lukrez, der anders als Seneca seine epikureischen Wurzeln demonstrativ offenlegt, und mit der Beobachtung, dass die Epistulae morales keine systematische Einführung in die stoische Philosophie bieten.

Das vierte und mit knapp 100 Seiten längste Kapitel ordnet die im vorherigen Kapitel erbrachten Ergebnisse, die allmähliche Entwicklung stoischer Argumente gegen die Angst, in einen größeren Kontext ein: Der Autor zeichnet nach, wie sich die Konzeption des „summum bonum" in den Epistulae morales immer weiter konkretisiert, nämlich von einem taktierenden Changieren zwischen stoischer „virtus" und epikureischer „voluptas" hin zur „virtus" schlechthin. Dietsches Analyse, wie sich die Epistulae morales langsam zu diesem Ziel vorarbeiten, ist mit Gewinn zu lesen.

Diese Entwicklung zeichnet sich im Kleinen bereits in den Epikur-Zitaten ab, die elementarer Bestandteil der ersten drei Briefbücher sind. Dietsche versucht nachzuweisen, dass Senecas Beteuerungen, er zitiere Epikur, weil er jede kluge Äußerung als Gemeingut ansehe (z.B. ep. 8.8), taktischer Natur sind. Anhand der Zitate zeige Seneca, dass auch die epikureische Lehre ein Leben gemäß der „virtus" fordere; dies macht der Autor an folgender Bemerkung über die Epikureer in ep. 21.9 fest: „ut...probent quocumque ierint honeste esse vivendum".

Im Folgenden demonstriert der Autor, in welchen Etappen Seneca die stoische Güterlehre in den Epistulae morales behandelt. Dabei lassen sich mehrere Phasen unterscheiden: Auf die sogenannte „negative Güterlehre" (S. 182) der ersten Briefe, die bestimmt, was kein Gut ist, folgt eine erste Annäherung an das Thema. In Brief 9 wird das „summum bonum" zum ersten Mal explizit genannt. Allerdings sollte der Kontext berücksichtigt werden: Die Formulierung „...iis quibus summum bonum visum est animus inpatiens" (ep. 9.1) bezieht sich auf die Kyniker und daher ist Vorsicht angebracht, die bloße Nennung des Terminus in Verbindung mit der Stoa zu bringen. Mit der Interpretation der Briefe 23, 27 und 31 macht Dietsche deutlich, dass die dritte Phase eine der Vermischung ist – das stoische „summum bonum" wird neben das epikureische gestellt. Indem die „voluptas" einerseits abgewertet, andererseits auch positiv dargestellt wird, wird dem epikureischen Geschmack der Leserschaft Rechnung getragen. Mit Brief 32 beginnt die nächste Phase, die von einem „Strategiewechsel" Senecas (S. 206) gekennzeichnet ist: Vermehrt werden Metaphern des Kampfes verwendet, und mit Brief 51 erfolgt eine eindeutige und deutliche Kritik an dem epikureischen Lust-Begriff. Der letzte Abschnitt der Güterlehre beginnt in Brief 66, in dem die stoische Formel „unum bonum quod honestum" explizit genannt und eingehend diskutiert wird.

Mit der wachsenden Bedeutung des stoischen „summum bonum" geht die zunehmend negative Darstellung Epikurs in den Briefen 30-124 einher, wie Dietsche überzeugend darlegt. Die Kritik an Epikur verortet er bereits in ep. 9, dem letzten der drei sogenannten Freundschaftsbriefe (vgl. ep. 3 und 6). Senecas deutliche Distanz zu Epikurs utilitaristischem Freundschaftskonzept in ep. 9.8 erklärt er damit, dass das stoische Verständnis von Freundschaft der „Empfindung des philosophischen Laien" (S. 240) näherstehe als das epikureische; er versteht dies als taktisches Kalkül, mit dem der Ruf der unmenschlichen Stoa leicht korrigiert werden kann. Dasselbe Ziel, die Stoa von ihrer Strenge zu befreien, verfolgt Seneca, wenn er den Ausdruck von Gefühlen zugesteht (Tränen und Trauer wegen eines Todesfalls, ep. 63.1; Erröten aus Schüchternheit oder Scham, ep. 11.6 und 87.4). Diese Gefühlsregungen werden mit dem Ratschlag des Epikureers Metrodor kontrastiert, selbst in der Trauer Lust zu suchen (ep. 99.25-26). Mit diesem letzten Beispiel schließt Dietsche seine Analyse ab, die wertvolle Einblicke in die stoische Güterlehre und ihre Entwicklung in den Epistulae morales gewährt.

In seinem letzten Kapitel weist Dietsche nach, dass diese Entwicklung sich auch in der Sprache widerspiegelt: Indem er untersucht, wo und wie häufig in den Briefen die Begriffe „malum" und „virtus/honestum" vorkommen, wird deutlich, dass ihre Verteilung mit der zuvor untersuchten Güterlehre übereinstimmt. Vor allem die Briefe 66 bis 99, in denen die Güterlehre intensiv behandelt wird, sind von stoischer Terminologie geprägt. Dies geht mit der Veränderung der Briefform einher, die zunehmend die Züge einer wissenschaftlichen Abhandlung annimmt. Diese Beobachtungen dienen Dietsche als Beleg für Senecas therapeutische Technik oder vielmehr Taktik: Hätte er den Briefwechsel mit zu viel stoischem Fachvokabular begonnen, hätte dies eine abschreckende Wirkung auf sein von Epikur geprägtes Publikum gehabt.

Zum Abschluss noch ein kurzer Blick auf die formale und sprachliche Gestaltung der Arbeit: Manche Tippfehler und Doppelungen sind der Endredaktion entgangen, fallen aber nicht stark ins Gewicht, da sie nur selten den Sinn verändern. Leider setzen die Verweise auf das jeweilige Unterkapitel in der rechten Kopfzeile zwischen den Seiten 171 und 225 aus, die die Navigation erleichtert hätten. Dietsche setzt Senecas therapeutisches Konzept insofern selbst um, als er es dem Leser leicht macht, seine Arbeit zu rezipieren und zu verstehen. Der einfache Schreibstil, die klare Gliederung und die nützlichen Zusammenfassungen an den Kapitelenden tragen zur guten Lesbarkeit des Buches bei. Allerdings geht dieser Stil auch mit umgangssprachlichen Ausdrücken (z.B. „Lukrez schert sich herzlich wenig um...", S. 145), zahlreichen Metaphern (besonders häufig Sieg und Kampf, v.a. ab Kap. 4.2), Formulierungen in einfachen Anführungszeichen und Zusammenfassungen aus Senecas oder Lucilius' Sicht (z.B. S. 179) einher; in manchen Fällen wäre eine präzisere Ausdrucksweise wünschenswert gewesen.

Manche Frage blieb nach der Lektüre unbeantwortet. Leider geht Dietsche nicht auf den Begriff „therapeutisch" ein: Wie genau ist er im Zusammenhang mit Philosophie zu verstehen? Wie lässt er sich von verwandten und in der Arbeit häufig wiederkehrenden Begriffen wie „pädagogisch" und „psychagogisch" abgrenzen? Worin unterscheidet er sich von der titelgebenden „Strategie" und dem häufig benutzten „taktisch"?

Die anregende Interpretation des 13. Briefes hätte ebenfalls von einer Begriffsbestimmung und –reflexion profitiert. Der Autor bemüht sich in der gesamten Arbeit darum nachzuweisen, welche Formulierungen und Inhalte stoischer oder epikureischer Provenienz sind. So schreibt er etwa auf S. 122 über den Satz „sic verus ille animus et in alienum non venturus arbitrium probatur" (ep. 13.1): „Die Formulierungen zur Stärke des animus sind Stoa-typisch, aber eben nicht terminologisch festgelegt...". Was aber sind stoische, Stoa-typische und nicht festgelegte Begriffe? Wie lassen sich diese von epikureischen Begriffen trennen? Ob in den Epistulae morales eine strikte Trennung zwischen stoischer und epikureischer Begrifflichkeit und damit auch der damit verbundenen Ethik vorgenommen werden kann, verdient eine weitergehende Untersuchung. Eine Vereindeutigung der Begriffe, wie etwa von „virtus" in ep. 13.3, läuft meiner Ansicht nach der These zuwider, dass Seneca möglichst offen formuliert. Zudem bleibt unklar, wie die von Dietsche skizzierte Taktik Senecas, seinen Leser über die Begrifflichkeiten und die von ihm vertretenen Positionen möglichst lange im Dunkeln zu lassen, mit der Interpretation in Brief 13 und einem therapeutischen Ansatz überhaupt vereinbar ist; vielleicht verwirrt sie die Leser sogar, unabhängig von ihrem Kenntnisstand.

Dietsches Interpretation des Lucilius wirft zudem die Frage auf, wie in einer Figur ein dermaßen disparates Leserpublikum gebündelt werden kann, zumal im Laufe der Untersuchung Lucilius immer wieder als Epikureer behandelt und die Diversität der Leserschaft dadurch reduziert wird. Es bleibt bei dieser Interpretation auch unklar, welche Funktion die Verweise auf außerliterarische Ereignisse in Lucilius' Alltag haben. Zwar sind diese teilweise eher allgemeiner (etwa ep. 11.1), teilweise aber auch sehr spezifischer Natur (wie etwa der Verweis auf Lucilius' Reise nach Sizilien in ep. 14.8). Solche Ereignisse lassen sich nur schwer mit einer Interpretation in Einklang bringen, die Lucilius vornehmlich als Platzhalter versteht.

Ganz richtig stellt der Autor zu Beginn (S. 3, Fußnote 5, und S. 15) fest, dass die Epistulae morales mehrere Verständnisebenen haben. Sie können von einem in der Stoa bewanderten Leser gelesen werden, setzen einen solchen Leser aber nicht notwendig voraus, da sie auch (und vor allem) für einen Philosophie-Neuling konzipiert sind. Es ist Uwe Dietsches Verdienst, untersucht zu haben, wie Seneca mit seinem Briefwerk diesen unterschiedlichen Ansprüchen gerecht wird. Die Widersprüche, die sich daraus ergeben und denen der aufmerksame Leser auch heute noch begegnet, hat er richtig als solche thematisiert und untersucht. Zudem liefert seine Studie einen neuen Beitrag zu der Frage, welche Struktur den Epistulae morales zugrunde liegt. Anders als Hildegard Cancik, Gregor Maurach oder Erwin Hachmann macht der Autor die Ordnung nicht an formalen Kriterien fest und schafft keine künstliche Struktur, sondern zeichnet vielmehr eine inhaltliche Entwicklung zum Stoizismus nach. So gelingt es ihm auch, Epikurs anfängliche Prominenz, die im Laufe des Briefwechsels deutlich abnimmt, zu erklären.

Uwe Dietsches Monographie sei allen empfohlen, die die Epistulae morales gründlich studieren möchten – seien sie Anfänger oder Kenner der Briefe.

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