Tuesday, April 7, 2015

2015.04.10

Annette Giesecke, The Mythology of Plants: Botanical Lore from Ancient Greece and Rome. Los Angeles: J. Paul Getty Museum, 2014. Pp. 144. ISBN 9781606063217. $25.00.

Reviewed by Mechthild Siede, Franz Joseph Dölger-Institut der Universität Bonn (msie@uni-bonn.de)

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Die Autorin unternimmt es, einem reizvollen Gegenstand nachzuspüren, der, wie sie zu Recht konstatiert, bislang wenig Beachtung in der Fachliteratur gefunden hat: Es handelt sich um die Verbindung von Mythologie und Gartenkultur in der Antike, die im römischen Garten ein vollendetes Zusammenleben gefunden hat und bis in die Neuzeit insbesondere für die Gestaltung herrschaftlicher Gärten prägend sein sollte. Somit wendet sich dieses Buch an ein breites Lesepublikum, dessen einigendes Band die Leidenschaft für Gartenkultur und -geschichte ist. Dem Aufbau des Bandes folgend, durchwandert der Leser gleichsam einen antiken Garten, der teils strenger Symmetrie verpflichtet ist (um die Themen Kap. II „Hubris and Human Excess" und Kap. III „Piety and Devotion" sind in Ringkomposition Kap. I „Gods in Love" und Kap. IV „Mortals in Love" gruppiert), teils in freier Anordnung verschiedene Pflanzen versammelt (Kap. V „A Guided Walk through Ovid's Garden").

Im einführenden Teil des Buches geht die Autorin der Frage nach, welche Aspekte zur Ausprägung des gerade für die römische Kultur so typischen Gartens führten, im Gegensatz zu Griechenland, wo eine Gartenbepflanzung allein zur Zierde in vergleichbarer Weise nicht belegt ist. Der römische Garten hingegen vereint Kunstgenuss und Naturgenuss, wobei oftmals architektonische oder topographische Elemente aus der von den Römern eroberten weiten Welt aufgegriffen werden. Im Hinblick auf das mythische Element im Garten stellt die Autorin heraus, dass zwischen den dargestellten Gottheiten und den in den Gärten verwendeten Pflanzen in der Regel mythische Bezüge bestehen, wodurch die römischen Gärten stets eine überirdische, religiöse oder paradiesische Aura atmen. Anhand von Beispielen aus Pompeji macht sie deutlich, dass diese von der herrschaftlichen Villenkultur geprägte Gartenform auch in kleinem Rahmen, etwa für räumlich eng begrenzte Stadtvillen, bestimmendes Vorbild war.

Obgleich in der allgemeinen Einführung auch Griechenland berücksichtigt ist und dieses aufgrund der von den Römern übernommenen griechischen Mythologie auch im Weiteren im Hintergrund präsent bleibt, stehen im Zentrum des Buches doch der römische Dichter Ovid und dessen Metamorphosen, die in einzigartiger Weise unter unzähligen anderen Mythen auch zahlreiche um Pflanzen versammeln. Die Mythen um Götter, Nymphen und Sterbliche, die mit Pflanzen in Bezug stehen bzw. in Pflanzen verwandelt werden und durch die abendländische Rezeption als bekannt gelten können, werden mit einem Kurzportrait der jeweiligen Pflanze und der entsprechenden Episode aus Ovids Metamorphosen in Übersetzung vorgestellt. Ersteres präsentiert die Pflanzen mit Angaben zu ihrer Botanik, Bedeutung und Verwendung sowie ihrer kultischen Relevanz. Die Übersetzungen stammen sämtlich aus der Hand der Autorin; sie sind in einer flüssigen, schnörkellosen Prosa gehalten, aber dennoch nahe am Originaltext. Im Gesamten vermitteln sie somit adäquat die unvergleichliche Erzählkunst Ovids, wobei freilich die stilistische Kunst der Hexameterdichtung Ovids und seine sprachlichen Feinheiten oft auch verborgen bleiben (zB. ist in der Übersetzung die Bezeichnung Apollos als dominus über die Heilkunst in met. 1, 524 nicht wiedergegeben; der Titel dominus wird auffallenderweise von Ovid öfters für Apollo gebraucht, so etwa noch met. 2, 547; 2, 598; fast. 2, 258; zuweilen baut Ovid auch Spannung auf oder zielt auf die Bildung des Lesers ab, wenn er den Namen eines letztlich verwandelten Protagonisten erst im Verlauf einer Episode nennt, zB. im Hyacinthus- oder Adonismythos, was die Übersetzung jedoch negiert und die Helden gleich anfangs mit Namen benennt). Da das Buch auf einen weiteren Leserkreis ausgerichtet ist, wäre es gerade im Hinblick auf einen mit Ovid nicht so vertrauten Leser vielleicht noch hilfreich gewesen, die Auslassungen innerhalb der übersetzten Passagen (von Ovid eingeschobene, für die Pflanzenmetamorphose nicht direkt wesentliche Metamorphosen) mit einer Erläuterung zu versehen.

Die im Rahmen dieser zentralen Mythen vorgestellten Pflanzen, die das Kernstück des Buches bilden, werden durch einen „botanischen Garten" Ovids, der in alphabetischer Reihenfolge 15 weitere Pflanzen – zarte Blumen, Giftpflanzen, Bäume und das Phänomen Pilz – versammelt, ergänzt. Hier verdient besonders der Abschnitt zum Pilz Aufmerksamkeit, der abgesehen von seiner kulinarischen Verwendung wenig Beachtung in der griechisch-römischen Antike fand, stand man der botanischen Einordnung (von Theophrast in der Historia plantarum aber als Pflanze verstanden) und dem Wesen dieses pflanzenähnlichen Gebildes doch etwas ratlos gegenüber, wie auch die Autorin des Buches darlegt (S. 126). Ovid wird den Pilz wohl mit Schmunzeln in sein Werk aufgenommen haben.

Das Werk bietet schließlich noch zwei Karten der antiken Welt sowie Griechenlands und ein nützliches Glossar, das ein Namensverzeichnis und eine Bibliographie der Primär- (das vielleicht noch um Columella, De re rustica, zu ergänzen wäre) und Sekundärquellen umfasst.

Mit The Mythology of Plants liegt ein insgesamt wohlfundiertes und ästhetisch äußerst ansprechendes Werk vor, das sicher nicht nur für ein breites, interdisziplinär interessiertes Lesepublikum ein Gewinn ist. Zwar erwartet man weder beim Titel des Buches noch seinem Untertitel, dass Ovid im Mittelpunkt stehen wird, was gerade für nichtphilologische Interessenten irritierend sein könnte. Insbesondere die wertvolle allgemeine Einführung in die römische Gartenkultur jedoch sowie die lexikalischen Informationen zu den Pflanzen, die stets über Ovid hinausgehen, rechtfertigen den weitgefassten Titel. Auch wenn es sich nicht um eine streng wissenschaftliche Abhandlung handelt und der Text mit wohlbedachten Quellenbelegen versehen, aber sicher nicht überfrachtet ist, würde man sich manchmal doch noch zusätzliche Quellenangaben wünschen (etwa S. 23 zum Myrtenbusch, hinter dem sich Venus nach ihrer Geburt aus dem Meer versteckt, oder S. 120 zum Tragen safranfarbener Gewänder im Kybelekult). Wie von Publikationen des P. Getty Museums gewohnt, ist der Band mit hochwertigen Abbildungen reich ausgestattet, so dass die Lektüre eine Lust für Auge und Geist ist. Thematisch gesehen stellt es in gewisser Weise ein römisches Pendant zu der jüngsten Überarbeitung von H. Baumann, Flora Mythologica (Kilchberg/Zürich 2007) dar, das sich der griechischen Pflanzenwelt (aber über die mythische Bedeutung der Pflanzen hinaus) widmet.

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