Monday, April 13, 2015

2015.04.20

Stephan Berke, Torsten Mattern (ed.), Römische Gräber augusteischer und tiberischer Zeit im Westen des Imperiums: Akten der Tagung vom 11. bis 14. November 2010 in Trier. Philippika, 63. Wiesbaden: Harrassowitz Verlag, 2013. Pp. v, 228. ISBN 9783447069946. €72.00.

Reviewed by Ines Klenner, Universität Hamburg (Ines.klenner@uni-hamburg.de)

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Römische Gräber aus der Zeit um Christi Geburt sind seit vielen Jahren im Blickfeld des archäologischen Diskurses, da deren Analyse Einblicke in Akkulturationsprozesse und Jenseitsvorstellungen für einen Zeitraum verspricht, in welchem der Einfluß des Römischen Reiches in Westeuropa intensiviert wird. Inzwischen ist unstrittig, daß es einen Wandel im Grabbrauch und auch in den Bestattungssitten gab. Was aber ist in diesem Zusammenhang unter „Romanisierung" zu verstehen? Wann, wo und wie setzt der Wandel zu einer Übernahme fremder, mediterraner Bestattungsbräuche ein und läßt er sich in seiner Dauer beschreiben? Anläßlich neuer Grabungen in den Nekropolen von Haltern wurde von den Herausgebern des Bandes Stefan Berke und Torsten Mattern im Jahre 2010 eine wissenschaftliche Tagung zu diesem Thema in Trier durchgeführt.

Grabbefunde aus der Zeit 50 v.Chr. bis 50 n.Chr. entlang des Mittel- und Niederrheins sowie aus Gallien sollten Bestattungen desselben Zeithorizonts aus dem italischen Mutterland im Hinblick auf die skizzierten Fragen gegenübergestellt werden. So werden in diesem Tagungsband nicht nur aktuelle Grabungsergebnisse bekannt gemacht, sondern auch altbekannte Funde und Befunde neu beleuchtet und mitunter auch alt gegrabene Funde erstmals vorgestellt.

Ein wesentlicher Beitrag zum Tagungsband wurde von Stefan Berke über die neuen Grabungsergebnisse in der Nekropole von Haltern geliefert. Dank jüngerer Ausgrabungen konnten nun neue Erkenntnisse zur Struktur des Gräberfeldes und dessen Einbindung ins lokale Wegenetz gewonnen werden. Im Zuge der Auswertung ergab sich weiterhin, daß besonders die neu aufgedeckte Gräberzeile aus Tumuli, rechteckigen Einhegungen und einfachen Urnengräbern ohne Grabbauten mindestens zweiphasig bebaut worden ist. Das ist nicht nur angesichts der knappen Belegungszeit von maximal zwei Jahrzehnten erstaunlich, sondern veranlaßt den Autor zur plausiblen These, daß für die Bestatteten in überbauten Gräbern offenbar keine soziale Anbindung vor Ort mehr vorhanden war. Meiner Meinung nach ist dies sogar als Indiz für in der Fremde verstorbene Militärangehörige zu werten. Die anthropologische Geschlechtsbestimmung der Leichenbrände aus Haltern bestätigt diese These. Im entsprechenden Beitrag zu den anthropologischen Befunden weist Birgit Großkopf darauf hin, daß der überwiegende Teil der Bestatteten erwachsene Männer sind. Diese stehen relativ wenigen Frauen und nur vereinzelt Kindern gegenüber, wobei die demographische Verteilung in einer römischen Siedlung üblicherweise ein gegensätzliches Bild liefert. Weitergehende chemische Untersuchungen der Leichenbrände könnten Aufschluß über Herkunft resp. Aushebungsgebiete der hier bestatteten Militärangehörigen und der Frauen liefern, wie dies in einem laufenden Forschungsprojekt zum römischen Gräberfeld von Günzburg erprobt wird.

Ein besonderes Merkmal der Halterner Nekropole sind die vielen Reste von Klinen, die sich in Form verbrannter Beinartefakte fanden. Totenbetten mit ins Grab zu geben, ist vor allem während der späten Republik und der frühen Kaiserzeit im italischen Raum eine weitverbreitete Sitte, die während der ersten Hälfte des 1. Jahrhunderts auch andernorts, wenngleich nirgends so häufig wie in Haltern, in den Nordwestprovinzen zu finden ist. Als Beispiel für eine Bestattung mit Totenbett im italischen Kulturkreis wird ein fast vollständig erhaltener Fund aus der Nekropole von Aquincum in Südlatien in einem Beitrag von Giovanna Rita Bellini und Simon Luca Trigona beleuchtet. Das hier vorgestellte Kammergrab 6 spiegelt einen Wandel in den Bestattungssitten mit einerseits neuartigen Beigaben sowie Ausstattungen und andererseits einer traditionellen Körperbestattung wieder. In dieser ländlichen Region war die Sitte, eine Kline beizugeben, vorrangig von Mitgliedern der wohlhabenden, sich in ihrem Lebensstil an den Entwicklungen in Rom orientierenden Oberschicht übernommen worden. Ein Neufund eines in vielen Einzelteilen fragmentarisch erhaltenen Totenbettes aus einem Kölner Grab wird in einem Beitrag von Manuel Fiedler vorgestellt. Er nahm die reichhaltig überlieferten Fragmente zum Anlaß, erstmals Typenreihen für die Ansprache der Einzelteile zu bilden. Da sämtliche römischen Klinen nach einem Grundschema gestaltet sind, dürfte diese Klassifikation zukünftigen Bearbeitern nur bruchstückhaft erhaltener Exemplare die Zuordnung zu den verschiedenen Verkleidungen, Scheiben, Ringen u.a. erleichtern.

Zwei Tagungsbeiträge zum urbanen Umfeld lieferten erstmals wertvolle Zusammenfassungen zum aktuellen Forschungsstand über die in der Literatur oft weitverstreuten Hinweise zu frührömischen Nekropolen in Köln und Trier. In beiden Städten nutzte man offenbar von Beginn der römischen Besiedlung an sämtliche wichtigen Straßen für die Anlage von Nekropolen. Während in Köln vereinzelt Gräber, wie die bereits erwähnte Klinenbestattung, vor allem aber Inschriften, Fragmente von Grabbauten und Einzelfunde auf die frühen Nekropolen hinweisen, sind zeitgleiche Funde aus Trier nicht in der Fülle belegt. Karin Goethert führt anhand von Altgrabungen im späteren Vicusbereich den indirekten Nachweis dafür, daß an einigen Stellen frührömische Gräber schon im 2. Jahrhundert teils unzerstört überbaut worden sind. Hier liegt auch das Potential für zukünftige Grabungen in diesen Arealen, weitere Erkenntnisse zu den frühen Nekropolen Triers zu erhalten. So läßt sich zum derzeitigen Stand nur wenig Belastbares zu einheimischen und fremden Einflüssen in Trierer Gräberfeldern zusammentragen, während sich im Kölner Raum mit der Beigabe beispielsweise von drei Henkelkrügen bereits eine Sitte abzeichnet, die dann im Verlaufe des 1. und 2. Jahrhunderts charakteristisch für die gesamte Rhein-Main-Region und darüber hinaus werden wird.

Hervorzuheben ist ebenfalls der Beitrag über die vorläufigen Ergebnisse der noch laufenden Untersuchungen zu frührömischen Gräbern aus Nijmegen. Der Forschungsstand erlaubt es, Gräber der Zivilstadt von Nijmegen mit Bestattungen vom Militärlager auf dem Kops Plateau zu vergleichen. Diese unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Inventare signifikant voneinander. Während die Toten bei der Stadt deutlich mehr und wertvollere Geschirr- resp. Speisebeigaben erhielten, sind die Soldaten mit schmaler Verpflegung, aber anteilig mehr Getränken auf ihre Reise geschickt worden. Die Unterschiede in den übrigen Beigabenensembles deuten nach Harry van Enckevort und Elly N.A. Heirbaut darauf hin, daß „sich die Bewohner des Oppidum Batavorum häufiger an die italisch-römischen Bestattungsrituale gehalten haben, als die Soldaten in der Nähe des Kops Plateaus"[S. 118]. Diese Beigabeninventare ohne Münzen, Lampen und umfangreiche Gefäßausstattungen lassen sich allerdings sehr gut den aus Haltern bekannten Gräbern zur Seite stellen, die nach Stefan Berke in direkter Tradition italischer Bestattungssitten stehen.

In der Tat zeigt ein Beispiel aus dem italischen Mutterland, der Tagungsbeitrag zu Bestattungssitten in Sarsina und Umgebung von Giovanna Montevecchi, daß man sowohl sparsam ausgestattete, als auch umfangreich mit Geschirr/Speisebeigaben, Balsamarien, Lampen und Münzen versehene Inventare in den gleichzeitigen Gräbern Italiens kennt. Die signifikanten Differenzen in den Gräbern Nijmegens sind daher möglicherweise Ausdruck anderer, uns unbekannter Impulse und nicht als Gradmesser der Übernahme italischer Bestattungssitten zu werten.

Gewissermaßen ein „Klassiker der Romanisierungsforschung" ist das über viele Jahrhunderte belegte Gräberfeld von Wederath/Belginum. Rosemarie Cordie hat aus Anlaß der Tagung die frührömischen Gräber zusammengetragen und mit Hinblick auf die skizzierten Fragen vorrömischen Gräbern gegenübergestellt. So läßt sich besonders an der Waffenbeigabe bei Männern ein Festhalten an traditionell einheimischen Bestattungssitten beobachten. Gleichzeitig spiegelt sich die allmähliche Romanisierung im Wandel der Ess- und Trinksitten im Lebensalltag laut Rosemarie Cordie in dem geänderten Formengut der Gefäße, wenngleich noch nicht mit dem Import italischen Geschirrs, in den Gräbern wieder. Ein Vergleich mit den reich ausgestatteten Gräbern von Lamadeleine und Goeblingen-Nospelt zeigt, daß „mediterrane Zivilisationsgüter, die römische Lebensart verkörpern, wie Tafelgeschirr und Nahrungsmittel" [S. 102], im ländlichen Raum abseits der großen Städte und nennenswerter römischer Militärpräsenz offenbar erst später vertreten sind.

Im Zusammenhang mit den vorgenannten Gräbern der treverischen Aristokratie am Oppidum vom Titelberg ist ein neuer Fund aus Bibracte besonders interessant. Wolf-Rüdiger Teegen stellt in einer Detailstudie einen Grabfund vor, der u.a. mit Importware aus dem griechischen Raum und den Überresten eines Totenbettes mit beinernen Verzierungen ausgestattet war. Mit einer Datierung in die Jahre zwischen 50-30/20 v.Chr. ist dies der bislang älteste Beleg für ein Totenbett in den Nordwestprovinzen. Das Grab war Teil einer kleinen Gräberstraße vor der Porte du Rebout und ist mit einem Grabgarten sowie einem repräsentativen obertägigen Grabbau aus Holz zu rekonstruieren. Im archäologischen Befund ist so eine Vermischung aus lokaler Tradition und mediterranen Fremdeinflüssen zu erkennen, die in Form des Totenbettes sogar über den reinen Import von Gütern hinaus einen Wandel im Bestattungsritual nahelegt.

Resümierend haben die ebenso gehaltvollen wie lesenswerten Beiträge gezeigt, daß es bereits im italischen Mutterland in augusteischer Zeit regional unterschiedliche Bestattungstraditionen gab, die sich ihrerseits durch Fremdeinflüsse teilweise in wenigen Jahrzehnten wandelten. Folgerichtig gab es aufgrund der heterogenen Bevölkerungsstruktur in den Provinzen auch eine Vielzahl von Grabsitten, die allein aufgrund ihrer Datierung als „römisch" einzustufen sind. Die Frage nach dem Wandel im Grabritus kann demnach, wie der Beitrag von Sandra Ammann und Daniel Castella zu den Schweizer Gräbern unmißverständlich zeigt, jeweils nur auf regionaler Ebene beantwortet werden.

Für zukünftige Forschungen an provinzialrömischen Gräberfeldern haben die Beiträge dieses Tagungsbandes deutlich gemacht, daß bislang als „römisch" betrachtete Grabbeigaben, wie Lampen und Münzen, nicht als Gradmesser der Romanisierung dienen können. Vielmehr erschließt sich die Übernahme italischer Bestattungssitten durch eine Gesamtbetrachtung der Beigaben, der Verbrennungssitte sowie vor allem dem Willen zur Repräsentation über den Tod hinaus in Form von Monumenten und Grabsteinen nach italischem Vorbild.

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