*Römische Ziegelstempel aus Mainz. Teil I: Militärische Ziegelstempel des 1. Jahrhunderts (Materialvorlage). Mainzer Archäologische Schriften, 13.*Mainz: Generaldirektion Kulturelles Erbe, Direktion Landesarchäologie, 2014. Pp. xi, 420. ISBN 9783935970167. €85,00.

Reviewed by Ulrike Ehmig, Ruprecht Karls-Universität Heidelberg (ulrike.ehmig@uni-heidelberg.de)

Nach mittlerweile mehr als 25 Jahren eingehender Auseinandersetzung mit den gestempelten römischen Ziegeln aus der Provinzhauptstadt und dem Legionsstandort *Mogontiacum* / Mainz hat Jens Dolata 2014 eine erste umfangreiche Monographie vorgelegt. Der 420 Seiten starke Band ist explizit als Materialvorlage deklariert und hat die 1.775 gestempelten Ziegel des 1. Jahrhunderts n.Chr. zum Gegenstand.

Im einleitenden Kapitel „Typologie und Chronologie militärischer Ziegelstempel und Editionszweck" (1–19) unterstreicht Dolata die in der einschlägigen Forschung wiederholt formulierte Mahnung, die Typisierung von Ziegelstempeln auf eindeutige, in Text und Feldform gleichartige Grundtypen zu reduzieren. Zur Erläuterung der Problematik, die im Idealfall in der Vergangenheit darauf zielte, stempelgleiche Stücke zu identifizieren, gibt Dolata einen mit Abbildungen untermauerten, überzeugenden Überblick über jene Faktoren, die den Stempelabdruck bestimmen konnten. Unter anderem sind das die Holzmaserung der *signacula*, überlagernde Wischmarken, Pfoten- und Fingerabdrücke, das ungleichmäßige Aufsetzen und Eindrücken des Stempels, das Überstreichen beim Ausformen des Ziegels aus dem Holzrahmen, ferner die Beschaffenheit der Tonmasse und eine zu schnelle Brandentwicklung bis hin zum Abnutzungsgrad des Stempelwerkzeugs.

Für das 1. Jahrhundert gibt im nördlichen Obergermanien der Stationierungszeitraum der stempelnden Truppen Anhaltspunkte für die relativ-chronologische Abfolge ihrer Stempelrepertoires. Vor diesem Hintergrund nimmt Dolata für die in Mainz vertretenen keramischen Produkte der *legiones XII Primigenia*, *IV Macedonica*, *I Adiutrix*, *XIV Gemina*, *VII Gemina* und *XXI Rapax* eine quantitative Aufteilung vor, differenziert nach claudisch-neronischer respektive flavischer Zeit (14–15, Tab. 2–4). Ferner konstatiert er, dass die verschiedenen gestempelten Baukeramiktypen nur bedingt ein Bild der Bauanwendungen der betreffenden Zeit zeichnen (11). Angesichts der nach Baukeramiktypen aufgeschlüsselten Stempelzahlen (12 Tab. 1 und 15–16 Tab. 5–6) wüsste man jedoch natürlich gerne, ob und in welcher Weise spezielle Truppenverbände arbeitsteilig, das heißt produktspezialisiert, arbeiteten. Die Konzentration der Stempel auf nur wenige Ziegeltypen einerseits und ihr Fehlen auf einer Reihe von Spezial- und Zierziegeln (11) andererseits machen jedoch deutlich, dass derartige, bei Dolata auch gar nicht erst gestellte Fragen allein anhand des gestempelten Materials nicht zu beantworten sind. Gleichwohl möchte man—wie lange etwa auch in der Amphorenforschung—den Gedanken noch nicht aufgeben, mit den gestempelten Funden übergeordnete, den Fundort betreffende, wirtschaftshistorische Überlegungen verfolgen zu können. Dies gilt umso mehr angesichts von Beobachtungen wie den Verschiebungen der Stempelanteile über den untersuchten Zeitraum hinweg: Der Anteil der gestempelten *tegulae* sinkt von 77 % in claudisch-neronischer auf 47 % in flavischer Zeit. Bei den *imbrices* geht der Wert von 15 % auf 9 % zurück. Umgekehrt steigt er bei den *lateres* von zunächst nur 1 % auf 31 %. Die Veränderungen implizieren eine Reihe von Fragen, etwa inwieweit der Befund Neuregelungen in Produktionsstrukturen spiegeln könnte, die ihren Niederschlag in einer modifizierten Stempelungssitte fanden. Lassen sie sich, wie es erste Beobachtungen implizieren (20–21 und v.a. 134) mit dem Wechsel der stempelnden Truppen in Mainz und verschiedenen, für sie typischen Stempelsitten in Verbindung bringen? Ein Phänomen, das ebenfalls besonderes Interesse weckt, ist jenes mehrerer Stempel auf einem Ziegel (17 sowie 260–263). Die gängige Interpretation als Kontrollstempelung wirft die Frage auf, inwieweit derartige Stempelkoppelungen, die ähnlich auf anderen Objekten auftreten, zu denken ist insbesondere an Bleibarren, vergleichbare Mechanismen darstellen.

Auf den Seiten 20–277 erfolgt die eigentliche Vorlage der Ziegelstempel des 1. Jahrhunderts aus Mainz. Die einzelnen Kapitel entsprechen einander im Aufbau und in der Wortwahl: Auf einen kurzen Abriss der Truppengeschichte mit Fokus auf ihre Mainzer Dislokation folgen eine Aufschlüsselung und kurze Charakterisierung der Ziegelstempeltypen der jeweiligen Truppe, ferner Hinweise auf ihre Produktionsorte sowie eine tabellarische Darstellung der Verteilung der Stempel auf die verschiedenen Baukeramiktypen. Es schließen sehr gute Umzeichnungen der Stempeltypen im Maßstab 1:2 an. Darauf folgt der eigentliche Katalog mit Angaben zu Fund- und Aufbewahrungsort sowie eventueller Literatur. Alle Stempel sind in planparallelen Schwarzweißfotos im Maßstab 1:2 abgebildet.

Zwei spezielle Befunde aus dem betrachteten zeitlichen Horizont des 1. Jahrhunderts schließen an: eine archäologisch nicht näher beobachtete Ziegeldeponierung unweit der Therme bei Sankt Stephan (278–280) sowie die gestempelten Rohre und Ziegel aus dem Kontext des Zahlbacher Aquädukts (281–292).

Das Literaturverzeichnis (378–394), eine Erläuterung verwendeter Abkürzungen (395–396), Abbildungsnachweise (397–399) sowie inventar- und fundmeldeaktenorientierte Konkordanzen (400–420) beschließen den Band, der von einer CD-ROM mit vier pdf-Dateien begleitet wird. Darauf zusammengefasst sind 1. die Abbildungen aller Ziegelstempeltypen, 2. die Karten, die dadurch erweitert sind, dass alle Fundpunkte durch die Nummer der Topo-Daten (374–377), auf denen die Bilder der Dichteschätzungen beruhen, ersetzt sind, 3. die Tabellen. Die vierte Datei ist eine gesamte pdf-Version des vorliegenden Bandes.

Die Publikation hinterlässt eine gewisse Ratlosigkeit. Zum einen ist die Qualität der Materialvorlage völlig unstrittig, die gespannt auf weitere entsprechende Editionen warten lässt. Dies gilt umso mehr, als seit dem Erscheinen des Bandes neuerlich hunderte Ziegel mit militärischen Stempeln aus dem 1. Jahrhundert in Mainz zutage kamen und der gesamte zeitlich übrige Fundbestand nochmals den doppelten bis nahezu dreifachen Umfang des hier vorgelegten hat. Darüber hinaus verdient die Publikation deshalb besondere Beachtung, weil das römische Mainz in den vergangenen Jahrzehnten, von wenigen Ausnahmen abgesehen, mehr und mehr zu einem weißen Fleck in der wissenschaftlichen (Publikations-) Landschaft geworden ist (in diesem Zusammenhang 13 Anm. 70).

Zum anderen aber stellt eine mit derartigem Einsatz betriebene Materialedition ganz explizit die Frage nach ihrem historischen Wert, der über jenen eines exzellenten Bestimmungscorpus hinausgeht. Anders und konkret formuliert: Worin liegt der spezifische Gewinn für Archäologie und Geschichte des römischen Mainz, den gestempelten militärischen Ziegeln eine dergestalte Aufmerksamkeit zu widmen? Die Frage rührt, ähnlich wie bei der Beschäftigung mit Stempeln auf römischen Amphoren, an den Grundfesten der Idee, gestempeltem Material einen höheren Aussagewert für einen Fundort zuzuschreiben als ungestempeltem, beziehungsweise es für geeignet zu erachten, stellvertretend übergeordnete Schlussfolgerungen zu ziehen.

Für die Orte, an denen die Ziegel verbaut wurden, das heißt üblicherweise ihre Fundorte, waren die im Produktionskontext relevanten Stempel nicht mehr in ihrer genuinen Funktion von Bedeutung. Gleichwohl sind gerade auch für das römische Mainz bis in jüngste Zeit Versuche unternommen worden, aus der Verteilung der militärischen Ziegelstempel insbesondere im Bereich des Legionslagers weitgehende Schlüsse für die Gestaltung seiner Architektur zu ziehen. Dabei wurde die Argumentation jedoch anhand von Ergebnissen des frühen 20. Jahrhunderts geführt, die bereits schon revidiert waren und dabei dem Ziegelstempelbefund widersprechen (320–321). Dazu weist Dolata wiederholt darauf hin, dass gestempelte Ziegel in aller Regel nicht aus ihrem primären Bauzusammenhang stammen, sondern aus Sekundärverwendungen und speziell aus Schuttplanien (2 und 20).

Über die Problematik eines Funktionszusammenhangs von gestempeltem Ziegel und Fundort hinaus aber lassen sich aus dem Spektrum der in möglichst geschlossenen Kontexten vergesellschafteten Ziegelstempeltypen übergeordnete relativchronologische Anhaltspunkte gewinnen, deren detaillierte Analyse vorschnellen Schlüssen den Boden entzieht. Beispiele hierfür versteckt Dolata bedauerlicherweise weitgehend in Anmerkungen. Sie manifestieren sich etwa in den Stempelgruppen aus dem Bad des Kastells Zugmantel. Diese liefern für entsprechende Funde an anderen Orten begründete Anhaltspunkte für eine Datierung. Diese auszuhebeln bedarf guter Argumente auf breiter Materialbasis (13 Anm. 67). Ein weiteres Beispiel ist die problematische Neudatierung militärischer Ziegelstempel des späten 3. bis 5. Jahrhunderts auf der Grundlage von Trierer Funden. Nicht durchdacht wurden die Konsequenzen für die Bewertung der gesamten militärischen Bauaktivitäten der betreffenden Zeit am Rhein und der breiten ihr zugrunde liegenden Quellenbasis (299 Anm. 199).

Materialanalytische und geochemische Untersuchungen, wie Dolata sie in den vergangenen Jahren in sehr großer Zahl durchgeführt hat (16–17), haben die Möglichkeiten der Lokalisierung keramischer Produktionen auf ein neues Niveau gebracht. Mittels Referenzen konnten einerseits für Obergermanien Standorte von Heeresziegeleien, die bisher aufgrund archäologisch-historischer Indizien vermutet worden waren, bestätigt beziehungsweise ausgeschlossen werden. Andererseits erlauben sie, beliebige Ziegelfunde, gleich an welchen Orten, Produktionen zuzuweisen. Makroskopisch ist eine derartige Gruppierung nach Herstellungsprovenienzen nur sehr schwer beziehungsweise in aller Regel gar nicht möglich. Es ist verständlich, dass derart zeit- und geldintensive Analysen vor allem an gestempeltem Material durchgeführt worden sind. Gleichwohl sind die Ergebnisse, und das gilt für Ziegel gleichermaßen wie für Amphoren, nicht geeignet, Verallgemeinerungen für die um ein Vielfaches zahlreicheren ungestempelten Funde zu treffen. Bis heute nämlich werden insbesondere Ziegel nur aufbewahrt, wenn sie gestempelt oder zumindest vollständig erhalten sind. Zur Problematik der Fundüberlieferung kommen weitere methodische Hürden: Es ist nicht zu beantworten, jeder wievielte Ziegel gestempelt wurde, ob die Praxis für alle Baukeramiktypen gleichermaßen galt und von allen militärischen Einheiten übereinstimmend gehandhabt wurde. Entsprechend lassen sich aus der Analyse der gestempelten Ziegel kaum überzeugende Rückschlüsse für die quantitative wie qualitative Verteilung der Ziegelstempel an einem Fundort ziehen. Die von Dolata für jede Einheit erstellten Fundkarten (329–371) illustrieren das Dilemma: Die Fundverteilung erscheint entweder identisch, ist jedenfalls ohne detaillierte archäologische Differenzierung nicht unterscheidbar (Karten 3–8), oder die Zahl der gestempelten Ziegel ist für eine überzeugende Erklärung der Fundbilder zu gering (Karten 9–11, auch 15, 16).

Als Fazit ist festzuhalten: Die Vorlage der militärischen Ziegelstempel des 1. Jahrhunderts n.Chr. aus Mainz ist ein Bestimmungswerk par excellence. Die unterschiedenen Stempeltypen sind mit ihrer hervorragenden Dokumentation als Grundlage einer künftigen Definition von Ziegelstempelgruppen für den betreffenden Zeitraum geeignet. Die historische Aussage für den Fundort selbst bleibt beschränkt. Es lassen sich keine überzeugenden Faktoren benennen, die den Verteilungsbildern der gestempelten Ziegel eine höhere Signifikanz beimessen als der Fundverteilung der gesamten Materialgruppe. Funktion und Bedeutung der Stempel liegen im Bereich der Ziegelproduktion. Hier wäre Forschungsleistung zu investieren, um die Mechanismen dieser epigraphischen Kennzeichnung zu durchdringen. Die übergeordneten historisch relevanten Früchte der Kärrnerarbeit manifestieren sich in Anmerkungen. Es bleibt zu wünschen, dass diese Berücksichtigung finden und in der Lage sind, leichtgewichtige, hochfliegende Ideen auf den (Ziegel-)Boden zurückholen.

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