Tuesday, March 21, 2017

2017.03.37

Rémy Poignault, Catherine Schneider (ed.), Fabrique de la déclamation antique (controverses et suasoires). Collection de la Maison de l'Orient et de la Méditerranée, 55; Série littéraire et philosophique, 21. Lyon: Maison de l'Orient et de la Méditerranée - Jean Pouilloux, 2016. Pp. 443. ISBN 9782356680594. €43.00 (pb).

Reviewed by Gernot Krapinger, Zentrum Antike. Karl-Franzens-Universität Graz (gernot.krapinger@uni-graz.at)

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[Authors and titles are listed at the end of the review.]

Der vorliegende Band sammelt den Ertrag zweier internationalen Kolloquien zur lateinischen Deklamation, von denen das eine im September 2011 an der Universität Clermont-Ferrand, das andere im Juni 2012 an der Universität Strasbourg stattgefunden hat, und bringt allen Interessierten durchwegs neue Erkenntnisse über die Texte von ganz unterschiedlichen griechischen und lateinischen Autoren von Seneca dem Älteren, Pseudoquintilian, Calpurnius Flaccus über Polemon, Aelius Aristides, Lukian und Dion Chrysostomos bis zu Libanios, Sopatros, Himerios, Prokopios von Gaza, Chorikios und Fronto näher.

Die einleitenden Bemerkungen aus der Feder des Herausgeberduos, Rémy Poignault und Catherine Schneider, welche die verschiedenen Aufsätze im wesentlichen zusammenfassen, versprechen anregende Lektüre linguistischer, rhetorischer, literarischer, historischer, politischer, anthropologischer und soziologischer Ansätze in der Deklamationsforschung; diese Vielfalt möge folgende kurze Auswahl dokumentieren:

Den Reigen eröffnet Antonio Stramaglia, der ausgehend von früheren Beobachtungen Michael Winterbottoms eine rhetorisch-technische Besonderheit vor allem der Declamationes maiores Pseudoquintilians, mannigfaltige Formen der Autoreferenzialität, erörtert. Freilich gibt es diese, wie Stramaglia eingangs ausführt, vereinzelt auch in anderen rhetorischen Texten, wie etwa in denen des Sophisten Gorgias, Lukians, des Sopatros und des Chorikios. Durch die Häufung und Fülle dieser metarhetorischen Signale ragen aber einige dieser 19 vielfach als Prunkreden bezeichneten Declamationes maiores aus dem 2.-3. Jahrhundert doch heraus: An vielen Stellen lässt der Redner für einige Augenblicke seine Maske fallen und nimmt die Rolle des Lehrers ein, indem er an den unterschiedlichsten, meist aber neuralgischen Stellen der Rede mehr oder weniger verdeckt Hinweise auf Schwierigkeiten, beachtenswerte Vorschriften und technische Spitzfindigkeiten in der Bewältigung der jeweiligen Redeteile gibt. Daher ist es nur allzu verständlich, wenn Stramaglia die vielfach in der Forschung gezogene klare Abgrenzung von Schau- und Schuldeklamation zurückweist, denn auch diese ausgefeilten hochliterarischen Texte Pseudoquintilians können den Ruch der Schulstube nicht ganz ablegen. Dieses Charakteristikum metarhetorischer Signale ist den meisten Reden der Sammlung in unterschiedlichem Ausmaß und in mannigfaltiger Ausprägung eigen, der achten und siebzehnten Rede hinwiederum fehlt der maestro nascosto ganz; aus all diesen Beobachtungen, so führt Stramaglia abschließend aus, könnten sich durchaus neue Erkenntnisse in der offenen Verfasser- und Datierungsfrage ergeben.

Thorsten Burkard geht in seiner Untersuchung von den drei für die Deklamationen konstitutiven Kategorien sententiae, divisiones und colores aus und nimmt besonders die schwierigen beiden letztgenannten1 in den Blickpunkt und untersucht deren Verwendung im Florilegium des älteren Seneca. In dieser luziden Studie zeigt Burkard, dass den deklamatorischen Systemen Konzepte zugrunde liegen, die in den lateinischen Lehr- und Handbüchern der Rhetorik weitgehend fehlen. Für den senecanischen Entwurf der divisiones spielen quaestiones eine bedeutende Rolle, also Fragen, die sich aus dem Thema und dem Gesetz der Kontroversie ergeben. Diese werden zumeist in ein hierarchisches System gebracht und lassen sich in Rechts- und Billigkeitsfragen unterteilen; Ps.-Quint. decl. min. 270, 2 nennt sie zutreffend ossa et nervi controversiae, Seneca selbst fundamentum (contr. praef. § 21). Ferner wird nachvollziehbar nachgewiesen, dass das in der lateinischen Deklamation Senecas anzutreffende System der divisio von der jüngeren hermagoreischen Statuslehre nicht beeinflusst wird und Überschneidungen begrifflicher Natur mehr oder weniger zufällig sind. Ein weit größeres definitorisches Problem stellt in der Forschung der Terminus color dar. Erst durch den Ansatz von Thomas Zinsmeier2 ist hier ein Durchbruch gelungen: Die colores füllen Leerstellen, die das skizzenhafte argumentum der Kontroversie offenlässt (Zinsmaier 2009, S. 262). Nach Burkard entspringen die colores den Vermutungen des parteilichen Deklamators über die Hintergründe und Zusammenhänge des Geschehens; die colores deuten („färben") nicht die Fakten des Kontroversienthemas, sondern fügen neue Fakten oder Motive hinzu. Zu guter Letzt zeigt Burkard schlüssig, dass auch die colores unabhängig von der auf Hermagoras zurückgehenden Statuslehre entstanden sind, widmet sich dem color in den Suasorien und zeichnet schließlich trefflich nach, wie der Begriff nach Seneca dem Älteren die metaphorische Bedeutung eines „Beschönigungsmittels" annimmt.

Christopher van den Berg zeigt eine neue Facette der nicht nur von Rhetorikern, sondern auch Rechtshistorikern in der Forschung in letzter Zeit vielbeachteten 13. Deklamation aus der Sammlung der Declamationes maiores, der Apes pauperis, auf und liest die Schilderung der mühevollen Arbeiten der emsigen Bienen als Sinnbild für die Mühen des Deklamators selbst. Tatsächlich gelingt es van den Berg, ausgehend von dem recht eindeutigen Vergleich von Honigwaben mit Buchrollen in § 18 (gemina frons ceris imponitur), der an Tibull 3, 1, 13f. und Ovid, trist. 1, 1, 11 erinnert, zu zeigen, dass sich der literarisch offensichtlich hochgebildete Redner in der Wortwahl seiner Schilderung des Wabenbaus eines rhetorischen Fachbuchs zu bedienen scheint; die These van den Bergs, der Verfasser dieser Deklamation verknüpfe das Elogium der emsigen Insekten als Wabenbauer mit der Verherrlichung seiner selbst als Redenfabrikant, ist plausibel.

In den Deklamationen von Seneca dem Älteren, Pseudoquintilian und Calpurnius Flaccus begegnen uns viele Fälle sexueller Gewalt gegen unverheiratete Frauen. Inwiefern uns diese Texte Aufschluss über den Umgang der römischen Gesellschaft mit virginitas geben, indem sie eine Vorstellung davon vermitteln, wie auf deren gewaltsame Verletzung reagiert wird, ist schon öfter untersucht worden. Graziana Brescia ortet in diesen rhetorischen Plots einen bisher unbeachteten Gesichtspunkt und zeigt überzeugend, wie in der Deklamatorik die traditionelle Moral verspottet wird und etwa Grundkonstituenten der römischen familiären Ordnung wie die patria potestas aufgeweicht werden; die Schulrhetorik bildet, so zeigt die italienische Gelehrte eindrucksvoll, einen Gegenentwurf zur rigiden normativen sozialen Wirklichkeit und erlaubt, ähnlich wie es während der Saturnalien geschieht, gesetzliche oder gesellschaftliche Schranken zu überschreiten.

Mit zwei Deklamationen des Sophisten und Rhetors Chorikios aus der Schule von Gaza aus der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts macht uns Fotini Hadjittofi mit einem wichtigen Zeugnis für das noch wenig erforschte Phänomen des Cross-Dressings in der Antike bekannt. Die dritte Deklamation greift einen Bericht Herodots (1, 155, vgl. Justinus, epit. 1, 7, 11-13; Polyainos, strat. 7, 6, 4) auf, wonach König Kyros nach der Gefangennahme des Kroisos den Lydern befahl, die Waffen ab- und Frauenkleidung anzulegen, zu singen und Kithara zu spielen, um sie durch den Zwang zu kriegsfernen weibischen Tätigkeiten an dem Versuch, ihr Königreich zurückzuerobern, zu hindern. Chorikios geht nun über Herodot hinaus und fügt hinzu: Als Kyros einen Feldzug gegen die Massageten unternimmt, will er, dass die Lyder ihn als Kämpfer unterstützen. Diese jedoch weigern sich und wollen ihre Waffen nicht zurückbekommen. In der Deklamation des Chorikios, einer oratio figurata, wird nun die Position der Lyder vertreten, die, um ihre Pläne, sich aufzulehnen, nicht zu verraten, vorgeben, mit durchschlagendem Erfolg effeminiert worden zu sein und gleichsam Kochtöpfe und Strickzeug nicht mehr verlassen zu wollen.

Travestie nicht als Mittel der Repression und Umerziehung, sondern als Mittel einer Kriegslist (vgl. Plutarch, Solon, 8, 4-5; Polyainos, strat. 1, 20, 2) ist der Ausgangspunkt der elften Deklamation: Eine Stadt ist durch eine feindliche Macht angegriffen worden und hat einen General bei der erfolglosen Abwehr des Feindes verloren. Ein zweiter General rettet die Stadt dadurch, dass er den Feind in Frauenkleidern übertölpelt. Ein fiktives Gesetz verlangt, dass ein Kriegsheld ein an seine Tat erinnerndes Gemälde erhält, das den Retter in den Kleidern, die er bei der Ausführung seiner Rettungstat getragen hat, darstellt. Dem Generalissimus ist nicht ganz wohl bei dem Gedanken, auf dem monumentalen Gemälde anstatt in der ordenbehangenen Galauniform sozusagen im Minikleid und High Heels dargestellt zu werden. Der unterlegene General pocht jedoch als der Sprecher der Deklamation auf die Einhaltung dieser lex ficta. Von diesen zwei Tatbeständen ausgehend gelingt Hadjittofi ein bravouröses Beispiel geistvoller Anwendung moderner Gendertheorien an einem rhetorischen Text der ausgehenden Spätantike, und sie zeigt, wie in der Gegenüberstellung von essentialistischen und konstruktivistischen Ansätzen die zwei unterschiedlichen erkenntnistheoretischen Positionen hinsichtlich der Bewertung der Kategorie Geschlecht bzw. Geschlechterdifferenz in diesen deklamatorischen Gustostücken diskutiert werden. Denn in beiden Deklamationen wird die These vertreten, dass die Kleidung als significant marker of gender identity (S. 353) fungiere, wobei aber die gegenteilige Position mehr oder weniger latent immer gegenwärtig ist.

Der Beitrag Ganliucca Ventrellas verlässt das Terrain der Deklamationen als Produkt der Rhetorenschulen und schlägt den Bogen zum bithynischen Schriftsteller, Redner und Philosophen Dion Chrysostomos (40-115 n. Chr.): Unter seinen etwa 80 erhaltenen Reden sind vier kynische Reden erhalten, in denen er Diogenes das Wort erteilt und seine Lehre darbringen lässt (or. 6-10); die sechste Rede trägt den Titel In tyrannos. Darin stilisiert sich der Urkyniker Diogenes als Gegenbild des Perserkönigs, preist einerseits sein eigenes nach dem Vorbild der Tiere geführtes Leben als Vollendung der Eudaimonie (§§ 1-34) und bedauert andererseits die Figur des Großkönigs wegen seines von Schwelgerei und Angst vor Gift und Meuchelmördern geprägten Lebens ohne wahre Freuden und Freunde. Dass sich in dieser Sittenpredigt, welche die kynische Trias der mitunter provokanten und alle Konventionen in Frage stellenden Ideale Selbstgenügsamkeit, Schamlosigkeit und Freimütigkeit zelebriert, sowohl Assoziationen zum von Domitian relegierten Dion selbst als auch zum Kaiser aufdrängen, ist nun keine ganz neue Erkenntnis. Ventrella untermauert aber hier, nach einer einer kurzen Inhaltsskizze und einem etwas zu üppig geratenen Referat der eigentlich nicht lösbaren Quellenfrage, durch kluge Beobachtungen und treffende Querverweise die These der berühmten Monographie aus der Feder von Hans von Arnim von der lebendigen Aktualität.3 Die häufig gestellte Frage, ob denn nun Dions antityrannischen Ausfälle Ausdruck einer durch die Relegatio ausgelösten inneren Wandlung zum Philosophen oder lediglich kynische Pose waren, bleibt offen.

Man kann abschließend der Herausgeberin und dem Herausgeber zur Umsicht bei der Auswahl der Autoren und Autorinnen und der Themen nur gratulieren.

Inhaltsverzeichnis

Rémy Poignault, Catherine Schneider: Avant-propos
DANS LA MIROIR DE LA DÉCLAMATION
LE DÉCLAMATEUR D'APRÈS/DANS LA DÉCLAMANION
Antonio Stramaglia: Il maestro nascosto. Elementi "metaretorici" nelle Declamazioni maggiori pseudo-quintilianee)
Andrea Balbo, Ri-leggere un rhetore: riflessioni lessicali su Calpurnio Flacco
Fabrice Robert: De la déclamation exercise à la déclamation virtuose : le cas d'Aelius Aristide
POÉTIQUE DE LA DÉCLAMATION
Thorsten Burkard : Zu den Begriffen divisio und color bei Seneca Maior
Lucia Pasetti: Lingua e stile dell' „Io" nella declamazione latina. Appunti per una grammatica delle passioni
Christopher van den Berg: Program and composition in Pseudo-Quintilian's 13th Major Declamation
UN LUDUS ENTRE INSTRUCTION ET DISTRACTION DES ÉLITES
Erik Gunderson: Declamatory play
Michael Trapp: Philostratus, Aristides and the geography of declamation
Marion Faure-Ribreau : Présence et fonctions de la sententia dans la déclamation latine
Gualtero Calboli : Les status et les Petites déclamations du Pseudo-Quintilien
VALEURS ET FIGURES
VALEURS CULTURELLES
Pablo Schwartz Frydman: Céstio Pío, lector de Cicerón y de Virgilio
Nicholas A. E. Kalospyros: Towards the formation of an Attic genre of declamation: how to focus on Sopatros the Rhetor
Bé Breij: Rich and poor, father and son in Major Declamation 7
SCRABREUSES DÉCLAMATIONS?
Ida Mastrorosa: Istituzioni religiosi e pratica declamatoria in età augustea e tiberiana: il culto di Vesta in Seneca il Vecchio
Giovanna Longo: Quaedam satius est causae detrimento tacere quam verecundiae dicere. Eros "torbido" nella declamazione antica
Graziana Brescia: Rapta raptoris aut mortem optet aut nuptias. Rischi ed equivoci della seduzione nella declamazione latina
Fotini Hadjittofi: Cross-dressing in the declamations of Choricius of Gaza
DÉCLAMATIONS POLITIQUES; POLITIQUE DE LA DÉCLAMATION
Mario Lentano: Parlare di Cicerone sotto il governo del suo assassino. Una lettura della controversia VII, 2 di Seneca e la politica Augustea della memoria
Gianluca Ventrella: Da esercizio retorico a realtà vivente: la declamazione contro i tiranni nella polemica anti-domizianea di Dione di Prusa (Or. 6)
Pascale Feury: Évenescence de la déclamation dans le corpus frontonien
Estelle Oudot: La déclamation chez Aelius Aristide : un lieu possible pour une nouvelle histoire d'Athènes?


Notes:


1.   Den sententiae widmet sich eigens der Aufsatz von Marion Faure-Ribreau.
2.   Th. Zinsmaier, „Zwischen Erzählung und Argumentation : coloresin den pseudoquintilianischen Declamationes maiores", Rhetorica 27 (2009), S. 256-273.
3.   Leben und Werke des Dion von Prusa, Berlin 1898, S. 261.

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