Wednesday, March 22, 2017

2017.03.39

Norbert Kunisch, Die Attische Importkeramik. Milet: Ergebnisse der Ausgrabungen und Untersuchungen seit dem Jahr 1899, Bd. 5: Funde aus Milet, Teil 3. Berlin; Boston: De Gruyter, 2016. Pp. x, 220; 130 p. of plates. ISBN 9783110454895. $182.00.

Reviewed by Rebecca Diana Klug, Georg-August-Universität Göttingen (rebecca-diana.klug@phil.uni-goettingen.de)

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Norbert Kunisch hat in dem vorliegenden Band Die Attische Importkeramik eine wichtige Materialarbeit mit mehr als 1600 Fragmenten attischer Keramik aus verschiedenen Bereichen Milets vorgelegt. Es handelt sich bei den Fragmenten ausschließlich um Funde aus den Grabungen nach dem 2. Weltkrieg –1955 wurden die Ausgrabungen wiederaufgenommen. Die Mehrzahl der Funde stammt jedoch aus den Grabungen der Jahre 1992 bis 2009.

Der Band ist in drei Bereiche unterschiedlichen Umfanges gegliedert. Im ersten Teil (1-76) beschäftigt Kunisch sich mit der Befundsituation, der Grabungsdokumentation und insbesondere mit den verschiedenen Gefäßformen. Zusätzlich werden chronologische Fragen und Probleme angesprochen. Ergänzt wird dieser Abschnitt durch einen Beitrag von Norbert Erhardt zu den Graffiti (V. Namenskundlicher Kommentar zu den Graffiti, 37-40). Der zweite Teil wird durch den Katalog gebildet und ist der umfangreichste Abschnitt des Bandes (77-214). Der dritte Teil umfasst die 15 Beilagen—vorwiegend Profilzeichnungen—und 130 Tafeln, auf denen nahezu alle im Katalog aufgenommenen Stücke abgebildet sind.

Einleitend erklärt Kunisch seine Einschränkung auf die figürlich bemalte attische Keramik (1). Allein aufgrund der Materialmenge wird die unbemalte, schwarzgefirnisste Keramik ausgelassen, bzw. nur die Fragmente mit Graffiti wurden aufgenommen. Die Publikation dieser Fragmente soll folgen. Die Beschränkung auf die figürlich bemalten Fragmente scheint zumindest problematisch, da es sich bei den nicht bemalten Fragmenten sowohl um einfache Schwarzfirniskeramik handeln kann, aber auch um Fragmente figürlich bemalter Gefäße. Insbesondere bei den Skyphosrändern kann das kaum unterschieden werden. Es muss generell in der Interpretation berücksichtigt werden, dass eine größere Gruppe attischer Importkeramik noch nicht in die Analyse eingeflossen ist. Da es sich jedoch bei den vorgelegten Fragmenten schon um mehr als 1600 Stücke handelt, ist die Einschränkung auf die figürlich bemalte Keramik durchaus nachvollziehbar.

Weiterhin begründet er den Aufbau seines Katalogs: Als oberstes Ordnungskriterium wählt er die Vasenform und erst danach die chronologische Reihenfolge der Fragmente. Dieser Aufbau erleichtert die Nutzung des Katalogs und ermöglicht einen schnellen Überblick über die Mengenverhältnisse.

Anschließend beschäftigt Kunisch sich mit der Grabungsdokumentation und der Befundsituation. Beide sind für die Analyse der attischen Importkeramik problematisch. Er bemängelt, dass nicht nur ein einheitliches Inventarsystem fehle (3-10), sondern überdies auch die von 1955 bis 1982 gefundenen Fragmente nur ungenau den Grabungsarealen zugeordnet werden können. Zusätzlich wird die Auswertung durch die Befundsituation erschwert. Schon Volkmar von Graeve verweist in seinem Vorwort zu diesem Band darauf, dass „es eine in situ liegende Zerstörungsschicht in Milet nicht gibt" (VII). Er verweist damit auf die antike Umschichtung des Zerstörungsschutts. Stratigraphisch können die Fragmente daher nicht datiert werden.

Das erste Kapitel widmet Kunisch den in Milet vorkommenden Gefäßformen attischer Keramik. Er untergliedert dieses Kapitel in Attisch-schwarzfigurige Keramik (11-18), Attisch-rotfigurige Keramik (18) und Attisch-schwarzgefirnisste Keramik (19). Für die attisch-schwarzfigurige Keramik gibt er für jede vorhandene Form die Gesamtzahl der in Milet gefundenen Exemplare an und zählt die wichtigeren Fragmente auf. Alle angesprochenen Stücke werden mit Verweisen auf den Katalog versehen, nicht aber mit solchen auf die entsprechenden Tafeln. Gerade bei den herausgehobenen Stücken wäre dies ein schöner Zusatz. Deutlich zusammengefasster sind dagegen die Auflistungen der Attisch-rotfigurigen Keramik und der Attisch-schwarzgefirnissten Keramik.

Im zweiten Kapitel wird zusammengefasst, welche Rückschlüsse die attische Importkeramik auf den Heiligtumsbetrieb im Aphrodite-Heiligtum auf dem Zeytintepe erlaubt (21-22). Neben einer Eingrenzung der Nutzungsphase und der Blütezeit verweist Kunisch auf die Tatsache, dass in dem Heiligtum vorwiegend Trinkgefäße, nicht aber anderes Symposionsgeschirr gefunden worden ist. Er sieht damit in den Gefäßen einzelne Stiftungen, was auch die Graffiti zu unterstützen scheinen und nicht Reste von im Heiligtum abgehaltenen Banketten.

Das dritte Kapitel umfasst dagegen Fragen zur Fundmengenstatistik (23-27). Kunisch betrachtet eine solche aufgrund der spezifischen Befundsituation und der zum Teil nur geringen Fundmengen als problematisch. Einzig für die Funde aus dem Aphrodite-Heiligtum sieht er eine solche als möglich und nützlich an (23).

Anschließend folgt im vierten Kapitel eine Auflistung der Inschriften (29-35), wobei zwischen Inschriften und Graffiti unterschieden wird. Ergänzt wird dieses Kapitel durch den schon erwähnten Beitrag von Norbert Erhardt zu den darauf vorkommenden Namen (37-40), der als fünftes Kapitel aufgenommen worden ist. Darauf folgen als Kapitel sechs und sieben kurze Einschübe zu antiken Reparaturen (41) und zum Scherben (43). Kunisch verzichtet auf die Angabe von Farbwerten, auch im Katalog, da es innerhalb der attischen Keramik Farbschwankungen geben würde. Für nachfolgende Forscher, die den Band auch als Referenz für eigene Keramikarbeiten nutzen möchten, wäre die Angabe des Farbspektrums jedoch ein großer Mehrwert. Auch auf eine generelle Beschreibung des Scherben wird verzichtet.

Die Kapitel acht, neun und zehn sind einzelnen Gefäßen oder Gruppen von Gefäßen gewidmet. Im achten Kapitel wird der Fokus auf den Amasis-Maler gelegt (45-48). Insgesamt drei Schalen können diesem zugeordnet werden. Das Kapitel neun beschäftigt sich mit der Entstehung und der Bemalung der Kelchpyxiden (49-55). Laut Kunisch sind in Milet ungewöhnlich viele attische Kelchpyxiden gefunden worden, fast alle im Bereich des Aphrodite-Heiligtums (51). Im zehnten Kapitel steht dann der Altamura-Maler im Mittelpunkt (57-58).

Das Kapitel elf (59-62) beschäftigt sich generell mit den attischen Vasen in Milet und versucht diese in den historischen Kontext einzuordnen. Kunisch kann den durch den Ionischen Aufstand hervorgerufenen Bruch und die Zerstörung der Stadt anhand der Importe nachvollziehen. Die attischen Importe enden um die Wende vom 6. zum 5. Jh. v. Chr. Um die Mitte des 5. Jhs. v. Chr. nehmen die Importe dann wieder zu.

Abschließend thematisiert Kunisch im zwölften Kapitel verschiedene Datierungsfragen (63-70). Zum einen beschäftigt er sich mit einem als „Große Scherbenschüttung" bezeichneten Komplex unter der Westterrasse des Zeytintepe (63-65). Dabei handelt es sich um einen Teil der Wiederauffüllung eines Steinbruchs, der für den Aphrodite-Tempel angelegt worden war. Diese „große Scherbenstreuung" kann als geschlossener Befund betrachtet werden, der nicht mehr antik oder nachantik gestört worden ist. Die Funde können alle in die 2. Hälfte des 6. Jhs. v. Chr. datiert werden. Die jüngsten Funde gehören in das Jahrzehnt 520–510 v. Chr. (65). Kunisch schließt dieses Kapitel mit Bemerkungen zur ‚absoluten Chronologie' (65-70). Dabei handelt es sich um eine Frage, die sowohl von Graeve in seinem Vorwort als auch Kunisch in seiner Einleitung angesprochen hatten. Von verschiedenen Seiten stand die Frage im Raum, ob die attischen Vasen aus Milet etwas zur Chronologie der attischen Vasen beitragen könnten. Kunisch stellt fest, dass die attischen Vasen in Milet die ältere Chronologie von Langlotz stützen und nichts gegen einen Beginn der attisch rotfigurigen Malerei um 530 v. Chr. sprechen würde (70). Kunischs Argumentation macht sich die Fundzusammensetzung und das Verhältnis von schwarzfiguriger und rotfiguriger Malerei in den Ausgrabungen am Aphrodite-Heiligtum zunutze. Zwar überwiegt die schwarzfigurige Malerei sehr deutlich, doch auf das letzte Viertel des 6. Jhs. v. Chr. eingeschränkt, ist das Verhältnis zwischen schwarzfigurigen und rotfigurigen Importen 4:1. Damit passt, laut Kunisch, das Verhältnis sehr gut zu der Menge einer etablierten Vasengruppe im Verhältnis zu einer innovativen Neuerung. Ein Verhältnis von 1:1 wäre kaum zu erwarten. Kunisch nutzt damit Kenzlers eigene Argumentation,1 der den Beginn der rotfigurigen Vasenmalerei später ansetzen möchte, um Kenzlers Theorie zu widerlegen.

In Kapitel dreizehn werden „Tabellen zur Fundverteilung" abgebildet (71-74). Die Tabellen bieten einen guten Überblick über die Fundkomplexe und Gefäßformen attischer Importkeramik in Milet. Die chronologische Aufschlüsselung in Tabelle 5 zeigt noch einmal deutlich den Einbruch, der bereits im letzten Viertel des 6. Jhs. v. Chr. einsetzt. Es wäre benutzerfreundlicher gewesen, wenn die Tabellen den entsprechenden und ohnehin sehr kurzen Kapiteln zugeordnet wären.

Der anschließende Katalog bildet den umfangreichsten Bereich der Publikation (77-214). Ziel des Katalogs ist es laut Kunisch nicht nur die herausragenden Stücke zu beschreiben, sondern die attische Importkeramik vollständig zu erfassen, mit einem Fokus auf die figürlich bemalte Keramik. Der Katalog ist übersichtlich gegliedert und enthält alle wesentlichen Informationen. Für Vergleiche mit anderen Fundkomplexen wären Farbangaben hilfreich gewesen.

Abschließend folgt ein großer Abbildungsteil mit Beilagen und Tafeln. Nahezu von allen aufgenommenen Fragmenten ist die Vorderseite in Schwarz-Weiß abgebildet. Profilzeichnungen sind dagegen nur wenige vorhanden, dennoch bieten diese einen guten Überblick über die vorhandenen Typen.

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass es endlich eine umfangreiche Vorlage der attischen Importkeramik aus Milet gibt. Der Katalog enthält nahezu alle entsprechende Funde aus dem Stadtgebiet, während in den Auswertungskapiteln die besser dokumentierten und auch zahlreicher vorhandenen Fragmente aus den Grabungskampagnen von 1992 bis 2009 naturgemäß überwiegen. Das Auslassen der attischen schwarzgefirnissten Keramik und der Farbwerte ist zwar schade, dennoch in ihrer Begründung nachvollziehbar und schmälert in keiner Weise den Wert der vorliegenden Publikation. Es bleibt zu hoffen, dass auch die unbemalte attische Keramik mit gleicher Sorgfalt bearbeitet und publiziert werden wird, da auch diese für viele Fragen von entscheidender Bedeutung ist.



Notes:


1.   U. Kenzler, „Hoplitenehre. Ein Beitrag zur absoluten Chronologie attischer Vasen der spätarchaischen Zeit", Hephaistos 25, 2007, 179–207.

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