Wednesday, September 30, 2015

2015.09.59

Pia de Fidio, Clara Talamo (ed.), Eforo di Cuma: nella storia della storiografia greca. Atti dell'Incontro Internazionale di Studi, Fisciano-Salerno, 10-12 dicembre 2008 (2 vols.). La parola del passato: rivista di studi classici, 68, fasc. 388-393; 69, fasc. 394-399. Napoli: Macchiaroli Editore, 2013. Pp. 993. ISBN 0031-2355. (pb).

Reviewed by Bruno Bleckmann (bleckmann@phil.hhu.de)

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Die Universalgeschichte des Ephoros gibt der Darstellung Diodors, die für große Stücke der griechischen Geschichte des fünften und vierten Jahrhunderts hinzugezogen werden muss, das Fundament. Deutlich ist auch, dass Ephoros gemeinsam mit Theopompos die spätere Geschichtsschreibung, was methodischen Zugriff und Darstellungsweise betrifft, wesentlich stärker geprägt hat als Thukydides und dass er entscheidend dazu beigetragen hat, die Geschichtsschreibung als literarisches Genre zu formen.1 Mit dieser offenkundigen Bedeutung des Ephoros kontrastiert die Tatsache, dass eine Charakterisierung seines historiographischen Projekts ausgesprochen schwierig bleibt. Im neunzehnten Jahrhundert war die Rekonstruktion durch die Kombination von Passagen aus Diodors Büchern XI-XVI mit den wenigen unter dem Namen des Ephoros überlieferten Fragmenten erfolgt. Aus der sich daraus ergebenden Gesamtsicht gelangten die Protagonisten historiographiegeschichtlicher Forschung wie Schwartz und Jacoby zu einem ausgesprochen ungünstigen Urteil. In Ephoros erblickte man einen Autor mit geringen intellektuellen Kapazitäten, der durch kompilatorische Methoden eine spannungslose, in die Breite gehende und flach moralisierende Darstellung der gesamten griechischen Geschichte schuf.

In jüngster Zeit hat man versucht, eine positivere Einschätzung des Autors zu gewinnen. In einem gerade vorgelegten Sammelband wird Ephoros als Hauptvertreter eines „Golden Age of Greek Historiography" aufgefasst,2 dem durch die klassizistischen Vorurteile und eine Überbewertung des fünften Jahrhunderts nicht ausreichend Gerechtigkeit widerfahren sei. Selbst in seinen Rückgriffen auf die Geschichte des fünften Jahrhunderts, etwa in der Analyse des Ausbruchs des Peloponnesischen Krieges, sei Ephoros dem Thukydides zumindest gleichrangig.3 Diesen Bemühungen um die Neubewertung des Historikers Ephoros ist auch der anzuzeigende monumentale, von Pia de Fidio und Clara Talamo in Zusammenarbeit mit Luigi Vecchio vorgelegte Doppelband zuzuweisen.

Der Band enthält drei Teile. Nach einer Einleitung werden im ersten Teil allgemeine Fragen zum Autor und zum Kontext seines Werkes behandelt („Spunti biografici e contesto storico e culturale"). Ein zweiter Teil geht auf die verschiedenen im Geschichtswerk behandelten Epochen und Regionen ein („Le koinai praxeis tra storie regionali e storia ‚universale'"). Ein letzter Teil behandelt Fragen des Nachlebens des Ephoros („Risonanze eforee nella tradizione storiografica posteriore"). Als Quelle erschöpfender Informationen zu Ephoros ist der Band für jedes Studium der klassischen Historiographie unentbehrlich. Viele der dort vorgelegten Beiträge haben den Umfang und das Gewicht kleiner Monographien. So behandelt etwa G. Ragone die Frage, ob man bei Ephoros eine lokalpatriotische, nämlich an Kyme orientierte Verzerrung der Perspektive feststellen kann, auf über 100 Seiten,4 und einen fast gleich großen Umfang nehmen die fundierten Ausführungen von Pia de Fidio über den Beitrag des Ephoros zur frühmessenischen Pseudogeschichte ein.5 Durch die zusammenfassende Einleitung und durch die kleinen Abstracts am Ende ist die Benutzbarkeit des Werkes ebenso gewährleistet wie durch zahlreiche Indices.

Dass in diesem Sammelwerk letztlich keine völlig einheitliche Beurteilung des Autors vorgelegt werden kann, ist angesichts der vielfachen Unge¬wissheiten nicht weiter erstaunlich. Divergierend wird etwa die Frage behandelt, welche Beziehungen zwischen Isokrates und Ephoros bestehen. Franca Landucci Gattinoni geht in ihrer sorgfältigen Zusammenstellung der Zeugnisse zur mutmaßlichen Biographie des Ephoros davon aus, dass die Zugehörigkeit des Ephoros zur Schule des Isokrates einer biographischen Realität entsprochen haben könnte.6 Dagegen folgt Gabriela Ottone in ihrer Studie zum Zeugnis des Photios (cod. 176) deutlicher der Spur von E. Schwartz und erklärt entschiedener die angebliche Schülerschaft des Ephoros und Theopompos als Erfindung literaturgeschichtlicher Schematisierung späterer Biographen. Die Nähe zu isokrateischem Gedankengut ist daher eher Ergebnis eines allgemeinen Diskurses im Athen des vierten Jahrhunderts als einer wie auch immer gearteten direkten Beziehung.7

Auch die Bewertung des Verhältnisses von Ephoros zu Diodor fällt unterschiedlich aus. Besonders deutlich positioniert sich G. Parmeggiani, Diodoro lettore di Eforo, 781-806 gegen die These einer engen Abhängigkeit des Diodoros von Ephoros, die er für „scientificamente insostenibile" und gar für eine „pericolosa chimera" (802)8 hält. Jacoby, der in Diodor ein „fortlaufendes excerpt aus E(phoros)" sieht, oder Schwartz hätten die Defekte in der Demonstration Volquardsens übersehen.9 Diodor sei kein normaler Epitomator, er fühle sich nicht verpflichtet, den Inhalt der Ausführungen des Ephoros genau wiederzugeben und er kenne durch persönliche Lektüre auch andere Autoren. Ein Beispiel in der unterschiedlichen Argumentation des Ephoros und Diodors liefert Parmeggiani etwa im Vergleich zwischen F 119 und Diod. 15,88. Während Ephoros sein Lob des Epaminondas innerhalb von politisch orientierten Ausführungen wiedergebe, stehe bei Diodor die Einordnung des Epaminondas in die Galerie historisch bedeutender Männer im Vordergrund. Auch die Ausführungen über den Verlust der Hegemonie Thebens durch die Nachfolger des Epaminondas (bei Ephoros in Analogie zu Thuk. 2,65) seien in beiden Quellen nicht identisch.10 Dass Diodor bei Gelegenheit andere Akzente setzt und politische Dimensionen vernachlässigt,11 die in der Historiographie des vierten Jahrhunderts noch erkennbar waren, ist durchaus zu konzedieren, ändert aber m. E. wenig daran, dass die Inhalte zur Geschichte des griechischen Mutterlands, über die er reflektiert, aus seiner Vorlage Ephoros stammen.

Dreizehn der dreißig Bücher des Ephoros behandelten auf jeden Fall Zeitgeschichte des vierten Jahrhunderts, auch wenn für die Zeit ab 386 nur 30 Fragmente bekannt sind.12 Die Frage, welchen Wert diese zeitgeschichtliche Erzählung gehabt haben kann, bleibt offen. Diskutiert wird im Band zwar das Problem, inwiefern Ephoros selbst seine zeitgeschichtlichen Bücher verfasste, ob er nämlich, wie die antike Literaturkritik behauptet hat, breite Übernahmen aus dem Autor der Hell. Oxy., aus Theopompos oder aus Kallisthenes vornahm, oder ob er Informationen zeitgenössischer Historiker zu einem Mosaik zusammenfügte.13 Dies geschieht vor dem Hintergrund der programmatischen Erklärung des Ephoros, für die eigene Zeitgeschichte die detailliertesten Autoren zu benutzen.14 Der detaillierte Abgleich mit Xenophon, der den methodischen Hebel zur Eruierung des Quellenwerts zumindest der Erzählung Diodors bietet, etwa für die langen Kapitel zur Geschichte des Zugs der Zehntausend,15 wird im Sammelband dagegen eher zurückhaltend betrieben.16

Möglicherweise größere Aufmerksamkeit im Sinne einer schärferen Kontrastierung der Konsequenzen für die Bewertung des Autors hätte im Band schließlich die Erläuterung der Frage verdient, ob Ephoros wirklich ein Autor der späten Klassik oder der frühen Alexanderzeit ist. Behandelt wird diese Fragestellung vor allem im Beitrag von L. Prandi, L'ultimo Eforo. Sie hält fest, dass Ephoros die Zeitgeschichte bis zur „diabasis" Alexanders des Großen behandeln wollte (656), aber nur bis zur Belagerung von Perinth durch Philipp im Jahr 341 gelangte. Die Phase der Endredaktion des Geschichtswerks setzt sie in die Zeit 336-334. Das setzt allerdings voraus, dass Ephoros in großer Hellsichtigkeit die „diabasis" Alexanders auch ohne längeren zeitlichen Abstand als eine Zäsur von epochaler Bedeutung begriffen hat.

Nach der Lektüre der umfangreichen Ausführungen bleibt die skeptische Frage, was am Bild des rehabilitierten Ephoros in gesicherter Weise als völlig neu zu betrachten ist. Gewiss lassen sich in einigen Punkten Dinge, die von der Philologie des 19. Jahrhunderts umschrieben werden, positiver ausdrücken. So mag man etwa das additive Prinzip, bei dem die hellenische Identität durch die Summe der Lokalgeschichten gewonnen wird, nicht als spannungslose Sammelei beschreiben, sondern als gelungene Verbindung von lokaler und globaler Geschichte (Nicolai, 235 spricht von „glocal history"). An der Sache ändert sich nicht viel. Trotz solcher Restzweifel steht fest, dass mit dem Sammelband ein höchst wertvolles Instrument der Ephoros-Forschung vorgelegt worden ist.



Notes:


1.   S. im Sammelband den Beitrag von R. Nicolai, La storiografia di Eforo tra paideia retorica e identitá greca, 217-235, hier 235. Zur „Professionalisierung" der Geschichtsschreibung s. z. B. R. Vattuone, Looking for the Invisible. Theopompus and the Roots of Historiography, in: G. Parmeggiani, Between Thucydides and Polybius. The Golden Age of Greek Historiography, Cambridge Mass. - London, 2014, 7-37.
2.   S. Anm. 1.
3.   G. Parmeggiani, The Causes of the Peloponnesian War, in: Between Thucydides and Polybius (wie Anm. 1), 115-132. Das hat E. Schwartz anders gesehen (Griechische Geschichtsschreiber, 2. Aufl., Leipzig 1959, 23): „Ephoros glaubte kritisch zu verfahren, wenn er das Geklätsche der politischen Theoretiker, die nichts Positives wußten, gegen Thukydides' Rettung des Perikles ausspielte."
4.   Eforo „Campanilista". Lo spazio storico di Cuma Eolica nei frammenti dell' Epichorios e delle Storie, 95-216.
5.   Eforo e le tradizioni sulla Messenia arcaica, 413-506, mit dem Ergebnis, dass diese Frühgeschichte keine einheitliche Prägung hat, sondern einen „cambio di registro" aufweist (vgl. 493).
6.   Sulle tracce di Eforo di Cuma. Appunti biografici, 78-94.
7.   Diese Berührungen sind allerdings oft so spezifisch, dass man eine gemeinsame politische Grundausrichtung nachweisen kann. Dies gilt etwa für die Charakterisierung des Theramenes als Demokraten, vgl. P. de Fidio, 36 sowie C. Bearzot, Eforo e Teramene, 569-590, besonders 570. Dem Zeitgeist des vierten Jahrhunderts würde dagegen die Charakterisierung des positiven Ideals einer Hegemonie entsprechen, wo sich von Xenophon über Isokrates zu Ephoros vergleichbare Vorstellungen entdecken lassen, vgl. hierzu den Beitrag von Daverio Rocchi, 632-639.
8.   FGrHist 70 F 70 (bei Diodor 14,11,1-2) wird dabei in mehrfachen Zusammenhängen als Kronzeuge gegen die Einquellentheorie diskutiert (vgl. Parmeggiani, 788; Tuplin, 651). Die Passage könnte tatsächlich darauf hinweisen, dass eine Kurzversion der einen Quelle über die Ermordung des Alkibiades durch Pharnabazos, der den Spartanern einen Gefallen erweisen möchte, gegen eine längere Version aus Ephoros aussgespielt wird, der abweichende Gründe erwähnt. Die Stelle ist aber keineswegs völlig eindeutig, da man annehmen kann, dass Ephoros selbst oder seine Quelle eine erste Version knapp erwähnte, um anschließend deutlich gegen sie Stellung zu nehmen, ein Procedere, das man von den Hell. Oxy. 10,2 kennt. Vgl. dazu B. Bleckmann, Athens Weg in die Niederlage. Die letzten Jahre des Peloponnesischen Kriegs, Stuttgart – Leipzig 1998, 494 f. Ähnliches lässt sich auch für den zweiten von Parmeggiani, 789 vorgestellten Fall (Diod. 15,60,5 Alternativversionen für die Ermordung des Iason) annehmen. Für F 71 geht Tuplin, 650 f. davon aus, dass Ephoros Xenophon inhaltlich näher ist als Diodor. Gerade hier lässt sich zeigen, dass Diodor die teilweise an Xenophon angelehnte Vorlage des Ephoros durchaus benutzt und gekürzt hat, vgl. Bleckmann, 140.
9.   Dabei sollte allerdings beachtet werden, dass Schwartz explizit auf den Diskussionsprozess und auf die Argumente gegen die Einquellentheorie Volquardsens hinweist.
10.   Dagegen hält Daverio Rocchi, 638 das Lob des Epaminondas bei Diodor mit der Analyse im Fragment 119 für vereinbar.
11.   Den Enthusiasmus über die politische Analyse des Ephoros würde ich allerdings gerade für die Ausführungen über die böotische Hegemonie nicht teilen. Ephoros lässt in diese Analyse vor allem seine Überzeugung einfließen, dass die Böoter sorgfältiger Bildung entbehren und dadurch die Chancen versäumen, die sich aus ihrer geopolitischen Lage ergeben. Diese Analyse zeugt kaum von Vorurteilslosigkeit.
12.   S. die Hinweise in der Einleitung, S. 36.
13.   S. Prandi, 689.
14.   FGrHist 70 F 9 mit der Interpretation von Daverio Rocchi, 617; Prandi, 694 f. Anders G. Schepens, L'Apogée de l'Archè spartiate comme époque historique dans l'historiographie grecque du début du IVe siècle av. J.-C., Ancient Society 24, 1993, 169-203, hier 176, Anm. 20.
15.   Vgl. P. J. Stylianou, One Anabasis or Two, in: The Long March. Xenophon and the Ten Thousand, New Haven – London 2004, 68-96.
16.   Z. B. im Beitrag von C. Bearzot, Eforo e Teramene, 569-590. Der Beitrag von G. Daverio Rocchi, Eforo, Senofonte e la storia del loro tempo, 608-642 behandelt dagegen den divergierenden methodischen Ansatz in den Geschichtswerken Xenophons bzw. des Ephoros, etwa in der Frage der vollständigen Erfassung historischer Zusammenhänge versus lückenhafter Skizzierung oder in der Verwendung von Reden. Ferner geht der Beitrag auf jeweilige Eigenarten bei der Skizzierung der innergriechischen Beziehungen und der Erklärung des Scheiterns der Hegemonialbestrebungen Spartas, Athens und Thebens ein. Eine detaillierte Abgleichung der Darstellung Xenophons mit derjenigen Diodors bzw. der wenigen Ephoros-Fragmente wird dagegen nicht vorgenommen. Für die Frage der griechisch-persischen Beziehungen erläutert C. Tuplin, Ephoros on Post-Herodotean Persian History, 643-682 Unterschiede in der Darstellung Xenophons und Diodors eingehend, wobei Vertiefungen möglich gewesen wären. Bei der Darlegung der Unterschiede in der Darstellung der Seeschlacht von Knidos (394 ) geht es mir (B. Bleckmann, Fiktion als Geschichte, Göttingen 2006, 36-54) keineswegs, wie von Tuplin, 652, behauptet, um „criticism directed at Diodoran geography in the Cnidus narrative", sondern darum aufzuzeigen, dass Diodor eine gegenüber Xenophon umgestaltete Version des Schlachtgeschehens bietet, in der etwa die Rolle des Konon im Verhältnis zu Pharnabazos in ahistorischer Weise aufgewertet wird. Zur Frage der Verschmelzung von Pharnabazos und Tissaphernes, deren Genese Tuplin, 668 offen lässt, ist auf eine reichhaltige Diskussion zu verweisen, vgl. Bleckmann, Athens Weg in die Niederlage, 50-56.

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