Friday, September 18, 2015

2015.09.28

Claude Calame, Qu'est-ce que la mythologie grecque? Folio essais, 598. Paris: Éditions Gallimard, 2015. Pp. 732. ISBN 9782070445783. €10.20 (pb).

Reviewed by Theodor Heinze, Wiesbaden (theodor.heinze@t-online.de)

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Unter dem populärwissenschaftlich anmutenden, aber keinesfalls so zu verstehenden Titel Qu'est-ce que la mythologie grecque? legt der Schweizer Gräzist Claude Calame eine weithin theoretische Monographie zur griechischen Mythologie in einem französischen Publikumsverlag vor. Eine dem Buch vorangestellte Kurzbiographie (S. 7) weist Calames aktuelle Affiliationen an der École des Hautes Études en Sciences Sociales und dem Centre Anthropologie et Histoire des Mondes Antiques sowie seine gräzistische Laufbahn in Urbino, Yale und Lausanne aus.

Wie Calame im Vorwort sagt (S. 19), hätte er seinem Werk lieber den Titel Poétiques des mythes dans la Grèce antique gegeben. Herkunft und Anliegen wären auf diese Weise in der Tat deutlicher geworden. Denn es handelt sich um eine nicht unerheblich erweiterte Neuauflage seiner Monographie Poétique [sic!] des mythes en Grèce antique (Hachette, Paris 2000, im folgenden Poétique), die 2009 ins Englische und 2011 ins Italienische übersetzt wurde.1 Ihr Umfang ist nicht zuletzt durch die Aufnahme von drei bereits publizierten Aufsätzen von 288 auf 732 Seiten angewachsen. Es handelt sich um die Aufsätze zu den Heroen Theseus (VII, Ss. 281-320), Herakles (VIII, Ss. 321-354) und Prometheus (IX, Ss. 355-382).2 Der Neuauflage vorangestellt ist ein Vorwort (Ss. 9-21); darauf folgen, unterbrochen von den neuen Beiträgen, die übrigen acht Kapitel (Ss. 23-280; 383-491)3 und eine Schlussbetrachtung (Ss. 493-503). Angehängt sind eine Bibliographie (Ss. 507-568), der Anmerkungsapparat (Ss. 569-694) und ein Index antiker und moderner Namen (Ss. 695-722) sowie ein zweiseitiges Verzeichnis der selbständigen Schriften Calames (unpaginiert im Anschluss an S. 732).

Der Text dieser erweiterten Neuauflage ist, abgesehen von den neuen Kapiteln und den Überarbeitungen, so gut wie vollständig aus Poétique übernommen. Dabei sind vor allem im Anmerkungsapparat Ergänzungen, Streichungen und Korrekturen zur inzwischen erschienenen Literatur vorgenommen worden (zu den Änderungen in der englischen Übersetzung von Poétique siehe BMCR 2010.02.55). Die längeren Zitate antiker Originaltexte, die wie in Poétique lediglich in französischer Übersetzung dargeboten werden, sind hier anders als dort in den Fließtext eingeordnet. Griechische Begriffe und Ausdrücke sind ausschließlich in Transkription geboten.

Mit dem aktuellen Titel greift Calame definitorische Frageformeln der Forschung nach dem ontologischen Status ihres Gegenstands auf. Unterschiedliche Reichweite haben dabei etwa Ken Dowden: „What is myth?", Jan N. Bremmer: „What is a Greek myth?" und Penelope Murray: „What is a muthos for Plato?" Calame gibt ihm jedoch eine Wendung, indem er myth durch mythologie ersetzt. Es geht ihm darum, anhand einer Reihe von Beispielen aus der archaischen, klassischen und hellenistischen Literatur und bildenden Kunst der Griechen aus semiotischer, narratologischer, pragmatischer und anthropologischer Perspektive Funktionsweisen griechischer Mythen und ihrer Variationen zu erklären. Dabei setzt er sich insbesondere mit dem binären Schema des Strukturalismus auseinander, das er für überholt hält. Die Definition zielt nun nicht auf eine Abgrenzung des Mythos nach außen gegen andere Erzählformen, sondern nach innen auf die Mythopoiesis einzelner mythischer Erzählungen. Dazu analysiert Calame jeweils einen Ausgangsmythos und formuliert eine Problematik. Anhand weiterer Texte und bildlicher Darstellungen zeigt er, indem er die Aufmerksamkeit vor allem auf die Äußerung (énonciation)4 und die Pragmatik lenkt, die poetische Variabilität von Mythen unter der Feder griechischer Dichter und Prosaschriftsteller und die Verbindungen solcher Erzählungen zum Kult auf. Diesen Ansatz hat Calame inzwischen wiederholt zusammenfassend dargestellt.5

Im Vorwort zu Poétique (S. 7) war ein studentisches Publikum als Zielpublikum anvisiert, in der vorliegenden Auflage fehlt eine solche Angabe. Angesichts der theoretischen Komplexität von Argumentation und Terminologie sowie des anspruchsvollen Stils der hier versammelten Aufsätze wird man jedoch eher davon ausgehen, dass sie sich an fortgeschrittene, sprachwissenschaftlich geschulte Studenten und interessierte Wissenschaftler wenden, das heißt Mythenforscher, Religionswissenschaftler und – historiker und historische Anthropologen sowie Gräzisten.

Der Inhalt wird dreimal vorgestellt: einmal in stark verkürzter Form auf dem Buchrücken, dann etwas ausführlicher im Vorwort (Ss. 11-13) und schließlich in französischer Manier am Ende des Buches, das in einer Variation des analytischen Inhaltsverzeichnisses zunächst jeweils diskursive Inhaltsangaben und anschließend die Gliederung der einzelnen Kapitel bereithält (Ss. 723-732). Trotz diesen Hilfen zum Einstieg in die Argumentationen der einzelnen Kapitel bleiben auf dem Weg zum Verständnis der Texte unvermeidlich Lücken, die zu schließen dem Leser überlassen ist. Es ist jedoch unmöglich, dem Leser hier einen Anschluss an die Argumentationen jedes einzelnen Kapitels zu geben.

Vielmehr soll ein knapper Überblick über Kapitel IX „Prometheus und die bürgerliche Gerechtigkeit im philosophischen Dialog" (S. 355-382) als jüngster Beitrag (2012) Calames Vorgehen exemplarisch vorstellen. Das Problem wird folgendermaßen formuliert: „Was passiert, wenn sich ein Philosoph eines Mythos bemächtigt? Was passiert genauer mit den in heroischer Zeit spielenden Erzählungen, die man seit langem als 'Platons Mythen' bezeichnet?" (S. 355)

Auf diese Einleitung hin erörtert Calame unvermittelt die extradiegetischen Erzählungen von Bellerophon und Meleager in der Ilias, um die große „mythologische Freiheit" (S. 356) des epischen Sängers in der Anpassung der Erzählung an den jeweiligen Kontext der Äußerung und an die beabsichtigte Wirkung der Argumentation zu zeigen. Calames Absicht ist dabei offenkundig, eine Parallele für sein methodisches Vorgehen zu schaffen, mit dem er die Binnenerzählung im Protagoras analysieren kann.

Calame stellt sodann den Begriff der „Mythen" Platons insofern in Frage, als die Erzählungen verschiedene Erzähler haben, die Erzähler in verschiedenen Kontexten sprechen und auf unterschiedlichen Äußerungsebenen (niveaux de stratification énonciative) erzählen. Er schlägt daher vor, den Strategien der Äußerung nachzugehen.

Gleichwohl stellt Calame wiederum zunächst zwei andere Aspekte ins Zentrum, eine Analyse der Erzählung des Prometheus„mythos" in Platons Protagoras und einen Vergleich dieser Platonischen Version mit Prometheus' Darstellung seiner Wohltaten für die Menschen im Gefesselten Prometheus des Aischylos (Vv. 436-506). In der Analyse der Erzählung zeigt sich insbesondere, dass die Binnenerzählung des Protagoras nicht vollständig der Logik einer narrativen Handlung noch der Logik einer genealogischen Erzählung folgt. Der Vergleich zeigt vor allem, dass im Gefesselten Prometheus weder von der politischen Kunst (politike techne) noch von der Zurückhaltung (aidos) und der Gerechtigkeit (dikaiosyne) die Rede ist. Außerdem sei bei Aischylos die gesamte Handlung von der Macht und dem Willen des Zeus abhängig und eher auf die externe Pragmatik ausgerichtet, während Zeus bei Platon die Gaben des Prometheus an die Menschheit durch die politische Kunst ergänze und die Binnenerzählung damit auf die interne Pragmatik ausgerichtet sei.

Nun kommt Calame auf die angekündigte Untersuchung der Äußerungsstruktur (structure énonciative. Dabei ergibt die raum-zeitliche Markierung, dass der Prometheusmythos bei Aischylos zeitlich sehr nah ist und räumlich für alle Menschen gilt, während die Erzählung des Protagoras bei Platon zeitlich in mythischer Vergangenheit und räumlich in Athen angesiedelt ist. Eine wichtigere Beobachtung betrifft das Subjekt der Äußerung (sujet de l'énonciation: Bei Aischylos liegt eine Ich-Erzählung vor, die von der sprechenden Figur auf die gegebene dramatische Situation bezogen wird, während es sich bei Platon um eine Er-Erzählung handele. Im selben Abschnitt weist Calame auf Bedeutungsverschiebungen (glissements sémantiques hin, so wenn die politike techne im Diskurs über die Lehrbarkeit der Tugend zur politike arete und dike und aidos zur dikaiosyne und sophrosyne werden.

Der letzte Teil von Platons Dialogs behandelt wie der letzte Abschnitt dieses Kapitels die Lehrbarkeit der Tugend, die Protagoras gegenüber Sokrates vertritt. Dabei geht Protagoras nun vom illustrativen Mythos zur demonstrativen Argumentation über.

Relativ allgemein schließt Calame seine mythologische Analyse mit der Feststellung, dass die „mythische" Erzählung „syntaktische Plastizität und semantische Polyvalenz" (S. 381-382) gezeigt hat.

Doch zurück zu Kapitel I und II. Diese sind durch Aufspaltung des ersten Kapitels von Poétique entstanden. In Kapitel I „Mythen und Mytho-logiken" (S. 23-76) führt Calame den Begriff Mythos auf seine indigene Kategorie zurück. Mit Recht drängt er gegen neuere Untersuchungen darauf, dass der Mythos in archaischer wie in klassischer Zeit keine Klasse traditioneller Erzählungen bezeichne und nicht als Vorstufe des logos zu verstehen sei (Avant-propos S. 15 mit A. 8). Vielmehr würden in griechischen Quellen Begriffe wie ta archaia oder ta palaia zur Bezeichnung der Frühzeit verwendet. Am Beispiel der Erzählung vom Raub der Persephone und der Suche ihrer Mutter Demeter nach ihrer Tochter zeigt Calame, dass alle bisherigen Interpretationen dieser Erzählung von der römischen Antike an durch den Glauben an einen Begriff des Mythos und an mythisches Denken beeinträchtigt seien. In Kapitel II „Narrative und poetische Kreationen" (S. 77-116) werden die Begriffe der poetischen Praxis untersucht. Am Beispiel des homerischen Demeter-Hymnus, der vom Raub der Persephone durch Hades und dem Ende in den eleusinischen Mysterien, dem wahrscheinlichen Zeitpunkt der Aufführung, erzählt, zeigt Calame die Pragmatik der Mythen auf.

Es schließen sich in der Reihenfolge von Poétique die Kapitel III–VI an. Zu diesen Kapiteln, die aus der Vorgängermonographie übernommen sind, fasse ich mich hier kurz, zumal deren Übersetzung ins Englische bereits in BMCR 2010.02.55 rezensiert ist. Kapitel III „Bellerophon, der Übergang zum Erwachsenenalter und die Pragmatik der homerischen Erzählung" (S. 117-153) vergleicht die beiden homerischen Erzählungen von Bellerophon und Meleager und arbeitet deren interne Pragmatik heraus. In Kapitel IV „Klytaimnestra, Orestes und die poetische Feier eines Sieges bei den Pythischen Spielen" (S. 155-190) erörtert eine Erzählung vom Muttermord des Orestes und ihre Verwendung in einem Epinikion des Pindar (Pyth. 11). Kapitel V „Io, die Danaiden, der Fremde und der Autochthone: die tragische Wendung" (S. 191-235) geht der Geographie und Genealogie in der Erzählung von Io nach. Kapitel VI „Helena, der Krieg um Troia und die Absichten einer ersten Geschichtsschreibung" (S. 237-280) behandelt die Helena-Erzählung des Herodot.

An dieser Stelle folgen die neu hinzugekommenen Kapitel VII-IX zu Theseus, Herakles und Prometheus. Kapitel VII lautet: „Theseus, der Athener, als ikonographischer Held: Legitimation einer maritimen Expansionspolitik", Kapitel VIII „Herakles, tragischer Held und Opfertier: Zwischen Drama und Kult".

Kapitel X und Kapitel XI, die beiden längsten Beiträge, und die Schlussbetrachtung sind wiederum aus Poétique übernommen. In Kapitel X „Der Seher Tiresias, die Göttin Athene und der gelehrte Dichter von Alexandria" (S. 383-437) geht es um Kallimachos' Erzählung vom Bad der Athene. Gegenstand von Kapitel XI „Artemis, Hippolytos und der Kultraum von Troizen erzählt von einem Geographen" (S. 439-491) ist nicht der Hippolytos des Euripides, sondern eine Erzählung des Pausanias. In der „Schlussbetrachtung" geht Calame noch einmal dem erzählerischen und poetischen Charakter der Schöpfungen nach, um die Mythen mittels ihrer virtuellen Realität als referentielle Fiktionen zwischen Faktischem und Fiktivem zu bestimmen.

Insgesamt handelt es sich um die erweiterte Neuauflage einer Monographie, die anspruchsvolle linguistische Methodologie mit feinsinnigen Interpretationen zu tief greifenden mythologischen Analysen verbindet.



Notes:


1.   Greek mythology: Poetics, Pragmatics and Fiction. Translated by Janet Lloyd. Cambridge UP, Cambridge 2009; italienische Übersetzung: Poetiche dei miti nella Grecia antica. Traduzione italiana di Luana Quattrocelli. Argo, Lecce 2011 (= Il vello d'oro, Band 29).
2.   Es sind dies: „Thésée l'Athénien au Metropolitan Museum of Art de New York : scènes étiologiques de légitimation et questions de méthode", in: Dimitrios Yatromanolakis (Hrsg.), An Archaeology of Representations. Ancient Greek Vase-Painting and Contemporary Methodologies. Institut du livre / A. Kardemitsa, Athen 2009, 98-127; „Héraclès, animal et victime sacrificielle dans les Trachiniennes de Sophocle", in: Corinne Bonnet, Colette Jourdain-Annequin und Vinciane Pirenne-Delforge (Hrsg.), Le Bestiaire d'Héraclès. IIIe Rencontre héracléenne (= Kernos, Supplément 7), Centre internationale d'étude de la religion grecque antique, Liège 1998, 197-215; „The Pragmatics of 'Myth' in Plato's Dialogues: The Story of Prometheus in the Protagoras", in: Catherine Collobert, Pierre Destrée, Francisco J. Gonzalez (Hrsg.), Plato and Myth. Studies in the Use and Status of Platonic Myths. Brill, Leiden, Boston 2012, 127-143.
3.   Die Genealogie der einzelnen Publikationen sowie vorangehende Partizipationen Calames an verschiedenen réseaux de recherches kann in den Vorworten der beiden Publikationen nachvollzogen werden (2015, S. 20-21; Poétique, S. 7-9). Abgesehen vom Beitrag zu Herakles waren alle übrigen Kapitel zwar Gegenstand von Vorträgen vornehmlich im Jahr 1997, jedoch nicht zuvor veröffentlicht worden.
4.   Den Begriff der Äußerung (als Vorgang énonciation und als Ergebnisénoncé) erläutert Calame selbst in seiner Monographie Le récit en Grèce ancienne. Belin, Paris 2000, 17-48.
5.   „The Semiotics and Pragmatics of Myth", in: Ken Dowden, Niall Livingstone (Hrsg.), A Companion to Greek Mythology. John Wiley & Sons, Oxford 2014, 507-524; „Greek Myth and Greek Religion", in: Roger D. Woodard (Hrsg.), The Cambridge Companion to Greek Mythology. Cambridge UP, Cambridge 2007, 259-285; jüngst auch mit Bezug auf eine frühere Monographie: „Narrative Semantics and Pragmatics: The Poetic Creation of Cyrene", in: Edmund Lowell (Hrsg.), Approaches to Greek Myth. Second edition. Johns Hopkins UP, Baltimore 2014, 280-351.

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