Tuesday, November 22, 2011

2011.11.53

Pieter Borghart, Koen De Temmerman (ed.), Biography and Fictionality in the Greek Literary Tradition. Phrasis. Studies in Language and Literature vol. 51 [2010] 1. Academia Press, 2010. Pp. 161. ISBN 20305265.

Reviewed by Wolfgang Polleichtner, Ruhr-Universität Bochum (wolfgang.polleichtner@rub.de)

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[Table of Contents listed below.]

Die Herausgeber legen hier eine interessante Sammlung von Fallstudien zur Entwicklung des Verhältnisses zwischen Fiktionalität und Historizität in der Biographie in der griechischen Literatur von der Antike bis heute vor. Dabei lenken sie in ihrer Einführung das Augenmerk gerade des voraussetzungsfrei an die Lektüre ihres Bandes herangehenden Lesers auf zwei Begrenzungen desselben: Erstens handele es sich um eine Studie, die sich auf die Literatur einer Sprache beschränke, die in modernen Jahrhunderten eher eine turbulente und von anderen Sprachen und Literaturen beeinflusste Geschichte durchlebt habe, was sich auch in der Geschichte der Biographie im Griechischen niederschlage. Zweitens müsse man heute eben mit anderen Standards bei der Unterscheidung von Wahrheit und Fiktion rechnen als in der Antike. Umso mehr komme es gerade bei antiken biographischen Texten auf die Erschließung der verschiedenen Autorintentionen an. Für den fachnäheren Leser können diese beiden Punkte als bekannt vorausgesetzt werden. Durch die vorgestellten Fallstudien wird ein sozusagen sokratisches Element der Biographie deutlich [[what would this „Socratic element" be?]], das alle Werke, die ganz oder teilweise in dieses Genre fallen, über die Jahrhunderte verbindet. Die Nacherzählung eines Lebens kann niemals einlösen, was sie verspricht: vollständige Originaltreue. Sehr häufig aber werden unter ihrem Deckmantel ohnehin ganz andere Ziele verfolgt.1

Am Ende der Einführung kommen die Autoren kurz auf die Entstehung ihres Bandes zu sprechen und schieben die Verantwortung für die Auswahl der hier abgedruckten Beiträge den von ihnen ausgewählten Gutachtern zu. Für den Rezensenten bleibt dennoch die Verantwortung bei den Herausgebern, die sich nicht zuletzt die Gutachter ausgesucht und sich deren Urteilen angeschlossen haben. Es besteht kein Zweifel, dass die Artikel, die hier zur Publikation angenommen wurden, durchweg von hoher Qualität sind. Aber für die thematische Betonung der Antike gegenüber dem Mittelalter und der Neuzeit sollten weder eingereichte und dann abgelehnte schlechte Artikel noch die Gutachter verantwortlich gemacht werden. Ansonsten könnte man zum Beispiel auch die Frage stellen, ob es nicht besser gewesen wäre, antiken Biographien oder Autoren von zentralerer Bedeutung mehr Platz einzuräumen. Doch gerade im Beschreiten von etwas seltener betretenen Pfaden liegt das Verdienst des vorliegenden Bandes, der somit Arbeiten wie die von Erler und Schorn 2 thematisch und inhaltlich auf willkommene Weise fortführt.

Hodkinson geht in seinem argumentativ sehr überzeugenden Artikel davon aus, dass es in der Antike Biographien gegeben habe, deren Anspruch auf die Weitergabe historischer Wahrheiten graduell sehr verschieden war. Er sucht nach formalen Erkennungsmerkmalen, die ein antiker Autor in seine Werke einbaute, um seine Leser darüber zu informieren, wie historisch ernsthaft oder fiktional die jeweils vorliegende Biographie denn nun sei. Dabei geht Hodkinson einerseits von einer Arbeit Cohns3 und andererseits von dem Postulat aus, dass in der Antike die Form, nicht der Inhalt Fiktion und Wahrheit definierte. Er findet das Kriterium in der Allwissenheit des Autors hinsichtlich der in der Psyche der dargestellten Personen vorgehenden Gedanken oder Empfindungen. Hodkinsons Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass sich eine griechische Biographie in der Antike dann ein fiktionaleres Gewand gibt, wenn sie diese „psychische" Allwissenheit des Autors auch in Fällen, wo der Autor das von ihm Erzählte gar nicht selbst wissen kann, nicht durch Vorsichtstopoi abschwächt. Eine historisch ernsthafte Biographie würde dies nie zulassen. Wenn sich kein signifikantes Gegenbeispiel finden lässt, hätte uns Hodkinson damit für weitere Diskussionen in der Tat ein sehr handfestes narratologisches Instrument für die Beurteilung des historischen Wahrheitsanspruches von Biographien geliefert, das auch gleichzeitig beweisen würde, dass sich die Autoren von Biographien mit exakt diesem auch uns heute nach wie vor angehenden Problem beschäftigt hätten, welche Position die Biographie generell und im Einzelfall auf der Literaturskala von Fiktion bis Wahrheit einnimmt.

Zwei der Beiträge (Knöbl und Miles) beschäftigen sich auf je unterschiedlichen Feldern doch mit ähnlichen Fragen, nämlich mit den Grenzbereichen zwischen Biographie und den sokratischen Dialogen. Knöbl lotet aus, inwiefern und mit welchen Konsequenzen der Begriff der „Paramimesis" auf Satyrus' Biographie des Euripides zutrifft. Das zu diesem Begriff zugehörige Verb taucht in fr. 1 dieser Biographie auf. Und in der Tat gelingt es Knöbl dadurch, dass sie einen neuen und intensiven Fokus auf dieses Wort legt, die Euripidesbiographie als einen hoch artifiziellen Kommentar zur antiken Biographietradition selbst zu lesen. Dieser Kommentar wird dadurch plastisch, dass er sich gleichzeitig in die Reihe der sokratischen Dialoge einordnet und so von einem Nachdenken des Autors über die Biographie zeugt. Gleichzeitig regt aber die dialogische Anlage des Textes den Leser dazu an, es dem Autor gleichzutun und sich über die historischen Bedingungen und Fallstricke des Genres der Biographie selbst klar zu werden.

Miles wendet sich Porphyrios' Biographie des Plotin zu. Auch für ihn sind die dialogischen Elemente, die Porphyrios in seinen Text einbaut von Interesse und leiten ihn zu der Schlussfolgerung, dass sich gerade im Überschreiten rein biographischer Erzählung die Plotinbiographie den protreptischen und indealisierenden Zwecken, die Porphyrios mit ihr vor den Enneaden verfolgt, eindeutig unterordnet und die Faktenorientierung einer reinen Biographie verlässt. Aber die Form dieser Biographie, die schon viele Forscher zu Erklärungsversuchen veranlasst hat, begründet sich, wie Miles überzeugend darstellt, aus ihrer sokratisch-dialogischen Anlage heraus.4

Ramelli analysiert die verschiedenen Schichten, die sich hinter der Biographie von Addai verbergen, und kann so die Entwicklung dieser Lebensbeschreibung von ihren historischen Anfängen über mehrere Stationen hin zu einem fiktionalen Text der Spätantike gut nachzeichnen. Trotz weiterhin bisweilen erstaunlicher Nähe zu historischen Personen entwickelt sich dieser Text eher zu einem historischen Roman. Dies erreicht er vor allem durch diegetische und mimetische Zusätze, besonders durch eingefügte, im historischen Quellenmaterial so nicht nachweisbare Reden.

Moennig zeigt in seinem sehr materialreichen Überblicksartikel, wie bedeutend Einflüsse der Biographie auf die Literatur und damit Gesellschaft der (spät)byzantinischen Zeit waren. Moennig umreißt dabei ein erst noch zu bestellendes Forschungsfeld. Die Byzantinistik ruft er dazu auf, das Verhältnis von Fiktion und Fiktionalität in der Narrativik dieser Literatur genauer als bisher zu bestimmen.

Im letzten Beitrag des Bandes handelt Farinou-Malamatari von neuesten Entwicklungen in der ungefähr zeitgenössischen griechischen Literatur unserer Tage auf dem Gebiet der Biographie. Aus ihrer Zusammenstellung wird erkennbar, dass und wie biographische Werke des 20. Jahrhunderts die Grenzen zwischen Roman und Biographie abtasten, um dem immer wieder von der Antike bis heute von den Autoren erfahrenen Problem begegnen zu können, dass auch die reichste Quellenlage zum Leben eines Autors eben nie lückenlos sein kann. Hier hat die griechische Literatur dann spätestens immer wieder ganz deutlich auf Entwicklungen in anderssprachigen Literaturen reagiert.

Der Band weist nur relativ wenige Schreibfehler auf; auf Seite 140 etwa ist der letzte Satz des zweiten Paragraphen grammatikalisch nicht korrekt.

Table of Contents

3-10: Introduction
11-35: Owen Hodkinson: Some Distinguishing Features of Deliberate Fictionality in Greek Biographical Narratives
37-58: Ranja Knöbl: Talking about Euripides: Paramimesis and Satyrus' Bios Euripidou
59-81: Graeme Miles: Narrative Form and Philosophical Implications in the Life of Plotinus
83-105: Ilaria Rmelli: The Biography of Addai: Its Development Between Fictionality and Historicity
107-147: Ulrich Moennig: Biographical Arrangement as a Generic Feature and its Multiple Use in Late-Byzantine Narratives – An Exploration of the Field
149-161: Georgina Farinou-Malamatari: Biography and the Novel in 20th-Century Greek Literature


Notes:


1.   Man vergleiche zum Beispiel Lion Feuchtwangers Roman „Der falsche Nero" von 1936. Es wäre selbstverständlich interessant, wenn diese griechischen Fallstudien noch stärker als im letzten Beitrag des vorliegenden Bandes den literaturgeschichtlichen Untersuchungen in anderen Sprachen gegenübergestellt würden.
2.   M. Erler, S. Schorn (Hgg.): Die griechische Biographie in hellenistischer Zeit. Berlin 2007.
3.   D. Cohn: The Distinction of Fiction. Baltimore 1999.
4.   Vgl. schon Friedländers Diskussion des biographischen Wertes der sokratischen Dialoge Platons unter der Überschrift des "Werdens zum Sein" (P. Friedländer: Platon. Eidos. Paideia. Dialogos. Berlin 1928, 148).

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