Wednesday, March 20, 2013

2013.03.37

Ergün Lafli, Eva Christof, Michael Metcalfe, Hadrianopolis I: Inschriften aus Paphlagonia. BAR international series, 2366. Oxford: Archaeopress, 2012. Pp. viii, 142. ISBN 9781407309538. £29.00.

Reviewed by Vera Hofmann, Universität Wien (vera.hofmann@univie.ac.at)

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Basierend auf den Prospektionen der Jahre 2005–2008 widmen Ergün Laflı und Eva Christof Hadrianopolis und seinen Inschriften den ersten Band einer geplanten Hadrianopolis-Reihe. Als Kontext für die Analyse der Inschriften werden zunächst Geschichte und Topographie sowie die bisherige Forschungsgeschichte kurz skizziert und anhand zahlreicher Karten, Abbildungen und Photographien illustriert. Im Anschluß werden die Inschriften und Kleinfunde getrennt nach vermuteter Herkunft aus Hadrianopolis oder der Chora behandelt. Der chronologische Schwerpunkt des gesamten Fundmaterials liegt in der Kaiserzeit und der 1. Hälfte des 6. Jahrhunderts. Ausdrückliches Ziel der Autoren ist die rasche Publikation der Neufunde und die Revision bereits publizierter Inschriften mit neuem Photomaterial und Angabe der aktuellen Verwahrung. Die Zusammenstellung der Inschriften im Hauptteil wird durch einen onomastischen Index sowie eine Konkordanz von Michael Metcalfe abgerundet. Im Anschluß finden sich einzelne Inschriften aus Amastris und der Chora von Tieion, jedoch ohne onomastischen Index oder Konkordanz. Der Wert dieser an sich sehr begrüßenswerten Publikation wird allerdings durch das Fehlen eines epigraphischen Index sowie eines Gesamtindex, die unzulänglichen Kommentare, die überwiegend schlechte Qualität der Photographien sowie die mangelhafte drucktechnische Umsetzung gemindert.

Hadrianopolis fand in der Forschung Interesse, seit Gustav Mendel die Lokalisierung der Stadt im heutigen Becken von Eskipazar Ende des 19. Jahrhunderts auf Basis einer Ehreninschrift des δῆμος Καισαρέων Ἁδριανοπολειτῶν für Constantius I. (Nr. 2) sicherte. Erst im Jahr 1993 versammelte Christian Marek schließlich in seinem Corpus zu Pontus-Bithynien und Nord-Galatien die bis dahin bekannten 94 Inschriften aus Hadrianopolis.1 Es folgten ausgedehnte Prospektionskampagnen und Grabungen: 1997 startete das British Institute of Archaeology at Ankara ein field survey project in der Provinz Çankırı unter der Leitung von Roger Matthews, 2009 wurden die Ergebnisse publiziert.2 Nach einer Rettungsgrabung im Jahr 2003, von der mangels Publikation wenig bekannt ist, begann 2005 ein Team der Dokuz-Eylül-Universität İzmir unter der Leitung von Ergün Laflı mit Prospektionen. Es folgten Grabungskampagnen 2006 und 2007 sowie eine Restaurierungskampagne 2008.3 Im folgenden Jahr übernahm ein Team der Atatürk-Universität Erzurum die Restaurierungen und den Bau eines Grabungshauses.

Im südwestlichen Teil Innerpaphlagoniens gelegen, erstreckte sich Hadrianopolis entlang des Göksu-Tales, während die weitläufige Chora sich entlang der Straße von Gangra nach Germanikoupolis in Ost-West-Richtung ausbreitete. Der ehemalige römische Stadtkern dürfte sich an der Stelle der späteren byzantinischen Festung, heute Deliklikaya genannt, befunden haben. In byzantinischer Zeit war Hadrianopolis Teil der Provinz Honorias. Auf Grund des enormen Bevölkerungszuwachses bildete ab dem 5 Jh. der nördliche Teil der Chora eine selbständige Gemeinde, Hadrianopolis wurde im 6. Jh. zur Großstadt. Die wirtschaftliche Existenzgrundlage der Bewohner lieferte vor allem die Produktion von Wein, wie auch der Fund zahlreicher Weinpressengewichte und Kelteranlagen untermauert. Daneben spielten die Holzwirtschaft und die benachbarten fünf Steinbrüche eine wichtige Rolle.

Aus hellenistischer Zeit sind nur Keramik und vereinzelte Tumuli und Phallossteine erhalten, aus römischer Zeit immerhin Grabhäuser und eine monumentale Felsgrabkammer, bis auf das Theatron allerdings keine öffentlichen Gebäude. Östlich der byzantinischen Festung befindet sich die Kirche A aus dem 6. Jh. Westlich im Bereich der Kirche B wurden zwei Thermenanlagen, ein Apsidalbau (Theatron?), mindestens sechs Nekropolen, eine Villa, ein Kuppelbau sowie Gebäudereste mit fünf Mosaikböden mit figürlichen Darstellungen gefunden. Der Großteil der 25 nachweisbaren Gebäude stammt aus der Zeit ab dem 1. Viertel des 6. Jh.

Neben dem Fokus auf Eskipazar galt das Interesse von Laflı auch dem am Asartepe gelegenen Dorf Kimistene in der Chora von Hadrianopolis. Es wurden eine Akropolis, eine Zisterne und zwei Nekropolen zutage gefördert. Auf der Akropolis wurden ein Tempel, im Temenos ein Zugangsweg, ein Propylon und an der Ostseite drei Altäre gefunden. Die Fundamente der Cella waren mit Versatzmarken (Nr. 69–77) versehen, die im Gegensatz zum Großteil der restlichen Inschriften in situ aufgenommen werden konnten. Eine Weihinschrift an Zeus Kimistenos (Nr. 51) macht eine Identifikation als lokales Zeusheiligtum wahrscheinlich. Anhand einer Datierung der ornamentierten Architekturteile konnte Eva Christof eine severische Bauphase (Ende 2. Jh. bis Anfang 3. Jh.) und eine Reparatur- und Umbauphase vom 3. bis zum 1. Viertel des 4. Jh. wahrscheinlich machen.

Im Inschriftenteil werden nur Steine angeführt, die von Laflı selbst in den Jahren 2005–2008 aufgenommen worden sind. Die Karte der Fundorte (Abb. Teil 1, 5 nicht 4) ist unvollständig. Mit Verweis auf die Publikation von Christian Marek wird ausdrücklich kein Corpus angestrebt. Von 67 Inschriften sind 25 bereits aus Marek oder dem Project Paphlagonia Survey bekannt. Es handelt sich also um 42 Neufunde, die von Laflı zum Teil schon publiziert wurden. Hinzu kommen 28 Versatzmarken und 5 Kleinfunde. Von den 14 Einträgen aus Amastris und der Chora von Tieion sind 11 Neufunde. Beim Großteil der Inschriften handelt es sich um Grabinschriften und -epigramme, häufig auf kleinen Steinsäulen. Daneben finden sich wenige Ehreninschriften, z.B. der Abdruck einer Statuenbasis auf dem Boden eines Raumes in Therme A (Nr. 3). Die Basis des Claudius Aurelianus dürfte als Abdeckung so auf den frischen Boden aus opus caementicium gelegt worden sein, daß dieser Abdruck entstand. Es wurde keine einzige Bauinschrift, ebenso keine einzige lateinische Inschrift gefunden. Aus frühbyzantinischer Zeit dominieren Mosaik- und Grabinschriften sowie Bleisiegel.

Die unorthodoxe Darstellung des Materials – zuerst aus Hadrianopolis-Stadt und aus Amastris-Stadt und in einem eigenen Teil getrennt davon aus der jeweiligen Chora – verwundert, da nur sehr selten ein in situ-Befund erhalten ist. Die Steine werden, wie die Autoren selbst feststellen, seit vier Jahrhunderten von den Einheimischen als Spolien benutzt und dienen heute unter anderem als Leichentisch (Musalla Taşı, Nr. 37), Weinpressengewicht (Nr. 7) oder Cafeteria-Dekoration (Nr. 56). Oftmals ist der Fundort daher unbekannt und eine exakte Zuordnung dieser verschleppten und wiederverwendeten Steine problematisch. Eine nachvollziehbare Argumentation je Einzelfall wird darüber hinaus nicht geliefert. Das angegebene Argument, die Inschriften aus Hadrianopolis-Stadt seien jeweils zur Gänze der frühbyzantinischen Epoche zuzuordnen, die des Umlandes jeweils der mittleren römischen Kaiserzeit, ist kein überzeugender Grund für diese Trennung, zumal die Datierungen im Einzelfall sehr unsicher sind.

Nach dieser Unterscheidung zwischen Inschriften aus der Stadt und dem Umland wird auf eine Reihung nach Verwendungszweck und Chronologie verwiesen. Ein Blick auf die Überschriften offenbart allerdings, daß die Inschriften im Hadrianopolis-Teil nach chronologischen Gesichtspunkten gereiht wurden, die Inschriften aus der Chora wiederum nach dem Prinzip un-/publiziert. Zur leichteren Orientierung sei darauf hingewiesen, daß die Unterpunkte 3.3. (Unpublizierte kaiserzeitliche Grabinschriften [Nr. 32–45]), 3.4. (Unpublizierte frühbyzantinische Inschrift [Nr. 46]), 3.5. (Publizierte kaiserzeitliche Ehren- und Weihinschriften [Nr. 47–51]) und 3.6. (Publizierte kaiserzeitliche Grabinschriften [Nr. 52–68]) im Inhaltsverzeichnis fehlen und die Seitenangaben zu 6. (101, nicht 97), 7. (109, nicht 101) und 9. (121, nicht 120) falsch sind. Die in diesen Überschriften verwendeten Bezeichnungen "römisch" und "kaiserzeitlich" beziehen sich jeweils auf denselben Zeitraum (2.–4. Jh.), implizieren daher keine chronologische Folge.

Nun zur Darstellung der einzelnen Inschriften: Die Lemmata sind teilweise wenig aussagekräftig gestaltet (z.B. Nr. 10–15 "Stifterinschrift[en] auf einem Mosaik in der frühbyzantinischen Kirche B"), die Orientierung fällt dementsprechend schwer. Daneben finden sich rätselhafte Angaben wie "Grarmt. Seit MAREK's (sic) Lesung mehrere Zerstörungen" (Nr. 67). Jeder Eintrag wird illustriert durch ein oder mehrere Photos, die mehrheitlich entweder unscharf, unter- oder überbelichtet sind oder Streifen im Druck aufweisen. Von einer Überprüfung der einzelnen Transkriptionen wurde daher abgesehen, ebenso von einer detaillierten Auflistung sonstiger Fehler. Das gutgemeinte Ansinnen der Autoren, manche Inschriften auch ohne Transkription und nur mit Angaben zum Fundort und den Maßen sowie Erhaltungszustand des Inschriftenträgers allein anhand der Photos zur Diskussion zu stellen, ist dadurch ebenso hinfällig. Neben den angegebenen Inschriften (Nr. 5; 43; 98; 109–110; 115) findet sich dieser Hinweis auch bei Nr. 107–108. Bei Nr. 112 ist immerhin eine Transkription versucht worden, ohne jedoch einen Kommentar zu liefern.

Die gelieferten Transkriptionen werden durch zahlreiche Fehler, Auslassungen, eingesickerte lateinische Buchstaben sowie massive Schwierigkeiten mit der Darstellung von Akzenten an den Rand der Unleserlichkeit gebracht. Statt eines spiritus asper vor einer Majuskel findet sich oft ein einfaches, sich öffnendes Anführungszeichen oder ein Akzent. Buchstaben mit Akzent erscheinen wiederum entweder in einer anderen Schriftart, fett und/oder größer als der Rest. Zudem werden unsichere Buchstaben nicht wie üblich mit einem Unterpunkt versehen, sondern unterstrichen. Zum Beispiel offenbart ein Vergleich mit der Transkription bei Marek in Nr. 6, Z. 5 das Fehlen des Buchstaben ν im Namen Ἄντυλλος. Im onomastischen Index (Anm. 197) wird in der Folge vermerkt, daß dieser Name bei Corsten LGPN 2010 s.v. Ἄτυλλος nicht belegt sei. Unter dem richtigen Lemma Ἄντυλλος findet sich bei Corsten jedoch der passende Eintrag.4

Bei den Literaturangaben ist immer wieder der Verweis auf eine Erstpublikation in den Besançon-Akten verzeichnet, obwohl diese noch nicht veröffentlicht worden sind. Die Bezeichnung "Erstpublikation" sollte daher vielmehr für den vorliegenden Band beansprucht werden.5 Übersetzungen werden nur geliefert, wenn sie in der bisherigen Literatur nicht vorhanden sind, und weisen zahlreiche Fehler auf. Eine Weihinschrift aus der Chora (Nr. 24) nennt z.B. mit größter Wahrscheinlichkeit keine Dekaprotoi. Die entsprechende Passage Z. 5–7: ἐπὶ τῶν | δέκαπρῶτων | ἔτων ρ̣̣̣α̣μ' wird übersetzt „während der Jahre als Dekaprotos" sollte aber nach Trennung von δέκα und πρώτων mit „während der ersten zehn Jahre (...)" wiedergegeben werden. In Nr. 26, Z. 3 wird ein „zartes" (ἀταλός) zu einem „unseligen Schlafgemach", in Nr. 29, Z. 5 wird Νέμεσις τις (sic) zu „eine gewisse Nemesis". Auch folgt die Zeilentrennung in der deutschen Übersetzung keinem durchgängigem Konzept.

Zeilenkommentare werde nur selten geliefert, es wird z.B. unpräzise auf "manche Unterschiede zu unserer Transkription" verwiesen (Nr. 56). Einen Zeilenkommentar, der diese Abweichungen genauer definiert, sucht man allerdings vergeblich. Die Kommentare zu den Inschriften sind auf das Wesentlichste beschränkt. Im Kommentar zu Nr. 34 wird als Parallele zum Namen Ὄλυνπος ein Vergleichstext bei Marek zitiert, dabei ein nicht vorhandener Unterschied zur Namensversion Ὄλυμπος konstruiert. Im onomastischen Index wird statt der Nr. 55, Z.4 fälschlicherweise Nr. 54, Z.4 angegeben und die weitere Nennung in Nr. 34, Z.1 unterschlagen.

Zusammenfassend gesagt handelt es sich bei dieser Publikation um einen wichtigen Beitrag zur archäologischen und epigraphischen Erforschung Innerpaphlagoniens, deren Wert allerdings durch die genannten Mängel beeinträchtigt wird. Der couragierte Ansatz, mit neuem Material trotz mancher Unsicherheit eben nicht hinterm Berg zu halten, um eine rasche Publikation zu forcieren und die Texte der Allgemeinheit zur Diskussion zu stellen, ist insgesamt jedoch durchaus als positiv zu bewerten.



Notes:


1.   Christian Marek, Stadt, Ära und Territorium in Pontus-Bithynia und Nord-Galatia, Tübingen 1993.
2.   Roger Matthews / Claudia Glatz (Hg.), At Empire's Edge: Project Paphlagonia. Regional Survey in North- Central Tureky. British Institute at Ankara, BIAA Monograph 44 (London 2009); die epigraphische Evidenz publizierte Michael Metcalfe, Epigraphic Evidence from Project Paphlagonia, in: Matthews/Glatz 2009, 200– 216; der gesamte Sammelband wurde rezensiert von Ergün Laflı, Gnomon 84, H. 5, 2012, 439–445.
3.   Für einen zusammenfassenden Berichte der einzelnen Kampagnen s. in Kürze Ergün Laflı / Binnur Gürler, Paphlagonia Hadrianoupolis'inde 2003–2008 Yılları Arasında Yapılan Arkeolojik Çalışmaların Eski Anadolu Tarihine Katkıları, in: XVI. Türk Tarih Kongresi, Ankara, 20–24 Eylül 2010. Kongreye Sunulan Bildiriler (im Druck).
4.   Thomas Corsten (Hg.), A Lexicon of Greek Personal Names 5A: Coastal Asia Minor: Pontos to Ionia, Oxford 2010, 39.
5.   Eva Christof – Ergün Laflı, Neue Transkriptions- und Übersetzungsvorschläge zu 43 Inschriften aus Hadrianopolis und seiner Chora in Paphlagonien, in: Hadrien Bru / Guy Labarre (Hg.), L'Anatolie des peuples, cités et cultures (IIe millénaire av. J.-C.–Ve siècle ap. J.-C.), autour du projet d'Atlas historique et archéologique de l'Asie Mineure antique, Besançon, 26–27 novembre 2010.

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