Saturday, March 26, 2011

2011.03.70

Dorothee Elm, Thorsten Fitzon, Kathrin Liess, Sandra Linden (ed.), Alterstopoi: das Wissen von den Lebensaltern in Literatur, Kunst und Theologie. Berlin/New York: Walter de Gruyter, 2009. Pp. vi, 346. ISBN 9783110208450. $139.00.

Reviewed by Wolfgang Polleichtner, Ruhr-Universität Bochum (wolfgang.polleichtner@rub.de)

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Table of Contents

Die Herausgeber legen hier einen höchst interessanten Sammelband zum Thema vor, wie das Wissen um die Existenz verschiedener Altersstufen im Leben eines Menschen von Autoren verschiedenster Textsorten und verschiedener Jahrhunderte in ihrer Stereotypizität oder gerade im Gegensatz zu gemeinhin angenommenen schematischen Vorurteilen zu unterschiedlichsten Zwecken eingesetzt wurde. Es ergibt sich ein an einzelnen Fallstudien exemplifiziertes Potpourri, das umgekehrt zeigt, wie sich im Verlauf der Zeit letztlich gleichzeitig mit der Zunahme von Lebenserwartung und der Verschiedenartigkeit von intra- und intergenerationell existierenden Ansichten von den einzelnen Stufen des Lebensalters eines Menschen diese Stereotypien verändert haben und wohl auch weiterhin verändern werden.

Der vorliegende Band stellt die Publikation der Tagungsakten einer Freiburger Konferenz vom 13. und 14. März 2008 zum Thema „Alterstopoi. Neues im alten Wissen von den Lebensaltern" dar. Die Tagung verstand sich als Teil eines umfangreicheren interdisziplinären Forschungsprojekts zu der Entwicklung des Diskurses über die verschiedenen Alterstufen im menschlichen Leben (18). Dieses Forschungsprojekt wird von der Heidelberger Akademie der Wissenschaften im Rahmen ihres Nachwuchskollegs gefördert.1

Die Einleitung, die von den vier Herausgebern verfasst wurde (1-18), enthält neben einer kurzen Vorstellung der Hauptthesen der insgesamt zwölf Beiträge des Sammelbands einen informativen Abriss zur Entwicklung der Forschung an Topoi vor allem aus literaturwissenschaftlicher und rhetorischer Sicht. Die Herausgeber stellen besonders heraus, dass ein Alterstopos - wie auch andere Topoi - in der Spannung zwischen beharrender Konservierung von Wissen, Ansichten und Erinnerungen an die in ihm gespeicherte Lebenserfahrung steht. Er wird immer neu Diskursen durch und über ihn selbst gegenübergestellt und befindet sich so in einem ständig ihn selbst wandelnden Prozess, durch den letztlich die Neuordnung von solchen Topoi vorangetrieben wird. So ergeben sich dann zwangsläufig Unschärfen und Spannungen, die vor allem im Zusammentreffen von alten Texten und neuen Lesern durch die Heterogenität der Auffassungen darüber, was ein bestimmtes Lebensalter denn nun wirklich bedeutet, auch interpretatorische Schwierigkeiten bereithält. Alterstopoi sind also äußerst dynamische Konzeptualisierungen von Wissen, das natürlich auch immer für die Selbstorientierung eines Lesers im Verhältnis zu seinem Text von größter Bedeutung ist. Aber Alterstopoi leisten noch weit mehr: Sie werden zu einem dynamischen Fokalisierungspunkt, in dem sich die Suche nach dem Sinn menschlicher Existenz in ihrer Unterworfenheit unter die Zeit immer wieder zugleich wie gewohnt und doch neu bricht.

In gewisser Weise leben wir in unseren westlichen Gesellschaften, die Überalterung fürchten, in einer Art neuem Hellenismus. Damals rückten die verschiedenen Lebensalter eines Menschen in, soweit wir sehen können, neuer Unmittelbarkeit in das Bewusstsein der Menschen. Die Wissenschaft kann sich heute diesem Trend nicht entziehen und setzt sich mit dem Thema der Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den verschiedenen Auffassungen zu den Lebensphasen in Vergangenheit und Gegenwart auseinander. Es sei hier etwa auf die Ausstellung im Landesmuseum Bonn des Landschaftsverbands Rheinland im Jahr 2009 unter dem Titel „Alter in der Antike. Die Blüte des Alters aber ist die Weisheit" hingewiesen.2 Auch einschlägige Literatur erscheint in großer Zahl.3

Den Reigen der Beiträge beginnt Kathrin Liess mit ihrer Abhandlung über unterschiedliche Bedeutungen von hohem Alter im Alten Testament. Während in Prov 16,31 oder 20,29 hohes Alter mit großem Wissen de facto gleichgesetzt wird, können auch alte und damit angeblich weise Männer Hiob nicht erklären (v. a. Hi 32), weshalb er leiden muss. Gott allein verleihe Weisheit, die er Alten auch entziehen könne. Alter muss also nicht immer Weisheit bedeuten, wie auch Koh 4,13 verdeutlicht, wo ein armer junger Mann als unter Umständen weiser vorgestellt wird als ein alter, reicher König, der sich aber gegenüber seinen Beratern aus Dummheit falsch verhält. Liess' Zusammenfassung ihres Artikels hätte meiner Meinung nach noch gewinnen können, wenn sie hier nochmals auf eine Stärke ihrer Darstellung hingewiesen hätte, die in der Analyse der gesellschaftlichen Spannung besteht, die zwischen gesellschaftlichen Konventionen - vor allem dem Respekt dem Alter gegenüber - und qualitativer Wertigkeit der tatsächlichen Ratschläge von älteren Menschen entsteht und in der jeweils einzelnen Erzählung ausgelotet und auch eben vom Erzähler für den Nutzen des Erzählten fruchtbar gemacht wird. Sehr nützlich ist sicherlich auch die Darstellung der unterschiedlichen Bedeutung von Grauhaarigkeit in den vorliegenden Texten und die Verortung der biblischen Texte vor dem Hintergrund von Texten benachbarter Gesellschaften.

Therese Fuhrer untersucht die Stereotype, die bei Horaz gegenüber älteren Menschen besonders hinsichtlich ihrer Sexualität Verwendung finden (49-69). In Horaz' Invektiven werden wir natürlich nicht nach objektiven Darstellungen der Problematik suchen dürfen. Woraus ein Witz gemacht werden kann, daran wird Horaz nicht als Kostverächter vorbeigehen. Aber die Tatsache, dass Horaz „seiner" alten Frau eine Stimme gibt und sie aus ihrer Sicht ihr Schicksal darstellen lässt, wird die reine Spottfunktion, welche die Darstellung von sexuellen Problemen im Alter weidlich auskostet, selbst zu einem Topos, dessen Konsequenz natürlich alle jetzt noch jungen Akteure in den Gedichten und außerhalb der Gedichte auf sich zukommen sehen müssen.4

Aus der Zeit der Zweiten Sophistik hat sich Dorothee Elm das Material für ihren Aufsatz ausgewählt (71-99). Elm stellt uns überzeugend vor Augen, wie Lukian in seinem Alexander oder der Lügenprophet die Tatsache, dass dieser Alexander eine Perücke trug, um seine Kahlköpfigkeit zu verbergen, als Symbol dafür benutzt, wie hier jemand die Position eines verehrten Propheten einnehmen möchte und dann doch demaskiert wird. Das Ausnutzen des Widerspruchs von äußerem Schein und innerer Wahrheit ist eine Technik, die Lukian auch an anderen Stellen in vergleichbarer Weise einsetzt.5 In der Rede Pro se de magia wiederum möchte sich Apuleius älter machen, um dem Vorwurf zu entgehen, er habe seine ältere Frau ihres Vermögens wegen geheiratet. Er besteht auch darauf, dass seine Frau nicht so alt sei, wie man behaupte. Der Altersunterschied sei also nicht so groß. Apuleius' Aussagen sind insofern interessant, als sie verdeutlichen, dass er einen Unterschied zwischen äußerlich erkennbarem und innerem Alter macht, wobei er auf gewisse Vorurteilstopoi, die Philosophen gegenüber gehegt wurden, verweist, die er dann gegen Alterstopoi, die gegen ihn verwendet worden waren, ausspielt. Im Vergleich beider Textpassagen wird deutlich, wie wichtig Alter genommen werden konnte, wie sehr altersspezifische Erwartungen bedient werden wollten, und wie die dem Alter dann letztlich zugewiesene Bedeutung dann doch von der Aussageintention abhing.

Florian Steger geht in seinem Beitrag (101-112) der Frage nach, ob die antike Medizin Alterstopoi kannte. Er kommt nach einer überzeugenden Argumentation zu einem negativen Ergebnis. Man solle eher von Grundannahmen sprechen, die es in der antiken Medizin von den einzelnen Lebensaltersstufen, die sich aufgrund von Erfahrungswerten eher am biologischen Alter eines Menschen orientieren, in überraschender Aktualität gebe.

Ausgehend von einem Abriss der Forschungsgeschichte zu Art und Bedeutung von Kindheit in den Texten des Mittelalters gelangt der Aufsatz von Annette Gerok-Reiter (113-136) zu dem Schluss, dass die Kindheitstopoi, die im Tristan Gottfried von Straßburgs aufgerufen werden, normalerweise auf kommende Helden hinweisen. Ein Kind zeige sich immer schon als der zukünftige Held. Da Tristan nun aber diesen Topoi nicht entspreche, sondern durch sein Verhalten gerade nicht den zukünftigen topischen Helden erkennen lasse, würden nichtsdestotrotz bestimmte Charakterzüge des späteren Tristan vorweggenommen, was der gängigen Meinung, Tristan entfalte sein Wesen im Verlauf der Geschichte, entspricht. 6 Auch ist dieser Aspekt dann für die übergreifende Frage nach der Gerechtigkeit im Tristan sehr wichtig.

Sandra Lindens Beitrag (137-164) geht ähnlichen Themen wie Fuhrers Beitrag nach und untersucht den Topos der liebeslustigen Alten im Minnesang. Linden vollzieht nach, wie das Minneparadox, dass die Dame immer unerreichbarer wird, je länger der Minnedienst dauert, immer mehr auch poetologische Aussageräume eröffnet, eigentlich jedoch nicht am Alter als solchem Interesse zeigt. Gerade bei Neidhart zeigt sich auch hier einmal mehr, wie grundsätzlich er in seiner Zeit darüber, was richtiger Minnesang ist, nachgedacht haben muss.7

Stefanie Knöll beleuchtet aus kunsthistorischer Sicht das Phänomen, dass im Laufe des 15. und 16. Jahrhunderts im Zuge einer Erotisierung der Darstellung der im Bild beobachtete Körper immer häufiger weiblich wird (165-186). So wurden denn auch die Altersdarstellungen der Frau immer naturalistischer, während die Darstellung des Mannes in der Hochkunst an den Rand gedrängt wurde. Die Darstellung des weiblichen Körpers dient dabei der Feststellung, dass Eitelkeit und Verschwendungssucht zu meiden, Tugend und Kindererziehung zu suchen sind. Die dadurch bedingte Andersartigkeit zur Alterung des Mannes wurde hierdurch gleichzeitig herausgestellt, sowie die Tatsache, dass die erotische Anziehungskraft des jungen weiblichen Körpers mit der Zeit enden würde.

Thorsten Fitzons Beitrag führt uns in die deutschsprachige Lyrik des 18. und 19. Jahrhunderts (187-219). Fitzon spürt der Figur des „Greises im Frühling" nach. Dieser Topos antwortet auf den „Winter des Lebens". Die Empfindsamkeit gibt sich also nicht mit einem pessimistischen Warten auf das Jenseits zufrieden, sondern behauptet in der Dissonanzerfahrung linearer gegenüber zyklischer Zeitvorstellungen den Wert des Alters an sich. Dabei vollzieht Fitzon nach, wie sich vom einen zum anderen angesprochenen Jahrhundert der Topos zusätzlich nochmals wandelt, indem der neue Frühling nicht mehr lediglich Erinnerungen an das letzte Jahr oder ähnliche Gedanken wiederbringt, sondern auch zum Genießen des Lebens im Alter aufruft.

In seinem Artikel zu den Alterstopoi in zwei Werken Theodor Storms, Marthe und ihre Uhr und Immensee weist uns Thomas Küpper darauf hin, dass dem Alter, das die Forschung bei Storm auch hinsichtlich seiner gesellschaftlichen Relevanz sehr interessiert hat,8 nicht nur seine eigenen Stoffe, sondern auch seine eigenen Räume zugewiesen werden (221-228). Entfernt vom Gewühl des Alltagslebens ergeben sich hier Heterotopien ganz im Sinne Foucaults.

Miriam Haller begibt sich in ihrem Artikel (228-247) auf die Suche nach Alterstopoi in neuesten zeitgenössischen Romanen. Die dort gezeigten alten Menschen entsprechen sehr dem heute vorherrschenden Bild dessen, wie man sich offenbar gemeinhin heute Alter wünscht: mobil, rege, auch sexuell aktiv, sozial engagiert und ein wenig um den Genuss kreisend. Älterwerden, so stellt Haller fest, sei aber in den als Exempel angeführten Werken, die sie näher untersucht, häufig in ironischer Brechung eigentlich dem Prozess der Wiederholbarkeit des schon einmal Erlebten unterworfen. Ob sich tatsächlich, wie von ihr im Gefolge Waxmans behauptet (237), mit dem „Reifungsroman" eine neue Literaturgattung entwickelt, wird abzuwarten sein.

Andreas Kunz-Lübcke untersucht, wann das Leben für die Autoren der Texte der hebräischen Bibel beginnt (249-276), und kommt zu dem Ergebnis, dass sich zum einen die Frage nach dem Beginn des Lebens angesichts ganz anderer medizinischer Voraussetzungen für die damaligen Schreiber nicht so stellte wie heute und dass es zum anderen damals dennoch unterschiedliche Auffassungen darüber gab, wann aus dem Fötus ein Mensch wurde.

Einen Wandel in der Gesetzgebung der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Deutschland stellt Stefan Ruppert fest (277-299). Jüngere Menschen wurden durch die speziell sie betreffenden Gesetze als eine neue soziale Gruppe wahrgenommen, während in der ersten Hälfte desselben Jahrhunderts etwa das Schulrecht diese Gruppe altersmäßig erst einmal definiert hatte.

Die Artikel werden jeweils mit einer Zusammenfassung in englischer Sprache eingeleitet. Dem Autorenverzeichnis (301-304) folgt das Literaturverzeichnis, das hilfreich zwischen Primärtexten (305-310) und Sekundärliteratur unterscheidet (310-337). Den Band beschließt ein Register, das Namen- und Stellenverzeichnis zusammenfasst. Der Verlag hat den Band in gewohnt guter Qualität produziert, dem man an mancher Stelle gewünscht hätte, dass die einzelnen Beiträgerinnen und Beiträger die Synergiepotentiale, die dieser Sammelband birgt, stärker und expliziter genutzt hätten.



Notes:


1.   WIN-Kolleg
2.   Der Katalog mit demselben Titel wurde vom Landschaftsverband Rheinland herausgegeben und erschien 2009 in Mainz.
3.   Vgl. etwa S. Schlegelmilch. Bürger, Gott und Götterschützling. Kinderbilder in der hellenistischen Kunst und Literatur. Berlin 2009.
4.   Vgl. auch etwa D. Armstrong. Horace. New Haven, London 1989, 60f.
5.   Vgl. B. Szlagor. Verflochtene Bilder. Lukians Porträtierung „göttlicher Männer". Trier 2005, 36-47. Dieses Vorgehen ist von Lukian durchaus selbstreflexiv gemeint. Vgl. M. Baumbach (Hg.). Lukian von Samosata. Wahre Geschichten Zürich 2000, 73f. und 82f.
6.   Vgl. etwa H. Brunner. Geschichte der deutschen Literatur des Mittelalters im Überblick. Stuttgart 1997, 226.
7.   Vgl. auch A. Classen: The Ultimate Transgression of the Courtly World: Peasants on the Courtly Stage and Their Grotesque Quests for Sexual Pleasures; The Poetry by the Thirteenth-Century Austrian-Bavarian Neidhart, in: Medievalia et Humanistica 36, 2010, 1-24, here: 18.
8.   Vgl. zum Beispiel V. Žmegač (Hg.). Geschichte der deutschen Literatur. Vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Bd. 2.1. 4. Aufl. Weinheim 1996, 76.

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