Wednesday, April 26, 2017

2017.04.41

Konrad Heldmann, Europa und der Stier oder der Brautraub des Zeus: Die Entführung Europas in den Darstellungen der griechischen und römischen Antike. Hypomnemata, 204​. Göttingen​: Vandenhoeck & Ruprecht, 2016. Pp. 227. ISBN 9783525208724. €90.00.

Reviewed by Thomas Gärtner​, Institut für Altertumskunde, Universität Köln​ (Th-gaertner@gmx.de)

Version at BMCR home site

Preview

Konrad Heldmann verfolgt den Mythos über die Vereinigung des Götterkönigs mit der phönizischen Agenor-Tochter Europa durch die gesamte Antike (von der archaischen griechischen Epik bis hin zu den spätantiken Dionysiaka des Nonnos) und betont dabei insbesondere den Aspekt, daß es sich hierbei ursprünglich nicht um die amouröse Eskapade eines notorisch untreuen Ehemanns, sondern um einen Brautraub mit dem Zweck einer dauerhaften Verbindung handele; dieser Charakter der Geschichte gehe erst auf der letzten von Heldmann verfolgten Station, nämlich in den Dionysiaka des Nonnos, verloren.

Der Zeus der archaischen Epik ist völlig unbekümmert um die mögliche Wirkung seiner Liebesabenteuer auf Hera (14 f.); Hera grollt nicht prinzipiell aus Eifersucht, sondern höchstens dann einmal, wenn aus den Seitensprüngen ihres Mannes besonders prominente Kinder entspringen, wie etwa der Gott Apollon (17). Für die weitere antike Dichtung unterscheidet Heldmann zwischen bloßen furta des Götterkönigs und adulteria (19 ff.), bei denen eine eifersüchtige Hera in der mythischen Erzählung von vornherein präsent ist; zur ersteren Gruppe gehören neben Europa etwa Leda und Danae, zur zweiteren insbesondere Io (21); die Kallisto-Geschichte ist ein sekundär zum adulterium umgewandeltes furtum (33), während sich der Europa-Mythos als weitestgehend immun gegen eine solche Umwandlung zum adulterium erweist (37). Wichtig zum Verständnis von Heldmanns Argumentation ist, daß er diesen unterschiedlichen Charakter von Jupiters Affären als grundsätzlich in jeglicher Dichtung präsent betrachtet; etwa im Arachne-Gewebe der ovidischen Metamorphosen, wo alle möglichen Liebschaften kumuliert werden, wird dieser Unterschied „in bewußt inszenierter Fehldeutung" aufgehoben (22). Seit der hellenistischen Zeit wird, möglicherweise unter dem Einfluß der Neuen Komödie, der adulteria-Typ bevorzugt (23); parallel hierzu entwickelt sich das Motiv der permanenten Eifersucht Heras (30 f.), die sich jedoch nie unmittelbar gegen ihren Gemahl, sondern immer gegen die Nebenbuhlerin und gegebenenfalls deren Kinder richtet (31 f.). Die häufigen Selbstverwandlungen Jupiters bei seinen Affären (24 ff.) beruhen niemals auf dem Bestreben, die Untreue des Götterkönigs vor seiner ihm gegenüber ohnehin machtlosen Gemahlin zu verheimlichen (26).

Im zweiten Kapitel beleuchtet Heldmann das Motiv des Brautraubs (38 ff.), dessen Voraussetzung stets sei, daß Bräutigam wie Braut unverheiratet sind (39—bereits hier ergibt sich in bezug auf den Götterkönig das Problem, daß er, insofern seine Ehefrau ursprünglich seine Schwester ist, strenggenommen nie wirklich ungebunden gewesen ist). Heuristisches Paradebeispiel für den mythologischen Brautraub ist die Dis-Proserpina-Geschichte (44 ff.).

Archäologische und literarische Zeugnisse erhärten den Charakter des Europa-Mythos als Brautraub (56 ff.); wichtige Kriterien hierbei sind die Brautbeschenkung bei Hesiod (75 f.) und das schon von Wilamowitz hervorgehobene Motiv, daß Europa—im Gegensatz zu anderen Geliebten des Götterkönigs—von diesem drei Kinder hat (79). Natürlich darf Zeus als Götterkönig ohne weiteres den Brautvater übergehen (78).

Die Europa des Moschos (84 ff.) wird durchweg überzeugend gedeutet unter dem Gesichtspunkt, daß das ganze Gedicht positiv gefärbt ist durch die Aussicht Europas auf eine dauerhafte eheartige Verbindung mit Zeus; besonders deutlich wird dieser Aspekt durch die Begrifflichkeit des Verlassens (λείπειν) bzw. Folgens (ἕπεσθαι), welche Heldmann treffend mit einer auf Helenas neue Ehe bezüglichen Ilias-Stelle in Verbindung bringt (98). Weniger überzeugend erscheint dagegen die für Heldmanns Deutung zentrale Tilgung (89 ff.) des V. 77 (δὴ γὰρ ἀλευόμενός τε χόλον ζηλήμονος Ἥρης). Dieser Vers widerspricht Heldmanns Axiom, daß die Selbstverwandlungen des Götterkönigs niemals der Verheimlichung vor seiner Gattin dienen und daß Hera in der reinen furtum-Geschichte über Europa überhaupt keinen Platz hat. Es ist zuzugeben, daß der Vers ganz abgesehen von solchen Überlegungen unter sprachlichen Problemen leidet (vgl. Bühlers Kommentar z.St., der sich jedoch auf Ausstellungen an der Partikelfolge δὴ γάρ nach ἦ γὰρ δή in V. 74 beschränkt); andererseits ist eine Interpolation am Periodenanfang (wobei nach Heldmann in V. 78 παρθενικῆς τ' erst sekundär für ursprüngliches παρθενικῆς δ' eingedrungen sein soll, um den interpolierten Vers syntaktisch einzubetten, 92 mit Anm. 125) ziemlich ungewöhnlich und unwahrscheinlich. Ich würde den Vers eher als einen Versuch des Dichters betrachten, die von ihm konzeptionell präferierte Brautraubversion mit der bekannten Ehe von Zeus und Hera zu vereinbaren bzw. Hera als potenzielle eifersüchtige Ehefrau kurzerhand von der Bildfläche des Epyllions auszublenden.

Die Deutung der notorisch schwierigen Europa-Ode Horazens (carm. III 27) wird von Heldmann (123 ff.) dadurch gefördert, daß er zurecht die Möglichkeit betont, die Venus-Prophezeiung im Lichte der Brautraub‑Version als eine positive Verheißung an Europa zu verstehen (bes. 130) und uxor … Iovis (V. 73) in seinem günstigen Vollsinn zu deuten—in diesem Falle würde wohl durch das Europa-Exemplum auch der von Horaz angesprochenen Galatea eine positive Botschaft vermittelt (ob diese unbedingt in einem allegorischen Propemptikon zu einer Reise von der virginitas in den Hafen der Ehe bestehen muß, wie Heldmann im Anschluß an Clay will [129; 158], scheint nicht gesichert). Viele Interpreten haben das Europa- Exempel nur im Schatten der Ehe Jupiters mit Juno gesehen und daher eine positive Botschaft an Galatea von vornherein abgelehnt.

Sprachliche Details von Heldmanns Deutungen erscheinen jedoch auch hier zweifelhaft: victa furore (V. 36) sollte man kaum gemäß dem Horaz-Kommentar des Pseudo-Acro aus der oratio recta herauslösen (138 ff.); pietas …/ Victa furore entspricht exakt in der partizipialen Form dem vorausgehenden relictum/ Filiae nomen, wobei man furor nicht unbedingt als „Liebeswahnsinn" verstehen muß, sondern einfach auf den „wahnsinnigen" Entschluß Europas beziehen kann, ihr Vaterhaus zugunsten eines Stiers aufzugeben. Ferner kann Uxor invicti Iovis esse nescis (V. 73) auch kaum heißen „Du weißt nicht, daß Du … bist" (156), zumal dies ja in korrektem Griechisch durch eine Partizipialkonstruktion ausgedrückt werden müßte (vgl. zuletzt Iris Sticker, Uxor invicti Iovis. Zur Funktion des Europamythos in Horaz´ Ode 3,27, Hermes 142, 2014, 404 – 417, hier 408 mit Anm. 27); οὐκ οἶσθα εἶναι hieße „Du verstehst nicht, (richtig) … zu sein", wohingegen „Du weißt nicht, daß Du bist" einem οὐκ οἶσθα οὖσα entspräche; gerade ein des Griechischen mächtiger Leser würde also vollends verwirrt, wenn Heldmanns Deutung (nescis esse i.q. „Du weißt nicht, daß Du bist") zuträfe. Es werden also wohl tatsächlich Anweisungen für die richtige Ausfüllung der Rolle einer uxor … Iovis gegeben, die dann durch bene ferre im folgenden Vers fortgeführt werden (so entscheiden sich auch m.E. richtig Nisbet/ Rudd z.St.).

In der ovidischen Darstellung der Europa-Geschichte am Ende des zweiten Metamorphosen-Buchs steht nicht mehr, wie bei Moschos und Horaz, die Befindlichkeit des Mädchens, sondern vielmehr die Lüsternheit Jupiters im Fokus (161; 170). Der Grund, warum Europa, die bei Ovid bloße Beute ist (172), vor dem Geschlechtsakt überhaupt nach Kreta transportiert werden muß, ist nurmehr die mythische Tradition (170). Bei seiner schließlichen Deutung spielt Heldmann einen intratextuellen Leser gegen einen intertextuellen aus (175 f.); wer das Bild Jupiters in den Metamorphosen berücksichtigt, wird kaum annehmen, daß Jupiter mit Europa auf Kreta längere Zeit zusammenbleibt, wie es derjenige Leser, der die Tradition der Brautraubgeschichte kennt, annehmen muß. Nach Heldmann hat sich die von Ovid intratextuell suggerierte (aber nicht ausdrücklich erzählte) Version, daß Jupiter in Europa nur eine einmalige Affäre sah, in der Rezeption weitestgehend durchgesetzt und die ursprüngliche Brautraubversion entscheidend in den Hintergrund gedrängt (vgl. schon S. 10). Dabei unterschätzt er möglicherweise das inhärente Spannungsverhältnis zwischen Brautraubversion und Jupiters Ehe mit Juno, welches die von Heldmann immer wieder beschworene Brautraubversion schon längst vor Ovid in Frage stellte und einschränkte.

Für die Dionysiaka des Nonnos betont Heldmann (182; 186), daß sich hier die Europa-Handlung erstmals zu einem mythologischen Zeitpunkt vollzieht, als der Götterkönig bereits mit Hera verheiratet ist. Genaugenommen liegt diese Konstellation jedoch bereits bei Ovid vor (anders Heldmann 208): Nachdem Juno in der Io-Geschichte in met. I so nachdrücklich und unerbittlich als verletzte Ehefrau eingegriffen hat, muß sich jeder serielle Leser der Metamorphosen am Ende des zweiten Buches, als Jupiter Anstalten zur Überlistung Europas trifft, fragen, wie Juno nun hierauf reagieren wird. Bei Ovid greift Juno nicht ein, bei Nonnos kommt es immerhin zu einem „grimmigen" und „sarkastischen" Monolog Heras voller mythologischer Gelehrsamkeit, der letztlich nur ihrer Machtlosigkeit Ausdruck verleiht und ohne faktische Auswirkung bleibt (198 ff.). Bezeichnend ist, daß Zeus bei Nonnos während des Transports der Europa als νυμφίος Ἥρης (Nonn. Dion. I 82) bezeichnet wird (194); damit ist der Charakter der Geschichte als Brautraub endgültig verloren (194; 209).

Ein grundsätzliches Problem in Heldmanns Methodik besteht darin, daß er eine Urversion des Mythos (den Brautraub eines unverheirateten Jupiters ohne jedwedes Eingreifen Junos) herauspräpariert und als für sämtliche Autoren vor Nonnos verbindlich ansieht; die bestimmende Eigenschaft dieses Urmythos ist, daß er gegen Verfälschungen durch seit dem Hellenismus aufkommende adulterium-Geschichten im wesentlichen immun ist. Nur die Suggestivkraft der ovidischen Open-End-Erzählung hätte gemäß Heldmann dazu geführt, daß die Vorstellung von der Europa-Geschichte als einer kurzzeitigen Affäre Jupiters in der neuzeitlichen Rezeption einseitig die Oberhand gewonnen hat.

Demgegenüber möchte ich ein eher flexibles Alternativmodell der Erklärung bevorzugen: In archaischer Zeit wurde die Verbindung der sterblichen Europa mit Zeus uneingeschränkt positiv als große Ehrung für erstere angesehen, zumal die Verbindung als dauerhaft galt und durch drei prominente Nachkommen gesegnet war. Schon relativ früh, spätestens in hellenistischer Zeit, geriet diese archaisch-naive Brautraubversion in einen unvermeidlichen rationalistischen Konflikt mit dem Mythologem der Ehe zwischen Zeus und Hera, die ja eigentlich, insofern Hera Schwester des Zeus ist, kaum eine „voreheliche Lebensepoche" des Zeus gestattet. Die Auseinandersetzung mit diesem konkurrierenden Mythologem zeigt sich in V. 77 des Moschos, der die Selbstverwandlung des Zeus—vielleicht im Zuge einer eigenen Erfindung—als eine prophylaktische Abschottung gegen eine mögliche Eifersuchtsszene Heras interpretierte und damit die Götterkönigin aus dem weiteren Gang seines Epyllions ausblendete, wenngleich der rationalistische Konflikt natürlich bestehen blieb. Horaz erwähnt Juno nicht und verwendet das Europa-Exempel—zumindest an der Textoberfläche—in seiner naiven archaischen Gestalt; einige Interpreten glauben, daß die positive Wertigkeit des Exempels durch die immer im Hintergrund stehende Ehe mit Juno eingeschränkt wird (was bei einem Dichter wie Horaz, dem differenzierter und anspielungsreicher Umgang mit dem Mythos zuzutrauen ist, natürlich a limine nicht auszuschließen ist). In Ovids Metamorphosen läßt das Jupiterbild des Gesamtwerks eine naiv-archaische Ausdeutung der Europa-Geschichte abwegig erscheinen, obwohl sie durch das von Ovid gegebene Faktengerüst nicht ausgeschlossen wird. Erst bei Nonnos bricht Hera als mythologische Person in die Europa-Geschichte ein, freilich nur als sarkastische Kommentatorin.

Der bleibende Wert der Untersuchung besteht darin, daß die archaische Brautraubversion des Europa-Mythos als die ursprüngliche herausgearbeitet, auch durch archäologische Zeugnisse (56 ff.) und Vergleiche mit dem teilweise parallelen Ariadne-Mythos (115 ff.) erhellt und als bis in die augusteische Epoche wirkmächtig herausgestellt wird, wenngleich auf der anderen Seite die seit dem Hellenismus nachweisbare rationalistische Konfrontation dieser Version mit dem Mythologem der Zeus-Hera-Ehe und die Überformung durch parallele adulterium-Geschichten minimalisiert und unterschätzt wird.

Das Buch ist sprachlich sehr korrekt gestaltet; Druck- oder Ausdrucksfehler im Deutschen begegnen nicht (nur auf S. 120 fehlt hinter einem Absatz der Punkt). Selten findet man kleine Versehen im Griechischen, etwa S. 13 im Ilias-Zitat σθήτεσσι statt στήθεσσι und ἅλοχος mit falschem Spiritus asper; S. 74 Z. 2 αυτῇ ohne Spiritus lenis; S. 102 δύναμαι γε ohne den durch die Enklisis erforderten zweiten Akut auf der Schlußsilbe von δύναμαι; S. 118 κατεστέρισαν statt richtig κατηστέρισαν (Aorist von καταστερίζειν).

No comments:

Post a Comment