Monday, July 25, 2016

2016.07.32

Paola Paolucci, Pentadius Ovidian Poet: Music, Myth and Love. Anthologiarum Latinarum Parerga, 5. Hildesheim: Weidmann, 2016. Pp. xiv, 132. ISBN 9783615004229. €49.80 (pb).

Reviewed by Thomas Gärtner, Institut für Altertumskunde, Universität Köln (Th-gaertner@gmx.de)

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Paola Paolucci widmet dem ausschließlich in der Anthologia Latina überlieferten spätantiken lateinischen Dichter Pentadius ein kleines Bändchen; sie beschränkt sich mit Recht auf die handschriftlich in der Anthologia Latina diesem Dichter zugeschriebenen Dichtungen und schließt die ihm nur hypothetisch zugewiesenen aus (xii).

Was die Identifizierung und damit zusammenhängende Datierung des Autors angeht, möchte Paolucci (resümierend: 77) um ein ganzes Jahrhundert hinuntergehen. Sie lehnt die herkömmliche Identifizierung mit dem Adressaten der epitomisierten Fassung von Laktanzens Divinae institutiones ab (die sich substantiell nur auf eine lexikalische Koinzidenz stützt, welche ihrerseits von der unsicheren konjekturalen Herstellung des Verbs iucundat in AL 227 SB = 235 R. 19 abhängig ist; vgl. Paolucci 2 ff., wo im Lactanz-Zitat auf S. 3 in der drittletzten Zeile nach quantum res sinit ein syntaktisch erfordertes Komma fehlt). Stattdessen sucht sie Pentadius im historischen Kontext der Auseinandersetzung mit dem Pelagianismus und identifiziert ihn mit dem Adressaten eines Briefs des Papstes Innozenz I. aus dem Jahr 417 (Paolucci 7 ff.). Unorthodoxe, pelagianische Züge findet Paolucci (9 ff.) in AL 226 SB = 234 R., 33 f.:

Lux cito summa datur, natusque extinguitur infans,
         Atque animae prima lux cito summa datur.

Paolucci 11 führt in völlig überzeugender Weise die Junkturen prima (wohl Nominativ mit der Lizenz einer Längung der Kürze in der Pentameterdihärese, wie auch Paolucci meint) bzw. summa lux auf das ovidische Vorbild, die Klage der Canace über ihren gleich nach der Geburt getöteten Sohn (epist. 11, 114), zurück. Aus diesem Vorbild ergeben sich für prima bzw. summa lux eindeutig die Bedeutungen „erster" bzw. „letzter Tag". Daneben will Paolucci aber noch – mit dem an sich richtigen Verweis auf die Möglichkeit der Bedeutungsverschiebung des wiederholten Hemiepes in epanaleptischen Distichen—der Junktur lux … summa die theologische Bedeutung des „höchsten (göttlichen) Lebenslichtes" beilegen, womit die Aussage, daß das—offenbar ungetaufte—Kind zum höchsten Lebenslicht gelangt, anti-augustinische bzw. pelagianische Züge erhielte. Eine Identifizierungshypothese auf eine solche—kontextuell nicht erforderte—Nebenbedeutung zu gründen scheint mindestens so gewagt wie der Rekurs auf eine konjektural gewonnene lexikalische Besonderheit in der herkömmlichen Identifizierung, zumal ja die theologische Anspielung im allgemeinen innerhalb der sonst von mythologischen Anspielungen getränkten Beispielreihe singulär und völlig unerwartet wäre.

Nach einem Überblick über die Geschichte epanaleptischer Distichen in der lateinischen Literatur (17 ff.) wendet sich die Verfasserin einer Reihe kritisch exegetischer Einzelprobleme zu, die sich naturgemäß zum großen Teil auf das weitgehend mythologische Gedicht AL 226 SB = 234 R. (de Fortuna) beziehen. Paoluccis Ausführungen haben die Tendenz, den Text durch den Nachweis von intertextuellen Allusionen (meistens auf Ovid) gegen die von Shackleton Bailey (im folgenden SB) in seiner Teubneriana der Anthologia Latina (Stuttgart 1982) vielfach geübte Konjekturalkritik zu verteidigen und der (auf vier Handschriften fußenden) Überlieferung wieder zu ihrem Recht zu verhelfen; daher gehen die Erläuterungen Paoluccis regelmäßig von dem konservativeren Text von SBs Vorgänger Alexander Riese aus.

Im folgenden wird hier zu den wichtigsten von Paoluccis Ergebnissen Stellung bezogen:

AL 227 SB = 235 R., 1 f. (Paolucci 23 ff.):

Sentio, fugit hiems; Zephyrisque animantibus orbem
          Iam tepet Eurus equis. sentio, fugit hiems.

Paolucci präferiert das überlieferte equis gegenüber dem von Pithoeus konjizierten aquis. Trotz der zahlreichen Belegstellen, an welchen der Eurus (wie alle anderen Winde) als mythologische Figur mit Pferden assoziiert wird, bleibt in der Argumentation die Tatsache unberücksichtigt, daß gemäß dem Kontext (insbesondere nach Zephyrisque animantibus orbem) die Rede von der belebenden bzw. mildernden Einwirkung der Winde auf die Frühlingswelt sein sollte.

AL 226 SB = 234 R., 5 f. (Paolucci 32 ff.):

Carmine visa suo Colchis fuit ulta maritum,
          Sed scelerata fuit carmine visa suo.

Die Verteidigung des überlieferten visa ist möglich, wenn man mit Paolucci bei ulta bzw. scelerata die Kopula esse suppliert, auch wenn das wiederholte visa nicht besonders pointiert wirkt; ob man hinter diesem blassen „Scheinen" (vgl. dicta im vorigen, auf Procne bezüglichen Distichon) Ov. met. VII 394 ff. (Paolucci 33) als Vorbild ansehen muß, wo der Isthmus mit vidit doch sehr viel eindrucksvoller als Beobachter Medeas eingeführt wird, mag man kontrovers diskutieren. Jedenfalls ist SBs zweifache Herstellung von laesa für visa schon deshalb unattraktiv, weil sie diesem Wort nach SBs eigener Erklärung (im Apparat) zwei verschiedene Bedeutungen beilegt (zuerst ab Iasone laesa, dann orba facta); SB ändert noch zusätzlich carmine nach Schrader in crimine, um den Bezug auf den Kindermord zu verdeutlichen—andererseits war bei der Einäscherung von Creons Palast durchaus auch Zauberkraft im Spiel, wie Paolucci hervorhebt.

AL 226 SB = 234 R., 9 f. (Paolucci 39 ff.):

Sanguine poma rubent tristi nece tincta repente;
          Candida quae fuerant, sanguine poma rubent.

Die Beibehaltung von tristi nece in Anbetracht des traurigen Untergangs von Pyramus und Thisbe ist möglich, wenn man Pentadius einen anspruchsvoll anspielenden Stil zutraut. Allerdings wird Paolucci über Gebühr polemisch, wenn sie Heinsius' Konjektur Thisbaeo (statt tristi nece), die L. Müllers Thisbae nece (bei SB im Text) den Weg bahnte, als „awful" bezeichnet (40). Paoluccis Einwand hiergegen, daß bei Ovid das Blut des Pyramus, nicht der Thisbe die Farbveränderung bewirke, ist möglicherweise zu pedantisch, um wirklich durchschlagend gegen die Konjekturen zu wirken.

AL 226 SB = 234 R., 17 f. (Paolucci 47 ff.):

Hostia saepe fuit diri Busiridis hospes,
          Busirisque aris hostia saepe fuit.

Paolucci glaubt das zweimal überlieferte saepe, welches SB zweimal nach Maehly in caesa abändert, als Ablativ von saepes, -is f. verteidigen zu können. Dieses Substantiv ist in der von Paolucci postulierten Bedeutung eines „abgegrenzten heiligen Bezirks" keineswegs idiomatisch; die Wiederholung wäre recht müßig und kollidiert außerdem unschön mit der überlieferten Lokalangabe aris. saepe in dem adverbialen Sinne „oft" wäre indes mit dem einmaligen Tod des Busiris im Pentameter nicht zu vereinbaren.

Hier scheint eine Verteidigung der Überlieferung kaum möglich. Mit einem leichteren Eingriff kommt man aus, wenn man Maehlys caesa zu (überliefertem saepe graphisch näherstehendem) caede modifiziert; dann wäre im Hexameter caede mit diri Busiridis zu verbinden, im Pentameter bliebe bei caede ein Herculis aus dem mythologischen Wissen des Lesers zu supplieren.

AL 226 SB = 234 R., 19 f. (Paolucci 50 ff.):

Theseus Hippolyto vitam per vota rogavit;
          Optavit mortem Theseus Hippolyto.

Der Pentameter bezieht sich eindeutig auf die Verfluchung des Hippolytus durch Theseus nach seiner vermeintlichen Schandtat an Phaedra; Paolucci rätselt begreiflicherweise über den mythologischen Bezug des Hexameters. Sie verfällt auf die Lösung, die Antithese bestehe bei diesem Exemplum ausnahmsweise in verbis, nicht in re, „by expressing alternatively the same vicissitude (the request for Hippolytus's death) through two sentences", wobei dann Hippolyto im Hexameter nicht (wie im Pentameter) Dativus incommodi, sondern Dativus possessivus zu vitam wäre.

Diese Lösung eröffnet sich keinem dem natürlichen Lesefluß folgenden Leser (zumal der Pentameter im naheliegenden Sinne, der vorausgehende Hexameter aber mit abstruser grammatischer Verdrehung verstanden werden müßte: nicht „das Leben für H. erbitten", sondern „das dem H. gehörende Leben sich ausbitten") und wird niemanden überzeugen.

Eine mögliche Lösung wäre vielleicht, per vota in post vota zu verändern (die umgekehrte abbreviaturbedingte Präpositionalverschreibung gleich zweimal in Vv. 31 f. desselben Gedichts) und den Hexameter auf Theseus' Reue nach der Erkenntnis von Hippolytus' Unschuld zu beziehen; dann würde vota gewissermaßen erläutert durch den Pentameter, wo dann allerdings in nicht ganz leichter Weise optavit im Sinne eines Hysteron Proteron als Plusquamperfekt wiedergegeben werden müßte.

AL 226 SB = 234 R., 21 f. (Paolucci 52 ff.):

Stipite fatifero iuste quae fratribus usa est,
          Mater saeva fuit stipite fatifero.

Paolucci verteidigt das überlieferte ausa est gegen Heinsius' einleuchtendes usa est, was zu einem reichlich forcierten und wenig idiomatischen Ausdruck führt (audere mit Dativus incommodi und Ablativus instrumentalis).

AL 226 SB = 234 R., 23 f. (Paolucci 54 ff.):

Sola relicta toris flevisti [in] litore, Gnosis;
          Laetatur caelo sola relicta toris.

Der auf den ersten Blick hart wirkende Übergang von der Apostrophe flevisti zur dritten Person Laetatur (Laetata es SB) läßt sich in der Tat verteidigen, wobei ich allerdings weniger mit Paolucci an eine mögliche Verallgemeinerung von Ariadne auf andere verlassene Frauen denken möchte, sondern vielmehr daran, daß die verlassene Ariadne im Hexameter eine einem Literaten wohlvertraute Person ist, an die er sich leicht wenden kann, die verstirnte Ariadne des Pentameters dagegen eine in der Gegenwart bekannte und objektiv stets erfahrbare astrologische Tatsache.

Wenn Änderung doch nottäte, läge das Partizip Futur Laetatura nahe, das allerdings eine Abänderung des folgenden caelo erforderlich machte (etwa Laetatura astro ? oder, ohne Verschleifung, Laetatura deo [sc. Baccho marito] ?).

AL 226 SB = 234 R., 26 (Paolucci 57 ff.):

Wie man zur Beibehaltung des einhellig überlieferten Helles als Nominativ steht, hängt von der allgemeinen Frage ab, inwiefern man spätantike bzw. mittellateinische Schreibgewohnheiten im Text der Anthologia Latina zu dulden bereit ist.

AL 226 SB = 234 R., 29 f. (Paolucci 59 ff.):

Pelias hasta fuit, vulnus grave quae dedit hosti
          Hoc quoque sanavit: Pelias hasta fuit.

Mit dieser von Paolucci gewählten konservativen Textkonstitution bleibt die Periode vor dem Doppelpunkt syntaktisch opak; hinter dem Doppelpunkt wird das wiederholte Hemiepes syntaktisch isoliert, wie es sonst in dem ganzen Gedicht nirgends vorkommt. Die Rechtfertigung von Hoc quoque durch den bloßen statistischen Bescheid, daß Ovid diesen Pentameterauftakt 29mal verwendet, ist methodisch unzureichend.

SBs (und Rieses) Gestaltung des Pentameterauftakts mit Hoc quae entstand wohl durch die Tendenz, sich gegenüber der früheren Vulgata Et quae wieder der Überlieferung anzunähern. Als Alternative denkbar wäre allenfalls Quod quae sanavit (Quod quae dabei zunächst in quoque verlesen und in einem zweiten Korruptionsschritt Hoc am Pentameterauftakt als metrischer Lückenstopfer eingeflickt).

AL 259 SB = 265 R., 1 – 4 (Paolucci 61 ff.):

Cui pater amnis erat, fontes puer ille colebat
          Laudabatque undas, cui pater amnis erat.
Se puer ipse videt, patrem dum quaerit in amne,
          Perspicuoque lacu se puer ipse videt.

Die mythologisch singuläre und wenig sinnvolle Version, daß Narcissus eigentlich „im Fluß seinen Vater (sc. den Flußgott) suchte" (V. 3), läßt sich in der Tat mit Paolucci verbannen, indem man mit zwei von drei Handschriften das abbrevierte in amnem herstellt und die Konstruktion quaerere in cum acc. annimmt. Dann wird mit patrem dum quaerit in amnem einfach cui pater amnis erat aus dem vorigen Vers aufgegriffen.

AL 260 SB = 266 R. (Paolucci 64 ff.):

Hic est ille, suis nimium qui credidit undis,
          Narcissus vero dignus amore puer.
Cernis ab irriguo repetentem gramine ripas,
          Ut per quas periit crescere possit aquas.

In V. 1 präferiert Paolucci das in drei von vier Handschriften überlieferte creditur gegenüber credidit; sie deutet creditur in sprachlich durchaus zulässiger Weise als se credit. Trotzdem entspricht nimium neben dem aktivencredere weitaus besser dem dichterischen Idiom. Genaugenommen kombiniert Pentadius mit suis nimium qui credidit undis ein eher inhaltliches Vorbild (Verg. ecl. 2, 17 an einen hoffärtigen Knaben: O formose puer, nimium ne crede colori) mit einem eher formalen (Ov. am. III 2, 47 an Seeleute: Plaudite Neptuno, nimium qui creditis undis); vgl. ferner ars I 245 Hic tu fallaci nimium ne crede lucernae und rem. 349 Non tamen huic nimium praecepto credere tutum est.

In V. 4 schlägt ausnahmsweise Paolucci ihrerseits eine Konjektur vor, nämlich aquis (als kausalen Ablativ zu crescere) für aquas (Angleichungsfehler nach ripas im darüberstehenden Hexameter). Der so konstituierte Text ist ohne Anstoß, allerdings wäre die Möglichkeit zu erwägen, denselben Sinn aus der Überlieferung zu gewinnen, entweder durch die Annahme der versparenden Konstruktion per quas periit, (per eas) aquas crescere oder einer gängigen Kasusassimilation des Referenzwortes an das Relativpronomen.

Der englische Ausdruck der Studie, der gemäß dem Vorwort „not … reviewed by anyone" ist, erschließt sich zumindest dem Rezensenten als Nicht-native-speaker leicht, ist allerdings nicht frei von Druckfehlern.

Fazit: Paoluccis Hypothese einer Herabdatierung des Pentadius überzeugt nicht, da sie eine nur mögliche Ausdrucksnuance einer Einzelstelle zu schwer belastet. Was ihre konservativen Überlegungen zur Textgestaltung anbelangt, gelingen in der Tat an einigen Stellen Verteidigungen der Überlieferung gegen SBs Konjekturen; ein generelles Plädoyer gegen Konjekturalkritik läßt sich aber in Anbetracht der verbleibenden Schwierigkeiten kaum ableiten.

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