Tuesday, June 28, 2016

2016.06.36

Christina Abenstein, Die Basilius-Übersetzung des Georg von Trapezunt: Edition. Beiträge zur Altertumskunde, Bd. 337. Berlin; Boston: De Gruyter, 2015. Pp. xliii, 354. ISBN 9783110440973. €109,95.

Reviewed by Raphael Brendel, Ludwig-Maximilians-Universität München (raphaelbrendel@arcor.de)

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[The Table of Contents is given below.]

Um 1441 verfasste Georg von Trapezunt, damals noch ein geschätzter Lehrer der Rhetorik, im Auftrag seines Gönners Bessarion eine Übersetzung der folgenden Basilios von Caesarea zugeschriebenen Schriften: Contra Eunomium I-III (echtes Werk des Basilios), Contra Eunomium IV-V (diese Bücher stammen nicht von Basilios, wurden ihm aber lange Zeit zugeschrieben), De spiritu (eine Schrift eines unbekannten Autors, die an das fünfte Buch von Contra Eunomium angeschlossen wurde) und De spiritu sancto (echtes Werk des Basilios). Dieses bislang nur in einigen Drucken des sechzehnten Jahrhunderts zugängliche Werk Georgs liegt nunmehr mit der hier zu besprechenden Ausgabe von Christina Abenstein, die in ihrer ein Jahr zuvor publizierten Dissertation die zeitgeschichtlichen Hintergründe der Übersetzungstätigkeit Georgs untersucht hat (Die Basilius-Übersetzung des Georg von Trapezunt in ihrem historischen Kontext, Berlin 2014), erstmals in einer kritischen Edition vor.

Der Aufbau der Edition folgt dem üblichen Schema: Einleitung (S. XI-XLIII), Edition (S. 1-284), Kommentar (S. 287-344), Literaturverzeichnis (S. 345-350) und Register (S. 351-354). Die Einleitung ist folgendermaßen aufgebaut: Einführung zu Autor und Werk (S. XI-XII), Handschriften (S. XIII-XXIII), Editionsprinzipien (S. XXIV-XXXIX), Verzeichnis der Abkürzungen (S. XL-XLII), Stemma der Handschriften (S. XLIII). Die Knappheit dieser Ausführungen erklärt sich dadurch, dass die in solchen Fällen normalerweise gebotenen Angaben zu Autor und Werk angesichts der vorhandenen Vorarbeiten (in Form der oben genannten Monographie) hier auf ein Minimum reduziert sind, ohne dabei allerdings an Informationsgehalt einzubüßen. Aus den gebotenen Angaben sind hervorzuheben: Georgs Übersetzung ist in dreizehn Handschriften überliefert, von denen vier als für die Textkonstitution relevant erachtet wurden, da sie entweder auf den nicht erhaltenen Autograph zurückgehen, eine direkte Einflussnahme Georgs nachzuweisen ist oder weitere nicht erhaltene Handschriften bezeugen. Alle Handschriften enthalten die vollständige Übersetzung, allerdings sind die praefatio Bessarions und die praefatio Georgii I (Georgs Vorwort der ersten Fassung) nur in neun, die praefatio Georgii II nur in zwei und die praefatio Georgii III (die beiden neuen Vorworte mit Widmung an zwei ungarische Bischöfe, nachdem Georg bei Bessarion in Ungnade gefallen war) nur in einer Handschrift überliefert. Neben den Handschriften wurden von den frühen Drucken, von denen neunzehn existieren, zwei für die Textkonstitution herangezogen (die editio princeps Paris 1520 und die erstmalige Heranziehung des griechischen Textes Basel 1540). Im Apparat für die Korrekturen wurde zudem eine dritte Ausgabe (Rom 1526) berücksichtigt; auf die Einarbeitung der für die Druckgeschichte des Textes relevanten zweisprachigen Ausgabe Paris 1618 wurde angesichts der zahlreichen dortigen Modifikationen der Übersetzung Georgs hingegen verzichtet.

Die Editionsprinzipien (S. XXIV-XXXIX) erweisen sich als nützliche Bemerkungen vor allem zum Umgang Georgs mit dem griechischen Text (etwa zur Transkription von Ypsilon und Phi), gehen allerdings sehr stark ins Detail und sind hier nicht näher zu behandeln. Dem Text sind fünf Apparate beigegeben: Im ersten sind Bibelstellen und sonstige Quellen verzeichnet, der zweite dient der Textkritik, der dritte verzeichnet Korrekturen und Veränderungen des Textes in den Handschriften und frühen Editionen, im vierten werden Abweichungen des griechischen Textes von der Übersetzung Georgs notiert, in dem fünften werden die Glossen der Handschriften und Drucke ediert.

Auch der Kommentar (S. 287-344) ist angesichts der vorausgehenden Monographie recht kurz gehalten. Der Schwerpunkt liegt hier vor allem auf sprachlichen Aspekten (Verhältnis des lateinischen Textes zu dem griechischen Original) und im Fall der praefationes auf dem zeitgenössischen Hintergrund. Die antiken Ereignisse, auf welche die Schriften des Basilios zurückgehen und/oder Bezug nehmen, werden immerhin gelegentlich gestreift.

Im Gesamtbild wie im Detail handelt es sich um ein solides und zuverlässiges Werk, das nur wenig Raum für Kritik lässt. Lediglich zwei Verbesserungsvorschläge seien geboten: 1) Da der Edition gleich fünf Apparate beigegeben sind, aber nicht jeder Apparat auf jeder Seite auftaucht, hätte es die Benutzerfreundlichkeit des Werkes noch erhöht, wenn jeder Apparat mit einem eigenen Kürzel versehen worden wäre, wie das etwa bei der kürzlich publizierten Edition des Theodoros Skutariotes von Raimondo Tocci, der seinem Text ebenfalls fünf Apparate beigibt, geschehen ist. 2) Der Registerteil (S. 351-354) besteht nur aus Namen und erstreckt sich ohne Unterscheidung über alle Teile des Buches (Einleitung, Text, Kommentar). Hier wäre eine Erweiterung und eine übersichtlichere Unterteilung sinnvoll. Eine Erweiterung insofern, dass auch vor allem Quellenstellen und ausgewählte Terminologie berücksichtigt werden. Eine Änderung in der Unterteilung insofern, dass die Register des lateinischen Textes von denen der modernen Beiträge (Einleitung, Kommentar) getrennt werden. Im Fall des Registers zum lateinischen Text wäre dann eine Präzisierung wünschenswert, da in der jetzigen Form nur die Seitenangabe, nicht aber die genaue Stellenangabe geboten wird. Mit einem schmalen Ergänzungsband zur Edition könnte sich diese Überlegung möglicherweise ohne größere Umstände realisieren lassen.

Der Erforscher des Spätmittelalters wird dieses Werk gewiss begrüßen. Hier ist die allerdings Frage zu stellen, inwieweit es dem Althistoriker nützt. Um eventuellen Vorwürfen zu begegnen, seien zwei Hinweise vorangestellt: Erstens geht die Besprechung dieses Werkes im Bryn Mawr Classical Review auf die Übersendung des Werkes durch den Verlag an die Redaktion und somit nicht auf eine eigenwillige Idee des Rezensenten zurück. Zweitens ist mir bewusst, dass Abenstein sich nicht (oder nicht primär) an die althistorische Fachwelt richtet. Es soll daher auch nicht die Beurteilung des Werkes davon abhängig gemacht werden, ob es dem Althistoriker nützt, sondern gefragt werden, ob und wenn ja, welchen Nutzen der Althistoriker daraus ziehen kann.

An erster Stelle ist der mit dieser Edition einhergehende textkritische Fortschritt zu nennen. Es gibt genügend Fälle, in denen für grundsätzlich gut überlieferte Texte zusätzlich noch Sekundärüberlieferung in Form einer Übersetzung herangezogen werden kann, die wiederholt zu einem noch klareren Bild des Textes und seiner Überlieferung führt; als Beispiele wären etwa die griechische Eutropiusübersetzung des Paianios und Cassiodors historia tripartita zu nennen. Solche Übersetzung müssen dabei noch nicht einmal aus der Antike stammen oder zeitnah zum übersetzten Text sein, wie die Bedeutung der lateinischen Übersetzung Oekolampads für die Konstitution des Textes der Schrift gegen Julian des Kyrill von Alexandria bezeugt. Im Fall der Edition Abensteins beschränkt sich die diesbezügliche Leistung jedoch nicht darauf, eine zuverlässige Textgrundlage zu schaffen, sondern im Kommentar werden wiederholt textkritische Beobachtungen geboten, die ein zukünftiger Herausgeber des Basilios konsultieren sollte (CE = Contra Eunomium, K = Kommentar): CE 1,16,1 (S. 41,14-15) mit K S. 303; CE 4,6,1 (S. 124,16-17) mit K S. 319; CE 4,47,1 (S. 133,7-8) mit K S. 320; CE 4,60 (S. 136,7) mit K S. 321; CE 4,112 (S. 149,16) mit K S. 323; CE 5,140,2 (S. 160,21) mit K S. 325; CE 5,143,2 (S. 162,22) mit K S. 326; CE 5,154,3 (S. 170,4-5) mit K S. 328; CE 5,166,1 (S. 176,2) mit K S. 329; CE 5,170,3 (S. 177,16-178,1) mit K S. 329-330.

Auch Forscher, die keine Edition des Basilios herauszugeben gedenken, können von der Auseinandersetzung mit Werken wie demjenigen Georgs profitieren. In einem exzellenten Kongressband (Christian Gastgeber/Sebastiano Panteghini [Hrsg.], Ecclesiastical history and Nikephoros Kallistou Xanthopoulos, Wien 2015) hat eine Gruppe von Wissenschaftlern gezeigt, welchen Gewinn eine genaue Analyse der (größtenteils auf vollständige erhaltene Quellen zurückgehenden) Kompilation des Nikephoros bringt. Hervorzuheben sind in diesem Zusammenhang die Beiträge von Heinz-Günther Nesselrath und Martin Wallraff, die sich mit bei Nikephoros überliefertem Sondergut für Julian bzw. Konstantin befassen. Während Nesselrath zeigt, dass Nikephoros dort, wo er in seinen Angaben zu Julian über die Kirchenhistoriker hinausgeht, nur bereits bekannte Informationen in seinem Sinne umdeutet, versucht Wallraff nachzuweisen, dass zwei nur bei Nikephoros erhaltene Angaben über die Bestattung Konstantins glaubwürdig und in den Kontext seiner Religionspolitik einzuordnen sind. Eine genaue Prüfung derartiger Sekundärüberlieferung ist ein bislang noch nicht ausreichend erschlossenes Forschungsfeld, das sowohl für die Mediaevistik als auch für die Altertumswissenschaft ohne Zweifel einen reichen Gewinn zur Folge hätte.

Daneben ist daran zu erinnern, dass derartige Übersetzungen auch immer Produkte ihrer Zeit sind und bereits das Übersetzungsprojekt an sich, aber auch die Art seiner Umsetzung Rückschlüsse auf die Zeit seiner Entstehung zulässt. Da Georg als Person im Gegensatz zu den oben genannten Übersetzern Paianios und Cassiodor nicht mehr in den Zuständigkeitsbereich der Altertumswissenschaft fällt, bietet Abensteins Werk in dieser Hinsicht somit auch keine konkreten Ergebnisse für den Althistoriker. Allerdings kann es wertvolle Anregungen und methodische Winke geben, von denen auch der Erforscher der Antike profitieren kann, auch wenn dieser aufgrund einer deutlich schlechteren Quellenlage letztlich seine Vorgehensweise entsprechend anpassen muss.

Zuletzt seien noch einige Passagen des Kommentars hervorgehoben, die als potentiell interessante Lektüre für den Althistoriker auffielen. S. 293 zur praefatio I 4,3 (S. 7,10-11): Die „Chronographia des Nikephoros" (gemeint ist wohl das Chronographikon des Patriarchen Nikephoros, der nicht mit dem oben genannten Nikephoros Kallistou Xanthopoulos identisch ist; Edition: Nicephori archiepiscopi Constantinopolitani opuscula historica, edidit Carolus de Boor, Leipzig 1880, S. 79-135), sowie „nicht weiter bestimmte Werke von Orosius und Sueton" (wahrscheinlich die Historia adversus paganos und die Kaiserviten) und ein nicht näher bestimmbares Werk des Jordanes scheinen den Grundstock für Georgs Kenntnisse der antiken Geschichte gebildet zu haben. S. 294 zur praefatio I 2,1 (S. 8,14-16): Zur Verwechslung von Arius als Schüler des Aetius durch Georg. S. 294 zur praefatio I 2,2 (S. 8,18-20): Angesichts Übereinstimmungen mit der Darstellung bei Philostorgios könnte Georg dessen Werk gekannt haben. S. 330 zu CE 5,182,2 (S. 181,19-20): Hier könnte die Übersetzung Georgs dabei helfen, den genauen Sinn dieser unklaren Stelle zu verstehen. Bemerkenswert ist auch S. 301 zu CE 1,8,5 (30,4), wo Georg nah am Text bleibt und daher die erste Person Plural wortgetreu mit dicimus übersetzt; ein ähnlicher Fall findet sich in der historia Romana des Paulus Diaconus, einer aus anderen Quellen erweiterten und bis in die Zeit Justinians fortgesetzten Abschrift des Eutropius, in der die autobiographische Bemerkung des Eutropius über seine Teilnahme am Perserfeldzug Julians (10,16,1: cui expeditioni ego quoque interfui) ohne jegliche Veränderung übernommen wird (10,16; S. 88,5 Droysen).

Zusammengefasst: Letztlich ist es die Kritik der Erforscher der mittelalterlichen Geschichte, die für die Beurteilung dieses Werkes entscheidend ist und diesbezüglich werden sich Fähigere äußern müssen. Von althistorischer Seite jedenfalls handelt es sich um ein gelungenes Werk, das einen wertvollen Beitrag zum noch längst nicht abgeschlossenen Feld der Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte antiker Texte leistet.

Table of Contents

Vorwort und Dank (S. VII-VIII)
Einleitung (S. XI-XLIII)
Die Handschriften (S. XIII-XXIII)
Die editiones Parisina und Basileensis sowie die römische Ausgabe von 1526 (S. XXIII-XXIV)
Ratio edendi (S. XXIV-XXXIX)
Conspectus siglorum et editionum (S. XL-XLII)
Codices Latini traductionem Georgii Trapezuntii continentes (S. XL)
Codices Graeci opera Basilii Caesariensis continentes (S. XL)
Editiones (S. XLI)
Sigla et abbreviationes in apparatu critico usitatae (S. XLI-XLII)
Aliae abbreviationes (S. XLII)
Stemma (S. XLIII)
Edition (1-284)
Praefatio Bessarionis (S. 3-5)
Praefatio Georgii I (S. 6-7)
Praefatio Georgii II (S. 8-10)
Contra Eunomium (S. 11-192)
De spiritu (S. 189-192)
Praefatio Georgii III (S. 193-194)
De spiritu sancto (S. 195-284)
Kommentar (S. 287-344)
Literaturverzeichnis (S. 345-350)
Register (S. 351-354)

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