Wednesday, July 8, 2015

2015.07.12

László Horváth, Der Neue Hypereides: Textedition, Studien und Erläuterungen. Texte und Kommentare, Bd 50. Berlin; München; Boston: De Gruyter, 2014. Pp. xiv, 203. ISBN 9783110378627. €79.95.

Reviewed by Johannes Engels, Universität Bonn (engelsj@uni-bonn.de)

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Die Texte des sogenannten Neuen Hypereides, die vor einigen Jahren bei der Untersuchung und Edition des berühmten Archimedes-Palimpsestes überraschend bekannt wurden, bieten eine bedeutende Erweiterung unserer Kenntnisse über das Corpus der Reden des Hypereides (390/89-322 v. Chr.), eines der Zehn Attischen Redner. Es handelt sich um nicht weniger als 320 Zeilen Text aus zwei Reden des Hypereides, die zuvor lediglich dem Titel nach bzw. aus spärlichsten Testimonien und Fragmenten sehr schlecht bekannt waren (vgl. Hyp. XX Fr. 95-96 und LIV Fr. 164-165 Jensen). Die Altertumswissenschaft darf sich nun über einen Zuwachs der bisher bekannten Texte dieses kanonischen attischen Redners um ca. 20 % freuen, der für die Zukunft eine deutlich verbesserte Textgrundlage für das Studium seines Werkes bietet.

Es handelt sich aus mehreren Gründen zudem auch inhaltlich um bedeutende neue Texte: Die Textpassagen aus Gegen Diondas sind ein hochinteressantes Zeugnis für die innerathenische Auseinandersetzung zwischen führenden Rhetoren der Stadt um die politische Bewältigung und Erklärung der Niederlage Athens bei Chaironeia gegen König Philipp II. von Makedonien 338 v. Chr. Denn der neue Text erweitert die Reihe der zeitgenössischen Passagen aus erhaltenen Gerichtsreden des Aischines (Gegen Ktesiphon), Demosthenes (Kranzrede) und Lykurg (Gegen Leokrates) in den 330er Jahren, in denen den Bürgern Athens durchaus unterschiedliche Sichtweisen auf die Gründe und die Verantwortlichen für diese Niederlage sowie abweichende Äußerungen zu Athens neuer Rolle als Mitglied des Korinthischen Bundes unter nunmehr makedonischer Hegemonie im Schatten des sich bildenden Universalreiches Alexanders des Großen vorgetragen wurden. Die neuen Texte aus Gegen Timandros sind historisch-politisch betrachtet wohl weniger bedeutend, ergänzen aber unsere Kenntnisse über das spätklassische attische Familienrecht und die Sozialgeschichte, insbesondere zu Verfahren im Streit über Vermögensverhältnisse verwaister Geschwister und die Stellung ihrer Vormünder.

Aus Sicht der Überlieferungsgeschichte der Werke des Hypereides bezeugen die neuen Texte, daß die Überlieferung seiner Werke keineswegs lediglich auf Papyrus erfolgte, sondern es auch eine handschriftliche Überlieferung der Hypereides-Reden (des gesamten Corpus, oder jedenfalls doch einer Auswahl von Reden?) bis in das byzantinische Mittelalter gab.

Die Neufunde, die Horváth in diesem Buch als eine Zwischenbilanz der jüngeren Forschung erneut vorlegt und erläutert, haben dem Studium der klassischen attischen Redner und der spätklassischen Demokratie in der Ära des Lykurg starke Impulse gegeben. In den vergangenen ca. 15 Jahren erschienen bereits eine stetig wachsende Menge an Einzelstudien sowie die Beiträge zu mehreren Hypereides-Konferenzen, über die Horváth in der vorliegenden Monographie (insb. in der Einleitung, p. VII-XI) einen kenntnisreichen Überblick gibt. Horváth selbst hat diese Diskussion von Anfang an mit einer eindrucksvollen Reihe von Studien bereichert, und daher war er für diese neue kommentierte Ausgabe hervorragend vorbereitet. Das Buch darf auch als wichtige Vorarbeit für die in naher Zukunft zu erwartende neue kritische Gesamtausgabe der Reden des Hypereides gelten, die dann die bisher gründlichste, aber natürlich inzwischen veraltete und unvollständige Teubner-Ausgabe von Christian Jensen (Leipzig 1917; repr. Stuttgart 1963) nach ca. 100 Jahren ersetzen wird.

Nach der knappen Einleitung folgt eine gründliche Einführung in die vielfältigen politisch-historischen, juristischen und chronologischen Probleme um diesen Prozeß und die Rede Gegen Diondas (p. 1-68). Daran schließt sich die sorgfältige kritische Textausgabe der neuen Stücke dieser Prozeßrede an (p. 69-81), welche die editorischen Konventionen der Bände der Bibliotheca Teubneriana beachtet. Als besonders nützlich erweist sich aus Sicht des Rezensenten neben dem textkritischen Apparat der sehr reiche Testimonienapparat (bereits in nuce ein Kurzkommentar). Die deutsche Übersetzung der neuen Textstücke (p. 82-87) aus Gegen Diondas stammt von Herwig Maehler (ebenso wie die später folgenden Textabschnitte aus Gegen Timandros, p. 187-188). Maehlers Übersetzungen sind generell präzise und flüssig zu lesen. Jedoch wird die Diskusion um das Verständnis bestimmter Formulierungen eines so schwierigen Textes (vgl. etwa Abschnitte 11 und 14) natürlich weitergehen. Auch stellt die deutsche Übertragung bestimmter athenischer termini technici eine bekannte Schwierigkeit dar; ich würde z.B. vorschlagen, in Abschnitt 6 p. 83 bei dem originalen "Proxenoi" statt Maehlers "Wahlkonsuln" zu bleiben, um irreführende Assoziationen zu vermeiden, ebenso vielleicht am Ende in Abschnitt 28 p. 87 bei "als Sykophant" (oder gewerbsmäßiger Ankläger) statt Maehlers "als Verleumder". Horváths griechischer Ergänzungsvorschlag am Ende von Abschnitt 28 p. 81 ist in Maehlers Übersetzung p. 87 nicht (z.B. in eckigen Klammern) übertragen worden, was verwirren könnte.

Diondas hatte sich mit einer graphe paranomon gegen den Vorschlag des Hypereides zur Bekränzung des Demosthenes gewandt. Horváth datiert den Vorschlag des damaligen Ratsherren Hypereides und einen zustimmenden Beschluß der Athener vor die Schlacht von Chaironeia (August 338), die Einleitung der graphe paranomon durch Diondas erst danach, die schließliche Verhandlung der Angelegenheit vor Gericht und die Rede des Hypereides auf ca. Januar bis März 334 v. Chr.1 Gründe für diese auffällig lange Verzögerung des Verfahrens sieht Horváth im taktischen Warten durch den Ankläger auf eine vermeintlich besonders günstige politische Rahmensituation in Hellas und im Alexanderreich, dann in mehreren vorherigen 'Versuchsverfahren', die die Stimmung im Demos testen sollten, sowie (p. 35-45) in vielfältigen Möglichkeiten der Prozeßparteien, auch ein solches paranomon-Verfahren in Athen mit verfahrenstechnischen Tricks zu verzögern oder gar vor einer eigentlichen Gerichtsverhandlung 'einschlafen' zu lassen und abzubrechen. Insbesondere die Reden des Hypereides Gegen Demades und Gegen Philippides betrachtet Horváth (32-35 und öfter in den Erläuterungen) als Teil der unmittelbaren Vorgeschichte der Verhandlung des Diondas-Falles. Der junge und relativ unbedeutende Politiker Diondas habe Anfang 334 auch deshalb ohne allzu hohes persönliches Risiko den Angriff gegen den prominenten Hypereides ausführen können, weil Diondas unabhängig vom Prozeßausgang ohnehin bereits seine Teilnahme am Alexanderzug ab Frühjahr 334 geplant habe.

Die neuen Texte aus Gegen Diondas sind auch relevant für die Diskussionen über die Anzahl der athenischen Schiffe in den Seeschlachten der Perserkriege bei Artemision und Salamis (p. 46-50; Hypereides nennt hierzu die hohe Zahl von 220 Schiffen) sowie über die Anzahl und Art der Truppen, die bereits Philipp II. für seinen geplanten Perserfeldzug aus Athen anforderte und diejenigen, die später dann Alexander der Große verlangte (p. 50-61): Hypereides zufolge waren es lediglich 600 Fußsoldaten und 60 Reiter; erst unter Alexander seien dann zusätzlich 20 Trieren angefordert worden, insgesamt also eine eher kleine Streitmacht angesichts des damaligen militärischen Potentials der Polis Athen.

Ich würde Horváth darin zustimmen, daß die erhaltenen Textstücke wohl aus dem argumentativen Teil der Gerichtsrede des Hypereides vor dem Epilog stammen (vgl. p. 64), obwohl der Überlieferungszustand der Rede derzeit jeglichen Rekonstruktionsversuch der Gesamtstruktur extrem hypothetisch macht.

Der nächste Abschnitt (p. 87-164) wird von Horváth bescheiden "Erläuterungen" genannt, erweist sich aber als ein gründlicher Kommentar, der sowohl philologisch-rhetorische als auch althistorische oder rechtsgeschichtliche Fragen erörtert, ohne auf eines der Gebiete eine eindeutige Präferenz zu setzen. Aus der nur noch schwer überschaubaren Masse an einschlägiger Fachliteratur hat Horváth für seine Erläuterungen mit gutem Überblick eine vertretbare Auswahl getroffen, wobei seine Hinweise auf relevante Sekundärliteratur erfreulich aktuell sind und Horváth großzügig aus antiken Parallelquellen zitiert.

Horváth trennt zwei ergänzende und zusammenfassende Exkurse von seinem Kommentar, zunächst Überlegungen zu gedanklichen und sprachlichen Parallelen der hyperideischen Rede Gegen Diondas und der demosthenischen Kranzrede (p. 165-176). 19 solcher auffälliger Parallelen werden aufgeführt, die Horváth meines Erachtens zu Recht aber nicht als Belege für einseitigen geistigen Diebstahl eines der beiden Redner bei seinem Kollegen verstehen möchte, sondern aus der "politischen Zusammenarbeit, der gemeinsamen staatsmännischen Tätigkeit der beiden Redner" (p. 174-175) erklären möchte.2

Der zweite Exkurs betrifft die Datierung der Philippides-Rede des Hypereides. Horváth legt hier textkritische Bemerkungen zu Hyp. Phil. 7 col. V,8 vor (p. 177-183). Er gelangt dann – allerdings mit einer vorgeschlagenen Konjektur der Lesung des Papyrustextes – zu wichtigen chronologischen Folgerungen mit dem Tod Philipps II. 336 v. Chr. als terminus post quem dieser Rede, die in ihrer Argumentationsstruktur übrigens in einigen Angriffen auf Philippides Ähnlichkeiten zu Gegen Diondas zeige und wohl "ungefähr im Winter 336 v. Chr. oder nicht viel später" (Horváth p. 183) gehalten worden sei.

Es folgt die kritische Edition der weniger umfangreichen neuen Textstücke aus der Rede Gegen Timandros (p. 184-186; wiederum mit deutscher Übersetzung von Herwig Maehler, p. 187-188). Leider sind diesem familien- und rechtsgeschichtlich sehr interessanten Text keine Erläuterungen beigegeben, die mit vergleichendem Blick auf die reichen Kommentare zu Gegen Diondas ebenfalls sehr erwünscht gewesen wären.

Das Buch schließt mit einem Literaturverzeichnis (p. 189-196), einem kurzen Register von Personen- und Ortsnamen (p. 199-202) sowie drei Abbildungen (British Library Pap. 134 Col. V mit der kritischen Stelle für die Datierung der Rede Gegen Philippides und zwei Seiten aus dem Archimedes-Palimpsest).

Das vorliegende, auch technisch sorgfältig hergestellte Buch kann allen Lesern, die an den Reden des Hypereides, den Zehn Attischen Rednern der klassischen Zeit generell sowie an der Geschichte des Lykurgischen Athen (338-322 v. Chr.) interessiert sind, nur nachdrücklich empfohlen werden. Es wird den Hypereides-Forschungen in Zukunft sicherlich wichtige Impulse geben.3



Notes:


1.   Etwas später datiert die Verhandlung z.B. P.J. Rhodes, Hyperides Against Diondas: two Problems, BICS 52, 2009, 225f. auf Mai/Juni 334; noch spätere Datierungsvorschläge auf 333 v. Chr. überzeugen mich ebensowenig wie Horváth, p. 21-23.
2.   Vgl. hierzu auch J. Engels, Zur Diskussion um die im 'Archimedes-Palimpsest' neu gefundenen Texte aus zwei Reden des Hypereides, in: G. Ueding, G. Kalivoda (Eds.), Wege moderner Rhetorikforschung. Klassische Fundamente und interdisziplinäre Entwicklung, RHET Bd. 21, Berlin; Boston 2014, 237-251, insb. 246-248.
3.   Schließlich darf man wohl auch im Rahmen dieser Rezension erneut an die spannende Geschichte der Untersuchung und Entzifferung des Archimedes-Palimpestes in einer methodisch innovativen intensiven Zusammenarbeit von Altertumswissenschaftlern mit Spezialisten mehrerer bildtechnischer Disziplinen erinnern, die schließlich als 'untere Schrift' verschiedenen Gattungen zugehörige Texte erschloß, darunter eben im vorliegenden Kontext besonders wichtig den "Neuen Hypereides".

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