Sunday, February 24, 2013

2013.02.44

Michaela Stark, Göttliche Kinder: Ikonographische Untersuchung zu den Darstellungskonzeptionen von Gott und Kind bzw. Gott und Mensch in der griechischen Kunst. Potsdamer Altertumswissenschaftliche Beiträge, Bd. 39. Stuttgart: Franz Steiner Verlag, 2012. Pp. 358 ; 32 p. of plates. ISBN 9783515101394. €64.00 (pb).

Reviewed by Sabine Schlegelmilch, Universität Würzburg (sabine.schlegelmilch@uni-wuerzburg.de)

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Michaela Starks Monographie stellt einen weiteren Beitrag zur Erschließung der antiken Kinderdarstellungen dar, die gerade in den letzten 10 Jahren verstärkte Aufmerksamkeit erfahren haben. Die Autorin konzentriert sich hierbei auf „Göttliche Kinder", d.h. Kinder von Göttern, die im Übergangsstadium der Kindheit abgebildet wurden. Hiervon abgegrenzt und nicht behandelt werden „Kindgötter", deren perpetuiertes Kind-Sein ein ihre Göttlichkeit konstituierender Wesenszug ist (z.B. Eros).

In einem ersten, umfassenden Teil stellt Stark literarische Zeugnisse und Bildquellen zu den Götterkindern Apoll, Hermes, Zeus, Dionysos, Athena, Artemis, Herakles und Achill vor. Die Autorin arbeitet hier auf der Grundlage von Vasenbildern überzeugend wiederkehrende Motive heraus, wie z.B. die „Kindheitsüberwindung" durch ein extremes Ereignis (Apolls Kampf mit Python, Hermesʼ Streit mit Apoll, Heraklesʼ „Coming out" durch die Überwindung der Schlangen). Dieses „Schlüsselerlebnis" fehlt, wo das Augenmerk sich primär auf den Sukzessionsmythos (Zeus, Athena) richtet; genauso aber auch bei Dionysos, dem „außergewöhnlichsten und atypischsten der olympischen Götter" (S. 93), der unter den göttlichen Kindern ebenfalls eine Sonderstellung einnimmt. Stark kontrastiert ihn zu Recht mit den Darstellungen von Apoll, Hermes und Athena, die eine „rückwärtsgerichtete" Interpretation erfahren: sie werden außer mit den standardisierten Bildformeln für das Kleinkindalter (Nacktheit bzw. Windeln, Getragenwerden) bereits mit den Attributen versehen, die sie später als Götter kennzeichnen. Dionysos jedoch ist primär Kind. Seine Kindheit weist im Unterschied zu anderen Götterkindern einen durativen Charakter auf, sie gleicht damit eher der der Heroen Herakles und Achill. Stark weist auf die signifikante Änderung der Darstellung seit der Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr. hin: durch Gesten –wie den der Bezugsperson zugewandten Oberkörper und ausgestreckte Ärmchen – wird Dionysos sogar so sehr Kind, daß er z.T. als mythische Gestalt nur noch durch die Gruppierung mit anderen Personen oder sekundär in den Bildkontext eingefügte Attribute erkennbar ist. In seiner Interaktion mit anderen unterscheidet er sich deutlich von Apoll, Hermes, Athena und Herakles, die in den Bildkompositionen bewußt isoliert und damit mitunter auch kontrastiert stehen (Herakles-Iphikles). Der Autorin gelingen in diesem Abschnitt viele präzise Einzelbeobachtungen, die schön mit den literarischen Quellen in Beziehung gesetzt werden (z.B. das Verstecken als Wesenszug des Hermes, der sich dann auch in der Bildkomposition versteckt!).

In einem zweiten Teil faßt Stark die Ergebnisse noch einmal zusammen und untersucht jene Bildchiffren, die die göttlichen Kinder auf den Vasenbildern kennzeichnen, in anderen zeitgenössischen Bildgattungen wie z.B. den Grab- und Weihereliefs. Da Parallelen und Diskrepanzen jedoch bereits im ersten Teil angerissen wurden, wirkt diese Darstellung, wie mitunter auch andere Passagen des Buches, repetitiv und hätte in Zusammenführung mit dem ersten Teil deutlich gestrafft werden können (Dionysos erfährt so, die Zusammenfassung der Ergebnisse am Buchende hinzugezählt, gleich viermal eine ähnliche Darstellung). Schöne Beobachtungen folgen dann wieder zu dem von der Autorin benannten „absent mother syndrom" (S. 179): die Bildkompositionen akzentuieren stets die besondere Beziehung zwischen dem Götterkind und seinem Vater oder einer anderen männlichen Bezugsperson, während die Mütter ausgeschlossen bleiben. Wie strikt dieser Fokus ist, illustriert die Autorin am Beispiel des Achill: selbst wenn dessen Mutter Thetis in die Übergabeszene integriert ist, gibt es zwischen beiden weder Berührung noch Interaktion. Der Vergleich mit den zeitgenössischen Frauengemachszenen schärft diese Beobachtung noch: „Ein direkter Kontakt beziehungsweise eine direkte Interaktion zwischen einer männlichen Figur und einem Kind findet ausschließlich in den mythologischen Darstellungen statt" (S. 184).

Dieser zweite Teil, der unter dem übergeordneten Thema „Mythos und Bürgerwelt" gefasst wird, fährt fort mit einer Betrachtung der göttlichen Kinder Herakles und Achill. In der bildlichen Umsetzung der Ermordung des Lehrers Linos durch seinen Schüler Herakles sowie der Übergabe eines nicht kindlichen, sondern jugendlichen Achills an Chiron verweisen verschiedene Attribute auf das neu etablierte attische Bildungssystem. Herakles im Klassenzimmer und Achill als Palästrit illustrieren die Popularität zeitgenössischer Idealvorstellungen von καλοkἀγαθία. Aus der Herakles-Linos-Szene, einer „Anti-Schulszene", und den festgestellten Diskrepanzen zwischen den idealisierten alltagsweltlichen Darstellungen und denen der göttlichen Kinder schließt die Autorin auf „Regelverstoß und Grenzüberschreitung als ikonographische Kennzeichen der Götterwelt" (S. 202). Als Argument für dieses durchaus plausible Ergebnis ist der längere Exkurs zu Päderastie und Liebeswerbung mit detaillierter Betrachtung von Zeus-Ganymed-Szenen jedoch überflüssig. (Mythos und Kind scheinen hier lose Assoziationen zum Thema des Buches) In einem Nachtrag beschäftigt sich die Autorin mit Lesley Beaumonts (auf Vasenbilder bezogene) These von der „fehlenden Kindheit" bei weiblichen Gottheiten. Stark stellt in Frage, daß gesellschaftliche Normen des 5. Jahrhunderts v. Chr. für dieses vermeintliche Phänomen verantwortlich gemacht werden können (so Beaumonts These) und verweist auf die viel weiter zurückreichende literarische Tradition der Götterkinder. Die nun folgenden Argumente sind nur z.T. überzeugend. Die Autorin begründet z.B. ein Fehlen von Kindheitsszenen des Kriegsgottes Ares mit dessen Wesen als Kriegergott, das mit der Kindgestalt unvereinbar sei. Als Beispiel für eine Darstellung von Kindheit bei weiblichen Gottheiten führt sie unmittelbar darauf aber ausgerechnet Athena an, die ihrem Vater in voller Rüstung und in Kampfhaltung aus dem Kopf springt. Beaumonts Fixierung auf Kleinkinderdarstellungen möchte die Autorin mit dem Verweis auf Artemis begegnen, die als „ewige Parthenos" eine andere Phase von Kindheit darstelle. Dies ist allerdings methodisch recht ungeschickt, da die Autorin gerade solche Gottheiten, die die Kindheit nicht als Übergangsstadium durchlaufen, sondern sie als Wesenzug haben, als Kindgötter verstehen und von den behandelten Götterkindern abgrenzen wollte. Dazu ist die Gruppierung der Artemis mit Athena – als einem anderen Beispiel für ewiges Jungfrauentum – auch nicht hilfreich, denn die Kinddarstellungen dieser Göttin wurden im ersten Teil der Arbeit ja ausführlich besprochen. Die These, daß alle Gottheiten, von denen Kinderszenen existieren, auch „auf unterschiedliche Art und Weise mit Kindern zu tun haben" (S.207), ist überlegenswert. Sie bedarf allerdings noch einer breiter angelegten Validierung, da die von der Autorin exemplarisch angeführten Kultfeste sich auf die klassische athenische Polis beziehen. Diese könnten zwar als Einflußsphäre für die Vasenmalerei geltend gemacht werden, aber nicht für die zeitlich vorausgehenden literarischen Kinderszenen, wie sie z.B. in den homerischen Hymnen vorgegeben werden.

Eine Zusammenfassung der Gesamtergebnisse, ein Katalog der erwähnten Bildzeugnisse sowie ein Tafelteil runden die Monographie ab. Insgesamt ist die eindeutige Stärke bei der Behandlung des Themas in der Fähigkeit der Autorin zu sehen, ikonographische Versatzstücke präzise zu erkennen, in einen größeren Motivrahmen einzuordnen und auf Grundlage dessen – meist überzeugend – Position zu offenen Fragen zu beziehen. Das Buch stellt hierdurch einen wertvollen Beitrag zur Erforschung der Kinderdarstellungen dar.

Es wurde die einschlägige Literatur bis 2011 eingearbeitet. Bedauerlicherweise wurde die ausführliche Darstellung zu den Götterkindern Apoll, Artemis, Zeus und Herakles sowie die Verbürgerlichung von Kinderdarstellungen von Schlegelmilch1 nicht berücksichtigt, die das Thema von der Klassik aus in den Hellenismus weiterverfolgt. Als eine Ergänzung seien zudem die 2012 erschienenen einschlägigen Artikel zu Kinderdarstellungen des ThesCRA genannt.2



Notes:


1.   Sabine Schlegelmilch: Bürger, Gott und Götterschützling: Kinderbilder der hellenistischen Kunst und Literatur (Berlin / New York 2009).
2.   Véronique Dasen: Naissance et petite enfance dans le monde grec, in: Thesaurus Cultus et Ritum Antiquorum (ThesCRA), Bd. VI: Stages and circumstances of life – work – hunting – travel (Los Angeles 2011), S. 1-8; Anneliese Kossatz-Deissmann: Kindheit und Jugend in der griechischen Welt, ebd. S. 17-61.

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