Thursday, May 31, 2012

2012.05.54

Julia Hoffmann-Salz, Die wirtschaftlichen Auswirkungen der römischen Eroberung: vergleichende Untersuchungen der Provinzen Hispania Tarraconensis, Africa Proconsularis und Syria. Historia Einzelschriften, 218. Stuttgart: Franz Steiner Verlag, 2011. Pp. 561. ISBN 9783515098472. €84.00.

Reviewed by Kerstin Droß-Krüpe, Philipps-Universität Marburg – Seminar für Alte Geschichte (dross@staff.uni-marburg.de)

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Table of Contents

Julia Hoffmann-Salz hat ihre 2007 in Bonn eingereichte Dissertationsschrift „Die wirtschaftlichen Auswirkungen der römischen Eroberung – Vergleichende Untersuchungen der Provinzen Hispania Tarraconensis, Africa Proconsularis und Syria" nun in einer überarbeiten Version im Franz-Steiner-Verlag vorgelegt. In einem komparatistischen Ansatz strebt sie eine Untersuchung der ökonomischen Veränderungen und Kontinuitäten an, die mit dem Prozess der Provinzwerdung einer Region verbunden sein konnten.

Der Band ist klar gegliedert, seine Struktur folgt nach einer kurzen Einleitung (11-28) einer territorialen Gliederung nach den drei gewählten Provinzen, innerhalb derer jeweils drei regionale Fallbeispiele vorgestellt werden (29-440). Diese näher in den Blick genommenen Gebiete sind dabei so gewählt, dass jeweils eine Küstenregion, eine Region aus dem Hinterland sowie das Gebiet um die jeweilige Provinzhauptstadt besprochen werden. In einem zweiten Schritt erfolgt dann ein Vergleich dieser Regionen, um allgemeine Aussagen über die römische Wirtschaft als Ganzes und wirtschaftliche Integrationsmechanismen in den einzelnen Provinzen zu treffen (441-498).

In ihrer Einleitung betont Hoffmann-Salz die tiefgreifenden Veränderungen durch Eroberung und Provinzwerdung für die einheimische Bevölkerung: „Die Eroberung einer Region durch Rom hatte für die dort lebenden Bewohner gravierende Folgen." (11) – eine Aussage, die in ihrer Globalität zumindest kritisch zu hinterfragen wäre. Die Veränderungen, die das Zentrum ihrer Arbeit bilden, sind wirtschaftlicher Natur – sie fragt nach den ökonomischen Folgen der römischen Eroberungen für die Regionen des Reiches. Daher gibt sie zunächst einen Abriss zur Forschungsgeschichte der antiken Wirtschaftsgeschichte, beginnend mit der Bücher-Meyer-Kontroverse, um sich und ihre Arbeit zu positionieren (13). So befasst sie sich mit den prägenden Arbeiten von Eduard Meyer, Karl Bücher, Max Weber, Michail Rostovtzeff, Moses I. Finley, Karl Polanyi und William H. Pleket. Auf jüngere Forschungsentwicklungen wird an dieser Stelle der Arbeit allerdings nicht eingegangen, vielmehr wird hierfür auf den Schlussteil der Arbeit verwiesen (16).

In der Folge erläutert Hoffmann-Salz die zentralen Prämissen ihrer Studie sowie ihr Vorgehen. Sie versteht, in Anlehnung an Peregrine Horden und Nicholas Purcell, den Mittelmeerraum als engverflochtenes Netz von Mikroregionen, deren naturräumliche Bedingungen zur Ausbildung von bestimmten ökonomischen Aktivitäten führen (17). Veränderungen werden als Prozesse begriffen, die sich durch Wandel und Kontinuität gleichermaßen auszeichnen (18). Diese Muster von Kontinuität und Wandel sind es, die Hoffmann-Salz bei ihrer Untersuchung ökonomischer Auswirkungen der römischen Eroberung von einzelnen Regionen insbesondere interessieren. Dabei soll „bewusst nicht der römische, sondern der indigene Standpunkt eingenommen werden, sofern dies die Quellen erlauben" (21). Als Quellenmaterial kommt neben den literarischen Zeugnissen, die um epigraphisches und numismatisches Material ergänzt werden sollen, vor allem der Archäologie eine entscheidende Bedeutung zu (27). Dabei wird schnell klar, dass die Quellen in überwiegender Mehrheit römischen Ursprungs sind. Hinzu kommt, dass auch der archäologische Befund oftmals vor dem Hintergrund der literarischen – also römischen – Überlieferung gedeutet wird; die von Hoffmann-Salz angestrebte Betrachtung der ökonomischen Kontinuitäten und Diskontinuitäten aus Sicht der indigenen Bevölkerung ist somit ein höchst schwieriges, wenn nicht nahezu unmögliches Unterfangen.

Beginnend mit der Provinz Hispania Tarraconensis folgt dann der Hauptteil der Studie (29-153). Nach einer kurzen Einleitung zu den ereignisgeschichtlich zentralen Elementen sowie einem groben Abriss der vorrömischen ökonomischen Strukturen folgen die Fallbeispiele. Es sei angemerkt, dass alle der insgesamt 12 vorgelegten regionalen Fallstudien nach exakt dem gleichen Schema aufgebaut sind, so dass die Orientierung für den Leser erfreulich einfach ist: Zunächst wird eine territoriale Abgrenzung der gewählten regio vorgenommen, um dann auf Siedlungs- und Bevölkerungsstruktur, naturräumliche Gegebenheiten, ökonomische Aktivitäten und Arbeitsorganisation einzugehen.

Die Einzeluntersuchungen aus der Hispania Tarraconensis zeigen, dass in den gewählten Regionen auf Grund unterschiedlicher naturräumlicher Gegebenheiten ungleiche ökonomische Voraussetzungen und letztlich daraus resultierend unterschiedliche ökonomische Schwerpunktbildung erfolgte – ein Bild, das sich auch in den anderen Provinzen bestätigt. Verdienstvoll ist die Zusammenstellung der Belege für verschiedene Anbauprodukte und ökonomische Tätigkeiten sowohl für die vorrömische als auch die römische Zeit in den einzelnen Regionen. Hoffmann-Salz liefert ihrem Leser hier tabellarische Übersichten, in die sie neben literarischen und epigraphischen auch archäobotanische und archäologische Funde einbezieht.1 Es zeigt sich eine beeindruckende Kenntnis auch entlegen publizierter Forschungsliteratur..

Nicht immer folgen möchte man der Autorin v.a. bei ihrer Deutung der Arbeitsorganisation in den einzelnen Regionen. So heißt es beispielsweise:

Auch wenn keine Quellen für die Organisation von Arbeit in der Cessatania in vorrömischer Zeit vorliegen, so kann doch anhand von grundsätzlichen Überlegungen zur Wirtschaftsorganisation im vorrömischen iberischen Raum davon ausgegangen werden, dass hier Arbeit innerhalb der Familie oder des Familienverbandes aufgeteilt und organisiert war. Mit der römischen Eroberung wurden jedoch auch andere Konzepte von Arbeitsorganisation in der Region eingeführt. (68)
Angesichts der fehlenden Quellen ist dies eine These, die einer ausführlicheren Erläuterung bedürfte. In der Folge wird auf die Bedeutung von Sklavenarbeit nach der römischen Eroberung hingewiesen, da sich nun Sklaven und Freigelassene inschriftlich fassen lassen. Von den angeführten 70 Belegen stammen allerdings nur acht aus republikanischer Zeit, so dass nur postuliert werden dürfte, die römische Eroberung habe zu einem Umbruch in der Arbeitsorganisation der Region geführt, wenn mit „Eroberung" nicht die Provinzwerdung, sondern die Provinzreform unter Augustus gemeint ist. Selbst dann bleibt die Aussage methodisch problematisch, da ja – wie erwähnt – Vergleichsmaterial über die vorrömischen Verhältnisse fehlt.

Im dritten Teil der Arbeit – „Vergleichende Untersuchung der Auswirkungen der römischen Eroberung auf die regionale Wirtschaftsstruktur in den Beispielprovinzen" (441-498) kommt Hoffmann-Salz auf die in der Einleitung aufgeworfenen Fragen nach Kontinuität und Wandel zurück. Zunächst betrachtet sie die Frage nach dem Zugang zu den elementaren Ressourcen. Sie kommt hier zu dem Schluss, dass in allen untersuchten Regionen und Provinzen Wasser „für die Benutzung aller Einwohner und nicht nur der Bürger frei zugänglich" war. Der Zugang zu einer der wichtigsten Ressourcen für die Landwirtschaft und andere ökonomische Sektoren war also stets gewährleistet (441- 445). Ähnliches lässt sich mit Blick auf die Ressource Boden konstatieren, Hoffmann-Salz betont hier zu Recht die relativ starken Kontinuitäten in den Besitzverhältnissen, wenn auch daneben immer wieder die Entstehung von Großgrundbesitz zu beobachten sei (445-449). Auch für den Zugang zu den notwendigen Rohstoffen kann sie keine Zugangsbeschränkungen ausmachen – lediglich die jeweiligen naturräumlichen Gegebenheiten determinierten die Rohstoffe einer Region. Die jeweils vorhandenen Rohstoffe konnten im Grundsatz von allen Bevölkerungsteilen genutzt werden. Dem staatlichen Zugriff vorbehalten waren lediglich die punischen Silberminen sowie die Marmorbrüche von Simitthus in der Africa Proconsularis (449-451). Bei der Gewichtung der Tätigkeiten kann sie konstatieren, dass die Landwirtschaft die „wichtigste ökonomische Aktivität der Regionen darstellte" (454). Dabei sind große Kontinuitäten in den Anbauprodukten und Anbautechniken zu beobachten, auch wenn sich eine zunehmende Spezialisierung auf eines oder wenige Produkte abzeichnet (456-459). Eine Spezialisierung beobachtet Hoffmann-Salz für die Kaiserzeit auch mit Blick auf die Handwerker und Dienstleister in allen drei Provinzen – eine Entwicklung die angesichts der umfangreichen Studie von Kai Ruffing zur Spezialisierung in Handel und Handwerk im griechischsprachigen Bereich des Imperium Romanum dieser Zeit nicht zu überraschen vermag. Schon Ruffing kommt zu dem Schluss, dass die Prosperität eines Marktes und damit letztlich die Möglichkeit dort Waren und Dienstleistungen zu Geld zu machen in engem Zusammenhang mit der beruflichen Ausdifferenzierung gestanden habe und weist auch auf die mit einer solchen Spezialisierung einhergehenden Produktivitätssteigerungen hin. Auch betont er die Bedeutung von Standortfaktoren wie naturräumlichen Gegebenheiten und infrastruktureller Anbindung. 2 Hoffmann-Salz kommt für die von ihr untersuchten Regionen zu ähnlichen Schlüssen (462-466). Für die Organisation der Arbeit postuliert sie eine Zunahme der Sklaverei in der Kaiserzeit, die teilweise auf vorrömischen Gegebenheiten fußte. Beobachtbar wird dies in allen Regionen, ist aber in der Africa Proconsularis am schwächsten ausgeprägt (472). Insgesamt dominieren für Hoffmann-Salz also eindeutig die Kontinuitäten gegenüber den Brüchen, wobei sie in der „kontinuierlichen Integration der indigenen Bevölkerung" ein Schlüsselelement sieht (475).

Abgerundet wird der Band durch einen Anhang bestehend aus Quellen- und Literaturverzeichnis, drei Karten sowie einem umfangreichen Sach-, Personen- und Ortsregister, der die gezielte Benutzung des Bandes für den Leser erleichtert.3

Insgesamt bleibt diese vielversprechende Studie, vor allem im dritten Teil, etwas hinter ihren Möglichkeiten und auch hinter den in der Einleitung abgesteckten Ansprüchen zurück. So nimmt die angestrebte Untersuchung von Kontinuität und Wandel einen vergleichsweise geringen Raum ein. Neben dem numismatischen Befund bleibt Hoffmann-Salz auch die angekündigten neueren Forschungstendenzen zur antiken Ökonomie schuldig (zu nennen wäre hier allen voran die Neue Institutionenökonomik sowie Ansätze zu Netzwerkanalysen oder zur Standorttheorie). Neben einigen formalen Schwächen4 ist das Fehlen von detaillierten Karten zu bedauern. Zwar sind im Anhang schematische Karten jeder Region beigegeben, doch sind hier nicht alle im Text genannten geographischen Namen eingetragen. Auch wäre die Eintragung der Ausdehnung der jeweiligen Regionen wünschenswert gewesen, da, wie im Text diskutiert, hier durchaus Schwierigkeiten/Uneinigkeiten bestehen können. Positiv hervorzuheben ist vor allem die intensive Einbeziehung der Archäologie und Archäozoologie. Das hier präsentierte Zusammenspiel unterschiedlicher Quellengattungen und Fachdisziplinen der Altertumswissenschaften zeigt wieder einmal deutlich das Potenzial interdisziplinärer Ansätze. Alles in allem wird der Band trotz kleinerer Monita eine wertvolle Basis für alle zukünftigen Beschäftigungen mit der Ökonomie der römischen Provinzen bieten.



Notes:


1.   Allerdings hätte man sich eine übersichtlichere Umsetzung gewünscht, die einen schnelleren Überblick ermöglicht. Die Auflösung von Buchstabenkürzeln (AR = Archäologische Funde; EP = Epigraphische Funde; usw.), unterschiedlichen Schriftauszeichnungen und verschiedenen Klammersystemen muss durch die beigegebenen Legenden erst erschlossen werden, die Anmerkungen zu den einzelnen Tabellen hätten sich leicht auch in den übrigen Anmerkungsapparat eingliedern lassen.
2.   Kai Ruffing, Die berufliche Spezialisierung in Handel und Handwerk. Untersuchungen zu ihrer Entwicklung und zu ihren Bedingungen in der römischen Kaiserzeit im östlichen Mittelmeerraum auf der Grundlage griechischer Inschriften und Papyri, Rahden/Westf. 2007 (Pharos 24), insb. 385-390.
3.   Wobei nach der Sinnhaftigkeit von Einträgen wie „Handel" oder „Landwirtschaft" mit je über 200 Verweisen zu fragen wäre.
4.   So wird beispielsweise in Anm. 211 (S. 76) auf Alföldy (2003) verwiesen. Im Literaturverzeichnis finden sich für dieses Jahr zwei Aufsätze von Geza Alföldy, von denen außerdem nur einer mit Seitenzahlen versehen ist. In Anm. 103 wird zitiert: „Curchin (1987), S. 164, nach Alföldy." Weder der entsprechende Beitrag von Curchin noch der von Alföldy erscheinen aber im Literaturverzeichnis. Es handelt sich wohl um: Leonard A. Curchin, "Demography and romanization at Tarraco". AEA 60 (1987), N°155-156, 159-171 bzw. G. Alföldy, "L'onomastique de Tarragone", in: L'onomastique latine – Colloques internationaux du CNRS, Paris 13-15 octobre 1975, Paris 1977, 293- 295. Durch den ganzen Band ziehen sich kleinere Tippfehler (S. 29: „Bodenschätzen" statt Bodenschätze; S. 29 Anm. 2: „Vlg." statt Vgl.; S. 33: „Mittelmeerraumes" statt Mittelmeerraum; S. 93 Tab.-Anm. 4: „beginndene" statt beginnende; S. 494: „grows" statt growths et al.) und auch Akzentfehler im Griechischen kommen vor („Ἱλλικιτανς λιμἦν" statt Ἱλλικιτανός λιμήν [76]).

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