Saturday, January 28, 2012

2012.01.46

Concetta Luna, Alain-Philippe Segonds (ed.), Proclus, Commentaire sur le Parménide de Platon. Tome II, livre II. Collection des universités de France. Série grecque, 476. Paris: Les Belles Lettres, 2010. Pp. cxliv, 350. ISBN 9782251005607. €57.00 (pb).

Reviewed by Benedikt Strobel, Universität Trier (strobel@uni-trier.de)

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Vor knapp mehr als vier Jahren erschien Buch II von Proklos' Parmenides-Kommentar erstmals in einer kritischen Edition, enthalten im ersten Band1 der von Carlos Steel u.a. (= edd. O.) in der Reihe Oxford Classical Texts von 2007 bis 2009 publizierten dreibändigen Gesamt-Edition des Parmenides-Kommentars (= ed. O.). Mit dem hier anzuzeigenden zweiten Band der von Concetta Luna und Alain-Philippe Segonds (†) (= edd. P.) herausgegebenen Budé-Ausgabe des Parmenides-Kommentars (= ed. P.) liegt nun eine weitere kritische Edition von Buch II vor. Bedingt durch das andere Format der Budé-Reihe, enthält der Band auch eine (französische) Übersetzung sowie ausführliche „Notes complémentaires".

In diesen braut sich auf vielen Seiten2 als dunkles Gewölk zusammen, was mittlerweile, auf mehr als 250 Seiten des jüngst erschienenen dritten Bands der ed. P.,3 als heftiges Gewitter über die edd. O. hereingebrochen ist: eine Generalabrechnung mit der editorischen Praxis der edd. O. Dieser als „Introduction au livre III" betitelte Verriß in Buchformat ist nicht Gegenstand der vorliegenden Besprechung; dennoch muß hier auf ihn hingewiesen werden, da mit ihm diejenige Strategie ihren Höhepunkt erreicht hat, die ihren Schatten bereits auf die „Notes complémentaires" des zweiten Bands der ed. P. wirft: die Strategie, selbst die kleineren Fehler der früheren Editoren (v.a. der edd. O.) genüßlich auszuwalzen (vgl. z.B. 217 der „Notes complémentaires": „Doit-on croire que les edd. Oxon. n'ont pas su faire la distinction entre un participe présent actif et un participe aoriste passif ?"4), um die philologischen Fähigkeiten der edd. O. in ein ungünstiges Licht zu rücken.5

Fehler der Vorgängereditionen sollten in einer neuen Edition korrigiert und, wo der Sache nach nötig, auch zur Sprache gebracht werden; aber die Selbstgewißheit, mit der die edd. P. schon im zweiten Band mit der ed. O. ins Gericht gehen, befremdet angesichts der erheblichen Schwierigkeiten, die die Konstitution des Texts des Parmenides-Kommentars aufwirft und die unausbleiblich zur Folge haben, daß editorische Entscheidungen an verschiedenen Stellen als zweifelhaft oder jedenfalls nicht alternativlos erscheinen.6 Wie brüchig in der Tat das Fundament ist, auf dem die ostentative Selbstgewißheit der edd. P. ruht, möchte ich an einigen Beispielen aus Buch II illustrieren, die den Aspekt der Textkonstitution betreffen (Seiten- und Zeilenzahlen beziehen sich für Bücher I-III auf die ed. P., für die übrigen Bücher auf die zweite Edition von Cousin; den edd. P. folgend, bezeichne ich mit „Σ" den Hyparchetyp der griechischen Textzeugen, mit „g" die lateinische Übersetzung Wilhelms von Moerbeke).

724,19 ὑπενεχθέν ed. P. : ἀπενεχθέν Σ: feratur g] Die edd. P. rechtfertigen ihre Konjektur mit der Feststellung, daß Proklos an anderen Stellen ὑποφέρομαι in dem hier erforderlichen Sinne gebrauche (317). Die Feststellung ist richtig – was die edd. P. aber nicht notieren: auch ἀποφέρομαι ist in demselben Sinn für Proklos an zwei Stellen außerhalb des Parmenides-Kommentars belegt (siehe Theol. Plat. II 7, 50,1-2: εἰς πλῆθος καὶ διαίρεσιν ἀποφέρεται und In Alc. 117,5-6: εἰς ἀοριστίαν ἀποφέρεται). Dies ist ein hinreichender Grund, um zu überlegen, ob nicht auch ἀποφέρομαι im hier erforderlichen Sinne Proklos' usus scribendi entspricht.

724,23-25 οὕτω γὰρ ὁ ἐκείνων [sc. τῶν πολλῶν] λόγος εὐεξέλεγκτος, ἐπεί, εἴγε τὰ πολλὰ τιθοῖτο [τιθοῖτο ed. P. : τίθοιντο Σ: ponantur g] μετὰ τοῦ ἑνός, οὔπω διὰ τοῦτο [τοῦτο ed. P. ex g (hoc) : ταῦτα Σ] ἐλέγχοιτο ἄν] τιθοῖτο wird damit gerechtfertigt, daß das Subjekt nicht οἱ πολλοί, sondern ὁ Ζήνων sei (119). Diese Annahme ist nicht plausibel, da der Sprung von ὁ ἐκείνων λόγος – als (explizites) Subjekt zu εὐεξέλεγκτος – zu ὁ Ζήνων – als (implizites) Subjekt zu τιθοῖτο – und wieder zurück zu ὁ ἐκείνων λόγος – als (implizites) Subjekt zu ἐλέγχοιτο – nur dazu geeignet wäre, Konfusion zu stiften (der Subjektswechsel im folgenden Satz ist hingegen wohlverständlich). Als Einwand gegen οἱ πολλοί als Subjekt wird vorgebracht: „Cela n'a évidemment pas de sens de dire « si les πολλοί avaient posé [τιθοῖντο] les plusieurs avec l'un », car, si tel était le cas, Zénon n'aurait jamais songé à les réfuter, pour la simple raison que c'était là sa propre thèse" (119). Der Einwand überzeugt nicht: denn Proklos erläutert hier mit einer kontrafaktischen Überlegung, warum der λόγος der Vielen zum Gegenstand der zenonischen Widerlegung wird: Es ist noch nicht die Annahme der vielen Dinge (vgl. οὔπω διὰ ταῦτα [sc. τὰ πολλά]), die ihn widerlegbar macht, sondern die Annahme, daß die vielen Dinge nicht am Einen teilhaben: „Auf diese Weise nämlich [d.h. aufgrund der Annahme, daß die vielen Dinge nicht am Einen teilhaben] ist ihr λόγος [d.h. der λόγος der Vielen] leicht widerlegbar, denn wenn sie [sc. die Vielen] die vielen Dinge zusammen mit dem Einen ansetzen würden, würde ihr λόγος noch nicht dieser [vielen Dinge] wegen [d.h. bloß aufgrund der Annahme der vielen Dinge] widerlegt werden können". (Eine analoge Interpretation ist natürlich auch mit τιθοῖτο möglich, wenn ὁ ἐκείνων λόγος als Subjekt angenommen wird.)

724,27 κατὰ <τὴν> [add. ed. P.] δόξαν τὴν ἐκείνων] Vgl. [Pl.] Epin. 984b5: κατὰ δόξαν τὴν ἐπιεικῆ und Arist. SE 180b24: κατὰ δόξαν τὴν αὑτοῦ.

725,30-31 ὡς δὲ μη<δὲν κοινὸν ὅλως> ἔχοντα ἀνόμοια ed. P., ὅλως iam add. ed. O. ex g (totaliter)] Im folgenden (725,33: οὐδὲν γὰρ ἔχει ταύτῃ κοινόν, siehe folgende Anmerkung) wird die These, daß die πολλά, verstanden als ἑνὸς ἀμέτοχα, ἀνόμοια seien, damit begründet, daß sie nichts Gemeinsames haben. Diese Begründung wäre überflüssig, wenn Proklos schon in 725,30-31 gesagt hätte: ὡς δὲ μη<δὲν κοινὸν ὅλως> ἔχοντα ἀνόμοια [sc. ἔσται τὰ πολλά]. Zu schreiben ist vielmehr, teils aus g: ὡς δὲ μη<δ' ὅλως> ἓν ὄντα [ἓν ὄντα für ἔχοντα] ἀνόμοια [sc. ἔσται τὰ πολλά]. Denn genau auf das μηδ' ὅλως ἓν εἶναι wird im folgenden (725,31-32) mit αὐτὸ τοῦτο [...] <τὸ τοῦ ἑνὸς μὴ μετέχειν> [ex g suppl. ed. O. praeter τὸ, quod add. ed. P.] Bezug genommen. Vgl. zu ἓν ὄντα auch 725,18-19: τὰ πολλὰ [...] ἕν ἐστι. Der Gebrauch von μηδ' ὅλως (bzw. μηδὲ ὅλως) ist typisch proklisch (21 Belege; keiner für μὴ ὅλως). Ob in Wilhelms Vorlage μὴ ὅλως oder μηδ' ὅλως stand, muß offenbleiben: wenngleich er μηδ' ὅλως in der Tat üblicherweise mit neque totaliter übersetzt (vgl. 128), gibt es auch Belege für die Entsprechung μηδ' ὅλως ~ non totaliter (vgl. Dub. 27,8 und Simp. In Cael. 57,24-25).

725,33-34 μηδὲν γὰρ ἔχει οὕτω κοινόν· τὸ γὰρ μὴ ἓν κοινόν ἐστι add. ed. P., partim ex g (nichil enim habent sic commune: quod enim commune est)] Die edd. P. tadeln die edd. O. für die Wahl von οὐδὲν statt μηδὲν mit dem Argument, daß Proklos im folgenden (725,35 und 37) τὸ μηδὲν ἔχειν κοινόν schreibe (129). Dieses Argument läßt die nötige „connaissance de la langue grecque"7 vermissen: In 725,35 und 37 steht μηδὲν, weil dies die mit Artikel versehene Infinitivkonstruktion fordert (vgl. Kühner/Gerth II, 197); an der vorliegenden Stelle hingegen ist οὐδὲν korrekt (an den beiden Stellen bei Proklos, an denen μηδὲν zu Beginn eines γὰρ-Satzes überliefert ist, ist es in eine Infinitivkonstruktion eingebettet; sonst findet sich durchweg οὐδὲν γὰρ). Fragwürdig ist weiter die Deutung von sic als Wiedergabe von οὕτω; gemeint ist hier nicht „auf diese Weise", sondern „in dieser Hinsicht". Der Ausdruck dafür ist ταύτῃ (das von Wilhelm häufig mit sic übersetzt wird). Das τὸ γὰρ μὴ ἓν κοινόν ἐστι schließlich eignet sich nicht zur Begründung von οὐδὲν γὰρ ἔχει ταύτῃ κοινόν, sondern steht dazu im Widerspruch (wenn das μὴ ἕν den πολλά gemeinsam ist, haben sie doch etwas Gemeinsames). Proklos' Argumentation fordert vielmehr τὸ γὰρ κοινὸν ἕν ἐστι (aus g mit Ausnahme von ἕν): Die Aussage, daß das Gemeinsame ἕν ist, soll im Umkehrschluß rechtfertigen, daß die vielen Dinge, die nicht am ἕν teilhaben, nichts Gemeinsames haben.

732,8 ἐπιτελῇ τοὺς λόγους ed. P. ex g (consummet sermones) : ἐπὶ τελ (τέλους W) τῶν λόγων Σ] Die gewaltsame Änderung des überlieferten τῶν λόγων in τοὺς λόγους stimmt mißtrauisch, und dieser Verdacht bestätigt sich, wenn man beachtet, daß Proklos ἐπιτελέω nicht im hier erforderlichen Sinne von „beenden", sondern im Sinne von „zur Ausführung bringen" verwendet. Korrekt ist vielmehr das von Cousin und den edd. O. gedruckte ἐπὶ τέλει τῶν λόγων. Das folgende καὶ ist nicht konnektiv, sondern adverbial („auch"). Wilhelms Übersetzung gründet vermutlich in einer Verderbnis seiner Vorlage.

733,5 εἰ <δὲ> [add. ed. P.] τοῦτο] Die Einfügung von δὲ soll ein Asyndeton vermeiden; aber das Asyndeton bei εἰ τοῦτο ist bei Proklos üblich (vgl. In Prm. 821,17; 867,15-16; 1113,18).

733,15-16 καὶ πρὸς ἄλληλα *** [lacunam stat. ed. P.] μέντοι] Die Annahme der Lücke ist überflüssig; Proklos verwendet die Iunktur καὶ ... μέντοι öfter (vgl. z.B. In R. 2,188,1-2; In. Ti. 1,253,9; In Ti. 1,177,23). μέντοι dient der Betonung von πρὸς ἄλληλα im Kontrast zu πρὸς αὐτόν (733,14-15).

745,40-746,6 δεῖ δὲ μεμνῆσθαι κἀκείνου [κἀκείνου ed. P. : κἀκείνων Σ: et illorum g], ὅτι πᾶσαι τῶν ὁπωσοῦν εἶναι λεγομένων αἱ μονάδες τὰ μὲν παράγουσιν ὡς ἀπὸ ὁλικῶν ἑαυτῶν καθ' ὑπόβασιν μερικώτερα, τῆς ἰδιότητος τῆς αὐτῆς <μὲν> [μὲν add. ed. P.] μενούσης, μερικωτέρας δὲ μόνον γιγνομένης, τὰ δὲ κατ' οὐσίας ἐξαλλαγὴν ὡς ἀπὸ παραδειγμάτων <ἑαυτῶν> [add. ed. P.] εἰκόνας [εἰκόνας ed. P. : εἰκόνων Σ: imaginum g] <ὡς> [add. ed. P.] γίγνεσθαι προόδους] Fünf Änderungen in einem einzigen Satz, von denen vier falsch sind. Vgl. zum überlieferten κἀκείνων ὅτι die von Proklos häufig verwendete Iunktur κἀκεῖνα [...] ὅτι: In R. 1,144,21; In Prm. 938,38; 1025,39; in Ti. 2,162,4 (etc.). Für die drei letzten Änderungen gilt: ἑνὸς ἀτόπου δοθέντος τὰ ἄλλα συμβαίνει. Da sie annehmen, daß ὡς ἀπὸ παραδειγμάτων genau parallel zu ὡς ἀπὸ ὁλικῶν ἑαυτῶν konstruiert werden müsse (vgl. 196), verkennen die edd. P. die wirkliche Funktion des ὡς vor ἀπὸ παραδειγμάτων, welches einen Konsekutivsatz (ὡς ἀπὸ παραδειγμάτων εἰκόνων γίγνεσθαι προόδους) einführt. Syntaktisch ergibt sich daraus kein exakter Parallelismus, aber Struktur und Sinn des Satzes bleiben völlig verständlich.

747,28-29 τὸ μὲν μᾶλλον <μεταλαμβάνον ὁμοιοῦται καὶ ἀνομοιοῦται μᾶλλον> [add. ed. P.], τὸ δὲ ἧττον δῆλον ὡς ἧττον] Der Lösungsansatz ist gut, aber die Lösung selbst befriedigt nicht, denn sie generiert ein an dieser Stelle nicht akzeptables Asyndeton. Es läßt sich leicht vermeiden, indem man annimmt, daß τὸ μὲν μᾶλλον <μεταλαμβάνον> und τὸ δὲ ἧττον [sc. μεταλαμβάνον] partitive Appositionen zu ἕκαστον sind und jeweils aus 747,25-26 λέγεται ὅμοιον καὶ ἀνόμοιον mitzudenken ist. Schreibe entsprechend: τὸ μὲν μᾶλλον <μεταλαμβάνον μᾶλλον> [sc. λέγεται ὅμοιον καὶ ἀνόμοιον], τὸ δὲ ἧττον δῆλον ὡς ἧττον, mit Komma statt Hochpunkt an das Vorhergehende anzuschließen.

Diese Beispiele seien angeführt, um das von den edd. P. gezeichnete Zerrbild der ,guten' Edition einerseits (der ed. P.), der ,schlechten' andererseits (der ed. O.) ein wenig zurechtzurücken. Natürlich liegt in meiner Anführung ausschließlich negativer Beispiele eine gewisse Einseitigkeit, aber sie soll hier als Korrektiv der Einseitigkeit dienen, mit der die edd. P. ihre Vorgänger kritisieren. Im übrigen sollen die großen und offensichtlichen Verdienste der ed. P. nicht verschwiegen werden: erhebliche Fortschritte in der Analyse der handschriftlichen Überlieferung, in der Darbietung der relevanten Zeugen dieser Überlieferung wie auch in der Dokumentation moderner editorischer Interventionen, nicht zuletzt in der (von gelegentlichen Ausnahmen abgesehen) sorgfältigen Prüfung des handschriftlich Überlieferten. Die Edition weckt Freude über viele schöne neue Ergebnisse; leider ist diese – aus den genannten Gründen – eine vergällte Freude.



Notes:


1.   Carlos Steel/Caroline Mace/Pieter d'Hoine, Procli in Platonis Parmenidem Commentaria. Tomus I libros I-III continens, Oxford 2007.
2.   Vgl. z.B. 128-129, 131, 150, 169-171, 173, 195-196, 208, 215-217, 243-244, 251, 255, 260-261, 270-273, 279, 285, 287.
3.   Vgl. Concetta Luna/Alain-Philippe Segonds, Proclus: Commentaire sur le Parménide de Platon. Tome III, 1re partie: Introduction au livre III, Paris 2011, lxxxii-cccxliv („Chapitre I.II: L'édition d'Oxford").
4.   Die edd. O. drucken versehentlich ὑποτιθὲν aus A statt ὑποτεθὲν.
5.   Vgl. das Fazit über die ed. O. in Luna/Segonds, Proclus: Commentaire sur le Parménide de Platon. Tome III, a.a.O. [Anm. 3], cccxviii: „[...] la maîtrise des techniques philologiques et même tout simplement la connaissance de la langue grecque s'avèrent insuffisantes, s'agissant d'une édition qui prétend être l'édition critique définitive. Il y a donc nécessité de donner une nouvelle édition appuyée sur la connaissance complète et exacte de la documentation manuscrite et des conjectures proposées par les savants, et conforme aux méthodes philologiques aujourd'hui généralement appliquées."
6.   Vgl. meine Besprechung zu Leen Van Campe/Carlos Steel, Procli in Platonis Parmenidem Commentaria. Tomus III libros VI-VII continens, Oxford 2009, in: Gnomon 83 (2011), 485-492, hier 487.
7.   Vgl. oben Anm. 5.

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