Sunday, November 17, 2019

2019.11.21

Laura Pfuntner, Urbanism and Empire in Roman Sicily. Austin: University of Texas Press, 2019. Pp. 320. ISBN 9781477317228. $55.00.

Reviewed by Sema Karataş, Universität zu Köln; Historisches Institut; Alte Geschichte (sema.karatas@uni-koeln.de)

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Es ist kaum verwunderlich, dass gerade die Insel Sizilien als geographischer, politischer sowie kulturell-religiöser Raum insbesondere aufgrund ihrer langen Geschichte, die bereits lange vor der Gründung griechischer apoikiai einsetzt, zum Gegenstand diverser historischer und vor allem diachron angelegter Untersuchungen wurde.1 Aus diesem Grund reichen die Arbeiten zu Sizilien von ihrer frühen Besiedlung durch die Elymoi und Sikanoi über die Gründung griechischer Kolonien, die das Gesicht der Insel durch poleis und die mit ihnen einhergehenden militärischen, wirtschaftlichen sowie religiös-kulturellen Institutionen wohl am stärksten geprägt haben, die phönizischen sowie karthagischen Städtegründungen bis hin zur römischen Intervention im Zuge des Ersten Punischen Krieges und der Etablierung Siziliens als römische Provinz und weit darüber hinaus (hier sei noch auf die spätantike und byzantinische Zeit hingewiesen).2 Gerade vor diesem ebenso reichen wie vielfältigen Hintergrund legt Laura Pfuntner den Schwerpunkt ihrer Untersuchungen auf die Zeit von der letzten Phase der römischen Republik bis zur ausgehenden Kaiserzeit. In dieser Zeitspanne von rund 300 Jahren (50 v.Chr.-250 n.Chr.) möchte Pfuntner vornehmlich städtische Siedlungen („urban settlements") Siziliens, insbesondere ihre Entwicklung unter der römischen Vorherrschaft näher betrachten. Allerdings wird zu Beginn der Einleitung der Anspruch erhoben, die fast sieben Jahrhunderte sizilischer Geschichte unter römischer Herrschaft zu untersuchen (250 BC–AD 250; S. 1) – ein an sich gewagtes Unternehmen für eine Dissertation im Umfang von 238 Seiten. In wie fern dieser Anspruch überhaupt haltbar ist bzw. sich in der vorliegenden Publikation niederschlägt, wird noch zu besprechen sein.

Bereits in der Einleitung werden drei zentrale Thesen formuliert, die charakteristisch für die diversen Siedlungen Siziliens unter römischer Vorherrschaft seien. Die erste These, die in den ersten beiden Kapiteln näher erörtert wird (1. Urban Abandonment in the Late Republic and Early Principate ca. 50 BC–AD 50, S. 22-61 / 2. Urban Abandonnement in the High Empire ca. AD 50–250, S. 62-93) besagt, dass von der späten Republik bis zur hohen Kaiserzeit ehemalige griechische poleis auf Sizilien insbesondere entlang der südlichen Küste und im Inselinneren sukzessive ihre Rolle und Bedeutung als politisch-wirtschaftliche Zentren sowie Residenzen für lokale Eliten verloren (S. 5, 15, 20). Die ökonomischen oder vielmehr politischen Standorte verteilten sich auf diejenigen Küstenstädte, bei denen es sich vornehmlich um durch Augustus gegründete Kolonien handelte oder eben solche Städte, die später den Status einer Kolonie erhielten (dieser Punkt ist Gegenstand der Kapitel 3. The Southwestern Coast, S. 94-122; 4. The Northeastern Coast, S. 123-144 und schließlich 5. Eastern Sicily, S. 145-190).

An der Gliederung der Arbeit wird also deutlich, dass Pfuntner den Versuch unternimmt, die städtischen Siedlungen entlang aller Küstenstreifen der Insel abzudecken – wobei sie auch einzelne ‚nicht-urbane' Siedlungen im Inselinneren untersucht (so z.B. Centuripae, Morgantina sowie Philosophiana). Auf diese Weise unternimmt die Autorin also den Versuch, sich von der Dichotomie zwischen städtischen und ländlichen Siedlungen abzusetzen (S. 4) – eine solche Herangehensweise ist natürlich auch ihrer primären Fragestellung nach dem Untergang wichtiger städtischer Siedlungen sowie dem Aufblühen neuer Zentren geschuldet.

Ihre zweite These besagt, dass im Zuge der Verlagerung städtischer Zentren an die Ost- und Westküste Siziliens sich eine neue bzw. eine merklich eigene Form der römisch-sizilischen Städteordnung herausbildete (vgl. Kapitel 6. Roman Urbanism in Sicily, S. 191-206). Die dritte und letzte These besagt laut Pfuntner, dass die Entwicklung neuer nicht- städtischer Siedlungen, die vornehmlich an denjenigen Orten und Regionen entstanden, in denen die urbanen Zentren sich in einer Krise befanden oder bereits untergegangen waren, ein Phänomen der römischen Kaiserzeit war (siehe Kapitel 7. New Forms of Settlements in Roman Imperial Sicily, S. 207-227).

Das erste Kapitel befasst sich speziell mit städtischen Siedlungen (also den Fallstudien Heraclea Minoa, Phintias, Camarina, Calacte, Ietas und Morgantina), die zwischen 50 v.Chr. bis 50 n.Chr. aufgegeben wurden. Ein Konglomerat an sich ähnelnden Gründen kann von Pfunter für den ‚Untergang' der erwähnten Siedlungen herausgearbeitet werden: Küstenerosionen und Erdrutschgefahr (Heraclea Minoa, Camarina, Calacte), mangelhafte Wasserversorgung (Heraclea Minoa, Phintias, Morgantina, Camarina) und schließlich wirtschaftliche Faktoren wie der Rückgang lokaler Herstellungsstätten für Keramikware (Morgantina, Ieta), vornehmlich verursacht durch die Importe aus Italien. Wie Pfuntner am Ende des ersten Kapitels logisch resümiert, ist es kaum möglich, genaue Zeitpunkte für den Untergang der genannten Siedlungen zu nennen, und hier liegt dann auch das Problem: Darf von einer gänzlichen Aufgabe von (städtischen) Siedlungen gesprochen werden, wenn wie unter anderem im Falle von Ieata (S. 47-51) diese (wenn auch nicht wie in ihrer Hochphase) weiterhin besiedelt wurden und/oder suburbane bzw. ländliche Siedlungen weiterhin bestanden: „However, survey in the area around Ietas has indicated that this civic disintegration did not mean a general decline in population levels" (S. 51). Vielmehr zieht Pfunter dann auch selbst den Schluss, dass „the concept of the city as a fluid and dynamic settlement form" verstanden werden sollte.

Nach demselben Muster werden im zweiten Kapitel drei Fallstudien von städtischen Siedlungen untersucht, die im Laufe der Kaiserzeit aufgegeben wurden. Es handelt sich dabei um die Städte Soluntum, Segesta und Halaesa im nördlichen Teil Siziliens. Wie die im ersten Kapitel untersuchten Fallbeispiele wurden auch diese aus ähnlichen Gründen sukzessive aufgegeben: nämlich aufgrund mangelhafter Wasserversorgung und des Abwanderns der Bevölkerung in attraktivere Küstenstädte gen Osten und Westen (Fall Soluntum, S. 65) sowie aufgrund der begrenzten ökonomischen wie sozialen Vernetzung der lokalen Elite sowohl mit der sizilischen als auch mit der römischen Elite (Segesta und Halaesa). Auffällig an allen bisher untersuchten Fallbeispielen ist die Tatsache, dass keine der städtischen Siedlungen Anzeichen gewalttätiger Zerstörung aufweisen (S. 71). So resümiert Pfuntner, dass das Phänomen „deurbanization" (S. 93) zu einer Schwächung des Verwaltungssystems griechischer poleis führte (S. 93).

Kapitel drei befasst sich mit zwei der wichtigsten städtischen Siedlungen an der Südwestküste Siziliens: Lilybaeum und Agrigentum. Im Unterschied zu den Fallbeispielen in den ersten beiden Kapiteln entwickelten sich diese beiden Städte während der Kaiserzeit zu florierenden politischen sowie wirtschaftlichen Zentren, die noch bis in die Spätantike bestanden. Die Beziehungen vor allem wirtschaftlicher Natur mit Nordafrika, die Patron-Klient-Beziehungen mit der römischen Elite, die Verleihung des römischen Bürgerrechts an einzelne Individuen sowie der Status als municipium waren maßgebliche Faktoren, die zur Erhaltung, d.h. kontinuierlichen Besiedlung der beiden Städte beigetragen haben. Nicht zuletzt war aber die strategisch gute Lage von Lilybaeum (als wichtiger Hafen) und Agrigent (S. 97-106; 107-120) von großer Bedeutung.

Die Städte Tyndaris und Tauromenium an der ionischen Küste Siziliens, die sich der karthagischen Einflusssphäre weitestgehend entziehen konnten und kulturell den süditalischen Städten näherstanden – nämlich Dank ihrer vorwiegend griechischen Herkunft –, werden im vierten Kapitel zum Untersuchungsgegenstand. Im Vergleich zu den bis dahin betrachteten Zentren waren Tyndaris – aufgrund ihres Zuganges zu den wichtigsten Handelswegen zu See und Land (S. 132-133) – und Tauromenium – wegen starker Handelsbeziehungen insbesondere im Mittelmeerraum – bis zum Ende der Antike dicht besiedelte, sowohl wirtschaftlich als auch kulturell florierende Zentren (S. 123-124).

Neben Tyndaris und Tauromenium spielten die Zentren Centuripae, Catina und Syrakus im Konflikt zwischen Sextus Pompeius und Octavian eine wichtige Rolle – zumal sich diese Städte im östlichen Teil Siziliens befinden, wo sich Pompeius während des Konflikts vorwiegend aufhielt. Demnach werden im fünften Kapitel drei weitere Fallstudien (Centuripae, Catina und Syrakus) unter dem Gesichtspunkt der längerfristigen Auswirkungen des militärischen Konfliktes Mitte der 30er Jahre auf die weitere Entwicklung dieser Städte untersucht. Tatsächlich wird dann nicht die Bürgerkriegszeit betrachtet, sondern wie in den vorhergehenden Kapiteln die längerfristige Entwicklung der genannten drei Städte. Die hauptsächliche Gemeinsamkeit der drei Fallstudien liegt in der Langlebigkeit der Siedlungen: Centuripae aufgrund des fruchtbaren Hinterlandes und der ausreichenden Versorgung mit Frischwasser, der guten politischen Beziehung zu Rom und einer engagierten lokalen Elite und der daraus entstandenen Patron-Klient-Beziehungen mit der römisch (kaiserzeitlichen) Elite (S. 152-154). Catina wird unter dem Gesichtspunkt seiner urbanen Entwicklung von Pfuntner mit Tauromenium und Syrakus verglichen – nicht nur, weil es sich bei allen drei urbanen Zentren um spätere augusteische Kolonien handelte (S. 166-167), sondern weil sich auch Catina durch ihr fruchtbares Hinterland einerseits sowie durch die Handelsrouten nach Nordafrika andererseits zu einem wichtigen ökonomischen Zentrum im Osten Siziliens entwickelte.

Dem Beispiel Syrakus, als der prominentesten Stadt auf ganz Sizilien, wird im Vergleich zu den anderen Fallstudien mehr Platz eingeräumt (S. 167-189). Angefangen bei den Tyrannen Hieron und Agathokles, der römischen Republik bis weit über die Kaiserzeit hinaus wird der Blick auf die Entwicklung von Syrakus als urbanes Zentrum geworfen. Wie auch im Fall von Centuripae und Catina verdankte Syrakus seine ‚Langlebigkeit' der ökonomischen Stärke, einer agilen lokalen und später in der Kaiserzeit ‚kolonialen' Elite sowie wichtigen Hafenanlangen. So folgert Pfuntner aus dieser Gesamtbetrachtung, dass im Falle der im Kapitel fünf untersuchten Städte nicht von einem ‚Untergang' bzw. Rückgang der städtischen Strukturen ausgegangen werden darf.

Das sechste Kapitel ist im Vergleich zur restlichen Arbeit nicht in Fallstudien unterteilt, sondern beschäftigt sich in fünf sehr knappen Unterkapiteln, die zum Teil aus lediglich ein bis zwei Seiten bestehen, mit der Entstehung einer neuen typisch ‚sizilisch-römischen' Form der Städteordnung ab der julisch-claudischen Dynastie (S. 191-205). Darunter fasst Pfuntner unter anderem die Verschmelzung der städtischen Eliten mit der neu etablierten Elite aus Kolonisten, Freigelassenen und politisch einflussreichen (römischen?) Familien mit großem Landbesitz auf Sizilien zusammen. Im Zuge dieser Entwicklung wurde auch für die lokale, noch griechische Elite das römische Bürgerrecht zum entscheidenden Kriterium und nicht mehr die Zugehörigkeit zu einer polis. Das Gesicht der ehemals griechischen poleis wurde von römischen Bauten dominiert, die wiederum von den finanziellen Mitteln der Auftraggeber einerseits und den Erwartungen des anzusprechenden Publikums andererseits abhängig waren (S. 205-206).

Im letzten Kapitel werden zu guter Letzt (erneut in Form von Fallstudien) urbane Siedlungen in den Blick genommen, bei denen es sich um römische Neugründungen und/oder ehemals verlassene Siedlungen handelt, die im Laufe der Kaiserzeit neubesiedelt wurden. Das erste Beispiel ist die Stadt Sofiana im Inselinneren (nördlich von Gela). Anhand dieses Beispiels zieht Pfuntner folgenden Schluss: Die Entwicklung ländlicher Siedlungen sei nicht auf „ruralization" (S. 212) von ehemaligen poleis und der Einrichtung von großen Landgütern zurückzuführen. Diese neue Form von Siedlungen mussten trotz ihrer beträchtlichen ökonomischen Stärke nicht unbedingt politische Strukturen aufweisen. Naxos und Megara Hyblaea (S.219) sollen schließlich die ‚Verländlichung' der polis-Strukturen veranschaulichen. Dabei ist das Ziel Pfuntners nachzuvollziehen: „... whether the emergence of these and similar settlements is a separate phenomenon or a symptom of the same economic, political, and social processes that led to the emergence of the settlement at Sofiana" (S. 212).

Mit einem relativ kurzgefassten Fazit schließt die Studie dann ab. Hier werden die in der Einleitung aufgestellten Thesen erneut formuliert und bestätigt (S. 230-231 und S. 237). Wie sieht aber die Quellengrundlage für ein solches Unternehmen aus, zumal Pfuntner die zur Verfügung stehenden zeitgenössisch-literarischen Quellen (dabei handelt es sich unter anderem um Strabons ‚Geographie'; um Plinius den Älteren mit seiner Naturalis Historia, das Itinerarium Antonini sowie die Tabula Peutingeriana) als wenig hilfreich einstuft. Dabei betont sie, dass eben diese aufgezählten literarischen Zeugnisse als Grundlage für die bisherige Forschung gedient hätten (S. 8). So wird also schnell ersichtlich, dass die numismatischen und epigraphischen Zeugnisse einerseits, aber vor allem die zahlreichen archäologischen Arbeiten andererseits die Grundlage für die vorliegende Studie bilden (S. 17-18). Aber auch rein literarische Quellen wie unter anderem das Geschichtswerk des Diodor und Ciceros Verrinen (insbesondere in Kapitel 3) werden herangezogen. So werden also auch die von Pfuntner als wenig hilfreich charakterisierten zeitgenössisch-literarischen Werke notwendigerweise ausgewertet (S. 82-84; 223; 228-229; usf.).

Der Aufbau der Arbeit sowie die Ergebnisse der einzelnen Kapitel wirken durch die diversen Fallstudien (ausgenommen Kapitel sechs) und das dabei gleichbleibende Untersuchungsmuster leider redundant. Vor allem in den ersten zwei Kapitel finden sich beinahe identische Ergebnisse und Aussagen. Je nach Fallstudie werden die geographische Lage der Städte, die Grundskizze des Stadtkerns, die Entwicklung von den Anfängen bis in die Kaiserzeit, Spätantike und/oder byzantinische Zeit sowie die Gründe für die strategisch günstige oder eben ungünstige Lage näher betrachtet. Daher rührt auch der in der Einleitung erwähnte Anspruch, die fast sieben Jahrhunderte sizilischer Geschichte unter römischer Herrschaft betrachten zu wollen, der en détail nicht erfüllt werden kann.3 Möchte man allerdings einen kurzen Überblick über die urbane Entwicklung der Küstenstädte Siziliens gewinnen, so ist das Werk sicherlich – auch Dank der bis einschließlich 2017 aktualisierten Literaturangaben – einen näheren Blick wert.



Notes:


1.   D. Engels & L. Geis/M. Kleu (Hgg.), Zwischen Ideal und Wirklichkeit. Herrschaft auf Sizilien von der Antike bis zum Spätmittelalter, (Stuttgart 2010).
2.   M. Finley & D.M. Smith/CH. Duggan (eds.), Geschichte Siziliens und der Sizilianer, (München 2010).
3.   Auch sind im Inhaltsverzeichnis nur die Kapitelüberschriften erster Ordnung zu finden ohne die Angabe der Unterkapitel, was die effektive Nutzung – ganz zu schweigen von den Endnoten – erschwert.

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