Friday, October 20, 2017

2017.10.51

Michael Rathmann, Diodor und seine Bibliotheke: Weltgeschichte aus der Provinz. KLIO. Beihefte. Neue Folge, 27. Berlin; Boston: De Gruyter, 2016. Pp. ix, 431. ISBN 9783110478358. $140.00.

Reviewed by Bruno Bleckmann, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (bleckmann@phil.hhu.de)

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Diodor verfasste in späthellenistischer Zeit eine Weltgeschichte, deren zentrale Bedeutung für die moderne Forschung vor allem darin liegt, dass sie einen notdürftigen Ersatz für die fast vollständig verloren gegangene Geschichtsschreibung des vierten Jahrhunderts und des Hellenismus bietet. Mit seiner Monographie strebt Rathmann nunmehr an, den Autor selbst in den Blick zu nehmen, der bisher mehr „be – als erforscht wurde" (Rathmann, 1). Nach einer knappen Einleitung und einem Forschungsüberblick werden die Hinweise behandelt, die sich im Text Diodors zur eigenen Vita finden (Kapitel 2: „Die Vita des Autors"), mit dem Ergebnis, dass der wohl kurz vor 90 v. Chr. geborene Diodor sich zwar auch in Rom aufgehalten hat, dass aber (in Abgrenzung zu K. Sacks, Diodor and the First Century, Princeton 1990) das prägende Ereignis seiner Biographie nicht der Aufenthalt in der Hauptstadt, sondern derjenige in Ägypten war. In Kapitel 3 („Der Titel Bibliotheke – Bedeutung und Intention") untersucht Rathmann die mit dem Werkstitel „Bibliotheke" verfolgten Konzepte und Intentionen sowie die Zielgruppe des Unternehmens. Das fünfte Kapitel („Die Intention des Werkes") behandelt die Ziele, die der späthellenistische Geschichtsschreiber jenseits der reinen Lieferung von Informationen verfolgt und die Rathmann durch eine Einzelanalyse der programmatischen Äußerungen zum Sinn der Geschichte und der Geschichtsschreibung untersucht. Aus der Perspektive eines Provinzialen, der die Einigung der Oikumene in seiner eigenen Zeit keineswegs nur unter negativem Vorzeichen erlebte, ging es Diodor nicht um „kritische Auseinandersetzung mit historischen Ereignissen und Prozessen, sondern um Moralisierung und Belehrung" (310).

Einen gewichtigen Platz nimmt in der Monographie die Frage nach Diodor und seinen Quellen ein, die im vierten Kapitel („Der Autor und seine Quellen", S. 156-270) behandelt wird. Insgesamt schreitet Rathmann auf dem von G. Wirth gewiesenen Weg des Radikalskeptizismus gegen die Quellenforschung weiter1 und möchte vom konventionellen Bild Diodors als Epitomator abrücken. Im Einbandtext wird sogar angekündigt, dass die Studie „einen durchaus ernsthaften Historiographen" zeige, „der seiner ‚Universalgeschichte' aufgrund seiner Herkunft, Begabung und Ausbildung einen ganz eigenen Blickwinkel verleiht." Mit fortschreitender Lektüre der Ausführungen Rathmanns wird aber erkennbar, dass die communis opinio und Rathmanns Einschätzungen letztlich nicht in dem angekündigten Maße auseinanderfallen. Eine reine Einquellentheorie vertritt für Diodor beispielsweise niemand mehr, sondern man kann darauf verweisen, dass in den ersten Büchern bisweilen ein schneller Quellenwechsel erfolgt, während Diodor in späteren Büchern bekannte Geschichtswerke zusammenfasst und dabei über weitere Strecken auf bereits gegebene Syntheseleistungen zurückgreift. Das entsprach letztlich auch der mit dem Titel „Bibliotheke" versprochenen Leistung. Der Erwerb dieser Bibliothek ersparte den Honoratioren aus den Städten Siziliens die Lektüre und den Erwerb zahlreicher und ungleich größerer Geschichtswerke. Zu diesem Ergebnis gelangt Rathmann letztlich durchaus auch. Zwar wendet er sich zunächst gegen die Thesen Volquardsens,2 erklärt dann aber eine Benutzung des Ephoros über weite Strecken damit, dass Diodor auf Zwischenquellen zurückgreift, die ihm einen Teil der Kompilationsleistungen abnehmen.3

Quellenuntersuchungen in der Art Volquardsens sind für Rathmann trotz der Uneindeutigkeit seiner eigenen Bilanz gleichwohl die dunkle Folie, vor der sich ein moderner Umgang mit der Historiographie Diodors hell abhebt. Über zeitgenössische Forscher wie H.-U. Wiemer oder J. Malitz fällt das Verdikt, dem 19. Jahrhundert bzw. der Altertümelei verhaftet zu sein.4 Dabei hängt die oft enttäuschende Bilanz quellenkritischer Untersuchungen in der Regel weniger mit der Unzulänglichkeit der Methode zusammen als damit, dass diese Methode immer nur in dem Grade sichere Ergebnisse liefern kann, in dem man über entsprechendes Material verfügt. Gerade angesichts der von Rathmann erhobenen Forderung, Diodors Werk als Gesamtheit zur Kenntnis zu nehmen, kann man nur bedauern, dass Abschnitte im Geschichtswerk Diodors, für die Vergleichsmaterial vorliegt und über die daher durchaus Aussagen möglich sind, nicht eingehend untersucht werden.5 So fällt zwar der Name Agatharchides in der Untersuchung Rathmanns immer wieder (als Zwischenquelle, die Stücke aus Hieronymus von Kardia vermittelt haben könnte), der sprechende Befund, dass etwa Diodor 3,12-48 wörtliche, durch den gemeinsamen Rückgriff auf die Schrift über das Rote Meer zu erklärende Übereinstimmungen mit Photios bibl. cod. 250 aufweist und Diodor jedenfalls hier nicht als besonders ehrgeiziger Stilist in Erscheinung tritt, wird aber kaum diskutiert.6

Seinen Versuch, Diodor als einen Autor zu lesen, der seine eigenen Perspektiven und nicht diejenige seiner Quellen verfolgt,7 entwickelt Rathmann im Detail für die frühhellenistische Geschichte. Rathmann versucht hier die Selbständigkeit Diodors vor allem dadurch zu beweisen, dass er der These, in Hieronymus von Kardia die Hauptquelle der Bücher 18-20 zu sehen, skeptisch begegnet. Über die Etikettierung größerer Passagen dieser Bücher als Stücke des Hieronymus mag man in der Tat streiten. Eine Mehrheit der Forscher tritt zwar dafür ein, darunter mit bemerkenswerten Argumenten Jane Hornblower und kein geringerer als Felix Jacoby.8 Dem kann man aber die Ausführungen von P. Goukowsky, zweifelsohne einem eminenten Kenner der Materie, entgegenhalten. Goukowsky bleibt nicht nur gegenüber der Etikettierung mit dem Namen Hieronymus zurückhaltend, sondern betont auch die Tatsache, dass Diodor seine Epitome durchaus eigenwillig gestaltet haben dürfte.9 Gleichwohl geht er in gleicher Weise wie Jacoby in seiner Gesamtcharakterisierung dann doch davon aus, dass es für die Erzählung Diodors in den Büchern 18-20 einen hochwertigen und durchaus erkennbaren Hauptstrang, eine „source principale" gibt.10 Eines von deren Charakteristika scheint die Fokussierung auf Eumenes gewesen zu sein.11

Rathmann würdigt dagegen diese wie andere Elemente, die auf die Benutzung eines einheitlichen Berichts über lange Strecken hinweisen – dazu gehört die erkennbare Benutzung von Originaldokumenten als markante Besonderheit12 – allenfalls im Vorbeigehen. Er geht vielmehr davon aus, dass Diodor für die Geschichte der Diadochenkriege einen selbständigen, immer wieder neu kombinierten Bericht vorlegt, wie sich an der Widersprüchlichkeit der Erzählung zeige. So glaubt Rathmann (257), dass in der Darstellung der Rolle des Hieronymus als Vermittler zwischen Eumenes und Antigonos die Zeugnisse Diodor 18,42,1 und 18,50,413 nicht zusammengeführt werden können: „Während im ersten Eumenes den Hieronymos zu Antigonos schickt, ist der Aktionsverlauf im zweiten entgegengesetzt; dort ist Antigonos die handelnde Figur." Im ersten Zeugnis ist freilich überhaupt nicht von Antigonos, sondern von Antipatros die Rede.14 Widersprüche oder auch ungünstige Aspekte kann man eigentlich in dieser Darstellung der Missionen des Hieronymus nicht erkennen. Generell geht die Tendenz des Berichts dahin, Hieronymus von Kardia als einen Mann zu zeigen, der mit allen Protagonisten der Diadochenkriege ein gutes Verhältnis haben konnte und vor allem aufgrund seiner direkten Kontakte zu den Hauptakteuren einen Überblick aus erster Hand bieten konnte. Hieronymus befindet sich im Bericht der Vorlage Diodors vermutlich auf dem Rückweg zu Eumenes (mit dem er zunächst nach Nora geflohen war) von der Gesandtschaft zu Antipatros, als er unterwegs von Antigonos gerufen wird. Sein späterer Gönner beschenkt ihn reich, damit er bei Eumenes vermittelt. Das ist deshalb nicht ehrenrührig, weil Hieronymus nach dem Scheitern der Mission der Sache des Eumenes treu ergeben bleibt und erst nach dem Ende des Eumenes definitiv in die Dienste des Antigonos tritt.15 Im Übrigen zeigten die späteren Entwicklungen, insbesondere die Tatsache, dass Eumenes Nora verlassen durfte, dass Antigonos in seiner Politik gegenüber Eumenes wechselte und vorübergehend auch an einen Ausgleich mit ihm dachte.

Eine Zergliederung der Erzählung Diodors nach Stücken divergierender Tendenz ist zweifelsohne der methodisch richtigere Weg als die Suche nach Hinweisen, die eine Etikettierung dieses oder jenes Stückes mit einem Namen erlauben. Insofern muss zunächst textimmanent vorgegangen werden. In einem zweiten Schritt hat aber dann auch eine gründliche Sichtung der Parallelquellen zu erfolgen. Auf diesen Arbeitsschritt verzichtet Rathmann anscheinend ganz. So werden nicht einmal die engen Parallelen zwischen Arrians Diadochengeschichte und dem 18. Buch für Episoden wie die Satrapienverteilung von 323 oder die Neuregelungen in Triparadeisos ins Auge genommen.16 Dabei zeigen die exakten Entsprechungen in der Aufreihung der Satrapien ohne jeden Zweifel an, dass Diodor sich durchaus bemühte, den Tenor seiner Quellen so wieder zu geben, wie er ihn in diesen vorfand.

Als Bilanz ist festzuhalten, dass Rathmann zweifelsohne eine ideenreiche Arbeit zur Biographie und zum Werk Diodors vorgelegt hat, und dass sein Beitrag dazu verhilft, das oft übersehene Profil Diodors als Schriftsteller- und Historikerpersönlichkeit besser zu beachten. Dabei gelingen ihm Beobachtungen, die auf jeden Fall weiterführend sind, etwa dazu, dass nicht das vorhandene Material, sondern das jeweilige Leserinteresse ein Motiv für ausführlichere Epitomierungen sein kann (261 f.). Kampfansagen an die vermeintlich veraltete Quellenforschung sind aber so lange wirkungslos, wie eine eingehende Auseinandersetzung mit deren Inhalten und Ergebnissen unterbleibt.



Notes:


1.   G. Wirth, Diodor und das Ende des Hellenismus. Mutmaßungen zu einem fast unbekannten Historiker, Wien 1993.
2.   Rathmann, 7. Vgl. C. A. Volquardsen, Untersuchungen über die Quellen der griechischen und sicilischen Geschichten bei Diodor, Buch XI bis XVI, Kiel 1868.
3.   Rathmann, 269: „Seine Technik, sich die mühevolle Auseinandersetzung mit den Einzelvorlagen zu ersparen und Zwischenquellen zu nutzen, markiert einen gangbaren und im Grunde legitimen Ausweg aus dem Dilemma – allerdings mit der fragwürdigen Konsequenz, dass Diodor seine Quellen verschleiert und die von anderen erbrachte Arbeit damit als eigene Leistung präsentiert." Neben Ephoros hatte möglicherweise für die hellenistische Geschichte Agatharchides diese Funktion der Zwischenquelle.
4.   S. 262, Anm. 402: „Die Aussage Wiemers (…), dass Hieronymus die alternativlose Hauptquelle Diodors gewesen sei, ist als Position des 19. Jahrhunderts zurückzuweisen." S. auch Rathmann, 255.
5.   Etwa die Anabasis Xenophons als (durch Ephoros vermittelte) Quelle für die Erzählung Diodors zum Zug der Zehntausend, vgl. A. v. Mess, Untersuchungen über Ephoros, Rheinisches Museum 41, 1906, 360-407 und P. Stylianou, One Anabasis or Two? In: R. Lane Fox, The Long March. Xenophon and the Ten Thousand, Yale 2004, 68-95. Ähnliches gilt für die Hellenika Oxyrhynchia, die letztlich Quellengrundlage für Ausführungen Diodors im 13. und 14. Buch sind, vgl. B. Bleckmann, Athens Weg in die Niederlage. Die letzten Jahre des Peloponnesischen Kriegs, Stuttgart – Leipzig 1998, 37-40.
6.   Vgl. D. Wölk, Agatharchides von Knidos. Über das Rote Meer. Übersetzung und Kommentar, Bamberg 1966, I f.
7.   S. 262: „Ziel der Quellenkritik bei Diodor muss in zukünftigen Studien demnach sein, Tendenzen einzelner Passagen vor dem Hintergrund des Gesamtwerkes herauszuarbeiten." Zu Agatharchides als Quelle von Diod. 3,12-13 s. Rathmann, 237 mit Anm. 312. S. 268 nennt Rathmann als Ausnahme von der Regel der angeblichen Unbestimmbarkeit der Quellen Diodors nur den auf Agatharchides zurückgehenden Exkurs über die Nilschwemme.
8.   F. Jacoby, Hieronymos (10), RE VIII (1913), Sp. 1540-1560, hier 1549. S. auch 1552: „Der Bericht Diodors trägt einen vollkommenen einheitlichen Charakter, soweit es sich um die Folge der hauptsächlichsten Ereignisse handelt." S. auch die von Rathmann nicht diskutierten Ausführungen von A. B. Bosworth, The Legacy of Alexander. Politics, Warfare, and Propaganda under the Successors, Oxford 2002, 98-168 zum hohen Wert der detaillierten Ausführungen Diodors über den Kampf zwischen Antigonos und Eumenes im Iran, die sich nur durch die Beobachtungen eines hochgestellten Zeitgenossen erklären lassen.
9.   P. Goukowsky, Diodore de Sicile. Bibliothèque historique. Livre XVIII, Paris 2002, IX-XXIV.
10.   Goukowsky, XXIV. Die Möglichkeit der Existenz von Einlagen aus Nebenquellen hat schon Jacoby diskutiert, wie etwa für den sehr Ptolemaios-freundlichen Bericht über das Ende des Perdikkas, möglicherweise auch die Erzählung zum Los Phokions (Diod. 18,66 f.).
11.   Hier hätten die Parallelen zwischen der positiven Würdigung des Eumenes bei Diodor, in der Eumenes-Biographie Plutarchs oder dem Göteborger Arrian-Palimpsest (vgl. B. Dreyer, Zum ersten Diadochenkrieg. Der Göteborger Arrian-Palimpsest (ms. Graec 1), ZPE 125, 1999, 39-60), durchaus eine vertiefte Behandlung verdient.
12.   K. Rosen, Political Documents in Hieronymus of Cardia (323-302 B. C.), Acta Classica 10, 1967, 41-94. Keine wirkliche Diskussion des Befunds bei Rathmann, 255.
13.   Vgl. FGrHist 154 T 3 und 4.
14.   S. die Übersetzung beider Zeugnisse bei Rathmann, 257. Beide Diodorpassagen sind mit Goukowsky, L, Anm. 4 folgendermaßen zu verbinden: „On a vu supra, chap. XLII,1, que Hiéronymos avait été envoyé par Eumène auprès d'Antipatros. La mort de ce dernier avait mis un terme à sa mission, et il était probablement sur le chemin du retour." S. bereits F. Jacoby, 1540 f.
15.   E. Will, Histoire politique du monde hellénistique I, Nancy 1979, 53.
16.   Nur allusiv Rathmann, 150, Anm. 131.

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