Wednesday, October 12, 2016

2016.10.23

Paul Schubert, Anubion. Poème astrologique: témoignages et fragments. Collections des universités de France. Série grecque, 517. Paris: Les Belles Lettres, 2015. Pp. cxliv, 157. ISBN 9782251006017. €53.00 (pb).

Reviewed by Claudio De Stefani, Seconda Università di Napoli (claudiokochdestefani@gmail.com)

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So wie Dorotheus von Sidon ist auch Anubion (1. – 2. Jh. n. Chr.) allmählich aus dem Nebel hervorgetaucht. Dieser ägyptische Dichter, der ein (verlorenes) astrologisches Gedicht in elegischen Distichen verfaßte, hat zwei wichtige Wiederentdeckungen erlebt: erstens bemerkten H. Usener und A. Ludwich vor 100 Jahren, daß einige seiner Verse in das erste Buch des Ps.-Manetho interpoliert bzw. umgearbeitet wurden; zweitens veröffentlichte im Jahr 1999 D. Obbink eine Reihe von Oxyrhynchos-Papyri, die sehr viele Distichen astrologischen Inhalts überliefern, die thematisch mit einigen Partien der Mathesis des Firmicus Maternus (IV Jh. n. Ch.) übereinstimmen, von dessen Werk man schon wußte, daß es sich inhaltlich mit einigen schon bekannten Fragmenten des Anubion deckte. Diese erhebliche Erweiterung unserer Kenntnisse brachte eine Teubner-Ausgabe der Fragmente dieses Dichters (Obbink, Monachii et Lipsiae 2006), einen wichtigen Aufsatz von S. Heilen (2010), und die Ausgabe von P. Schubert hervor, die einen vollständigeren Text als diejenige von Obbink aufweist, weil sie den Text eines Anubion-Papyrus (F 7) enthält, der von Schubert im J. 2009 veröffentlicht wurde.

Die Ausgabe von Schubert enthält eine umfangreiche Einleitung (144 Seiten), in der sämtliche Quellen unseres Wissens über Anubion gesichtet und untersucht werden (I-XV) und die eine knappe, aber sehr klare und nützliche Übersicht der antiken Astrologie bietet (XVI-LX). Danach behandelt Schubert die Überlieferung der Fragmente (LX-CXLIV). Es folgen die kritische Ausgabe der Testimonia (1-57) und der Fragmente (60-108). Die Noten findet man, gemäß der Gepflogenheit der C. U. F., sowohl am Fuß als auch am Ende des Buches; die Ausgabe enthält schließlich zwei Register (Sachen und Wörter).

Während sich die Einleitung durch ihre Deutlichkeit und den Reichtum ihrer Informationen auszeichnet, ist der Wert der Ausgabe der Fragmente mit manchen Fragezeichen zu versehen, wie wir sehen werden. Doch muß anerkannt werden, daß Schubert nicht wenige geschickte Ergänzungen bzw. Emendationen eingefallen sind.

Dazu gehören m. E. die richtige Tilgung einer Glosse (F 1b.8), und die eindeutige Verbesserung von F 4.7. In anderen Fällen dagegen ist das Verfahren des Herausgebers bedenklich:

F 2 würde der Satzbau weniger «lâche» (Schubert, Anm. 378) sein, wenn statt des Punkts am Ende des V. 2 (so auch Obbink) ein Komma gedruckt würde: damit würden auch die Vv. 3-4 von μάθοις abhängen (für den Infinitiv statt Imperativ ἀριθμηθήμεναι an einer ähnlichen Stelle, vgl. [Maneth.] 3.408); F 3b εἰ μοιχὸς ἀνὴρ καὶ ἄσωτος ἀκούσαι «si c'est un homme adultère et libertin qui entend (la prédiction)»: eher «wenn er den Ruf hat, ein Ehebrecher und ein Unzüchtig zu sein» usw.; F 3d εἰ δ᾿῎Αρην ἐσίδοις εἰς τὸν Διὸς ἀγλαὸν οἶκον «Si tu aperçois Arès (Mars) se rendant dans le splendide domicile de Zeus (Jupiter)»: ich glaube, hier ist εἰς = ἐν: «indem er sich im Haus von Juppiter befindet»; F 5.10 scheint mir verdorben zu sein: wahrscheinlich ist ein Distichon ausgefallen, denn κέντρον schwebt in der Luft und die Stelle ist dazu asyndetisch (und ἄντ̣ο̣πος höchst unwahrscheinlich); F 7.8 Εἰ δʼ ὁ Κρόνος Σ̣[τ]ί̣̣̣̣λ̣βοντα διά̣με̣τ̣[ρον διατηρεῖ ist unmetrisch; F 11.9 <-> ἀγα̣θ̣ὰ̣ς ὁ̣ δ̣᾿ ῎Α̣ρ̣η̣ς ἐπὶ τ̣[άσ]δ᾿ ἀ[φικάνει überzeugt nicht, weil ὁ δέ eine Sinnpause vorauszusetzen scheint: vielleicht <καὶ μοίρας> ἀγαθάς· ὁ δ᾿ ῎Αρης ἐπὶ τ[άσ]δ᾿ ἀ[φικάνων; ibid. v. 18 εἰ δὲ κακοὶ τόδ[ε κέ]ντρο̣ν ἐπικρατέοντ̣ε̣ς ἐτ̣ί̣μ̣ω̣ν «si ce sont (des astres) malfaisants qui honoraient ce centre de leur pouvoir»: das Versende (so Schubert) ist nicht klar, besser ἔχ̣ο̣ι̣ε̣ν̣ (Kroll) oder eventuell ἔο̣ι̣ε̣ν̣; ibid. v. 20 ἢ ὅ[ταν ἐ]ν̣νεύσωσι κακοὶ πᾶν ναι̣[έμε]ν̣ ἄλλοι̣ «lorsque d'autres (astres) malfaisants indiquent qu'ils occupent tout»: ἐννεύω ist sehr selten, und «indiquer» würde m. E. am besten νεύω ausdrücken, daher ἢ ὁ[πότα]ν̣ νεύσωσι. Die folgenden Worte entbehren jeden Sinnes – erst recht mit der Ergänzung von Schubert; F 12.4 [τ]ῶ̣ν μό̣νον ἡμερέω̣ν̣ ψῆ̣φο̣ς κανό̣ν̣ω̣ν̣ [παρεχόντων «(car) seuls les jours fournissent un calcul des mesures»: ἡμέρη ist aber Femininum, und ebenso ψῆφος! ψῆφος wird das Subjekt sein (z. B. ψῆ̣φο̣ς κανό̣ν̣ω̣ν̣ [βασιλεύει). Dieses Fragment, das sowohl wegen seines Stils als auch dadurch, daß es – wie im ersten Buch des Ps.- Manetho – zwischen den Hexametern κατὰ στίχον auch Distichen überliefert, sehr interessant ist, wird von Schubert in solcher Weise herausgegeben, daß die Syntax oft verwirrend wirkt (man lese z. B. die Vv. 8 ff.). Es mag sein, dass dieser Text eine Sammlung von Exzerpten darstellt, und daher auch syntaktisch wenig homogen ist: die Interpunktion sieht aber oft falsch aus, und auch die Ausgabe des Papyrus überzeugt nicht; F 17h, ein bei [Maneth.] überliefertes Fragment: «la leçon du Manuscrit M (τούτον, alors qu'on attendrait τοῦτον)», etc.: allerdings liest M (Laur. Pl. 28, 27 [f. 11v]) gerade τοῦτον.

F 5.2 Die Buchstabenreste und der Sinn raten zu folgender Trennung (Pentameter) …ν ἀλλὰ νόω<ι> δεῖ σκοπέειν (vgl. f. Χρὴ γά̣ρ τοι νο<έ>ει̣ν̣; es muß zugleich anerkannt werden, daß die Lesung Schuberts [αλλα] der von Obbink [αλλω] überlegen ist und die Spuren des Papyrus besser beachtet); F 6a.1 (Pentam.) κασιγνήτων εἰς γάμον ἦγ᾿ [ἀλόχους (~ Firm. sorores fratribus iunget uxores): für die Vergangenheit in der Weissagung (ἦγε) vgl. F 5.12 ἔδωκ᾿ ἄλ̣[οχο]ν.

Weitere Ergänzungen bzw. Emendationen des Rezensenten: F 3a.1 γ᾿ἐρατῷ; F 4.1 ε̣ὐ̣ν̣ὴ̣ν̣ ε̣[ἰ]ς θεί̣[ο]υ̣ πολλάκι καὶ πατέ̣ρος (~ Firm. aut a patre aut <a> patruo ... stuprum virgini praeparatur; vgl. [Maneth.] 6.170sq. ἐς πατρὸς εὐνὴν / κλίνονται); F 5.15 [ἢν] δ̣᾿ ἐ̣σθλὸς μεγ᾿ ἀν̣έρποι . [...] .κ̣α̣υ̣ε̣σ̣ι̣ «si un (astre) très favorable survient»: ich würde ἢν̣ ἐ̣σθλὸς [ita Obbink] μὲν ἀν̣έρποι vorziehen; der Titel des Abschnitts von F6b ist folgenderweise ergänzt worden (S. 73): Πεπαιδευμένου καὶ φιλ̣[ολόγου], aber einige Stellen des Fragments (V. 7 εὐ]ή̣θη, χαρίεντα, φίλους ἥδιστ[α ποιοῦντα) fordern eher φιλ̣[ανθρώπου]; F 6b.4 [᾿Ηέ]λ̣ιος δ᾿ ἀνά τοι φορέῃ βιοτ[ήσιον ὥρην (~ Firm. Sol vero in anaphora horoscopi ... sit constitutus); ebd. V. 5 vielleicht [ἢν] δέκατον δ᾿ ἐσίδῃ θέματ̣[ος ἄπο ταῦρον ἐν οἴκῳ (~ Firm. Saturnus vero in nono ab horoscopo loco positus signum Tauri possideat); ebd. V. 8 vielleicht [π]α̣ντοίης ἀρετῆς καὶ σοφίης μ[έτοχον (vgl. F 11.47 μέτοχος am Pentameterende); ebd. V. 10 γ]ε̣νναῖο̣ν τρηχὺν δεινὸ̣ν ἄγ[οντα δίκην «un noble, rude et formidable guide de la justice» scheint nicht sehr überzeugend: vielleicht δεινὸ̣ν ἄγ[ειν ἔπεσιν, da von einem Redner die Rede ist (e ~ Firm. ut pro arbitrio eius multitudinis animi aut quiescentes excitentur, etc.); F 10a.2 possis ἢ ζῆλον φέρει ἐς γαμετὰς [ὀλοὸν καὶ ἄπαυστον; F 11.22 ἄ[τροφον] ἐκβόλιμόν τε καὶ ω̣[: ich vermute ὠ̣[κύμορον; F 12.2 possis καὶ μίαν̣ [ἄλλην (scil. ἡμέραν); ebd. V. 10 (Μήνην) αὐξομένην π̣α̣[ρ᾿ἀριθμοῖς: an π̣ά̣[λιν αἰεί?

Das vorliegende Buch darf als eine wichtige Leistung angesehen werden, die zur Forschung der antiken Astrologie viel Neues beiträgt; ob wir aber damit die endgültige Ausgabe des Anubion haben, sei dahingestellt: viel zu oft überzeugt die Textkonstitution von Schubert nicht.

Note: darf man Hermann Koechly als «le Suisse Armin Koechly» (p. LX) ansehen? Er war aus Leipzig, obwohl er in Zürich einige Zeit seines Lebens eine Professur hielt – wie Mommsen, oder Einstein.

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