Thursday, March 31, 2016

2016.03.48

Alejandro Beltrán, Inés Sastre, Miriam Valdés (ed.), Los espacios de la esclavitud y la dependencia desde la antigüedad. Homenaje a Domingo Plácido. Actas del XXXV coloquio del GIREA. Besançon: Presses universitaires de Franche-Comté, 2015. Pp. 826. ISBN 9782848675213. €49.00.

Reviewed by Marcello Ghetta, Université du Luxembourg (marcello.ghetta@uni.lu)

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Table of Contents

Die Akten der 35. Tagung der Groupe International de Recherches sur l'Esclavage dans l'Antiquité (GIREA), die vom 28. bis 30. November 2012 in Madrid stattfand, sind zugleich Festschrift für ihren Präsidenten Domingo Plácido. Räume von Sklaverei und Abhängigkeit stellen laut Buchtitel das Themenfeld dar, das durch 19 Beiträge zum griechischen und 19 zum römischen Bereich abgedeckt wird. Da die GIREA ihre Interessengebiete seit den letzten Jahren auch auf die neuzeitliche Sklaverei ausgedehnt hat, wird der Band durch einen Aufsatz zur Sklaverei und Unterdrückung der einheimischen Bevölkerung in den spanischen Kolonien Amerikas, vier historiographische Beiträge und einem Resümee von Domingo Plácido abgerundet. Die spanischsprachige Forschung ist am stärksten vertreten, daneben finden sich französische und italienische Aufsätze sowie einer in englischer Sprache; daher scheint es nützlich, dass der Band abgeschlossen wird von „Resúmenes" jedes Beitrags in Spanisch mit englischer Übersetzung, in denen allerdings meist nur die Intention der Verfasser/innen wiedergegeben wird, nicht aber die Kernaussagen und die Ergebnisse der Untersuchungen geboten werden (793-822). Im Folgenden kann—wie häufig bei solch einem umfangreichen, aus zahlreichen kleinen Beiträgen bestehenden Sammelband üblich—nur eine Auswahl angesprochen werden, welche die inhaltliche Bandbreite widerspiegeln soll.

Nach einer kurzen Einführung, in der das Wirken Domingo Plácidos gewürdigt und die Bedeutung des Raumes als soziale, materielle und imaginäre Konstruktion betont wird, widmet sich Adolfo Domínguez-Monedero (19-36) dem religiösen Raum und greift mit der Tempelsklaverei in Griechenland ein Thema auf, das, wie die Tempelprostitution, in den letzten Jahren verstärkt Beachtung gefunden hat. Unter Berücksichtigung der nicht immer eindeutigen Terminologie für das Kultpersonals weist der Autor darauf hin, dass es häufig keine Sklaven waren, die niedere Dienste bei Kulthandlungen verrichteten, sondern Freie, die teilweise aus den oberen Schichten stammten und einen zeitlich begrenzten heiligen Dienst leisteten. María Cruz Cardete del Olmo (37-49) arbeitet die Konstruktion von Landschaft (paisaje/landscape) als Instrument der politischen Kontrolle am Beispiel von Azania auf der Peloponnes heraus. Bereits dieser zweite Beitrag zeigt, wie weit und umfassend die Begriffe Raum und Abhängigkeit aufgefasst werden. Dies gilt auch für den folgenden Aufsatz von Colette Jourdain-Annequin (51-62), die „les cultes dans l'espace de la cité grecque: organisation territoriale et différenciations sociales" für Athen beschreibt; dabei wird auch kurz auf die Teilnahme von Sklaven bei der Eröffnung der Anthesterien hingewiesen (55).

Zwei weitere Beiträge sind ikonographischen Problemen gewidmet; in ihnen wird somit der Körper als Raum aufgefasst: Während Fernando Echeverría Rey Kampfszenen auf schwarzfigurigen Vasen als Beispiele anführt, um die Grenzen einer Identifizierung von unfreien „Knappen" aufzuzeigen (63-78), kombinieren Francine Barthe-Deloizy und Marie-Claude Charpentier ikonographische, literarische und ethnologische Quellen, um das Bild des Sklaven in der griechischen Kunst zu analysieren (79- 95). Der Körper des Sklaven sei ein Konstrukt und könne je nach Situation und Arbeitsfeld mit unterschiedlichen Merkmalen gekennzeichnet werden, und zwar durch seine Haltung, geringe Größe, Missgestaltungen, Kleidung oder (unwürdige) Nacktheit. Die Sklavenikonographie korrespondiere somit mit den Aussagen des Aristoteles zur Natur des Sklaven. Diese Stereotypen, die eine „dépersonnalisation" und „déshumanisation" bedeuten, stellen für die Autoren aussagekräftige Zeugnisse zur Mentalität der griechischen Gesellschaft dar.1

Nachdem in weiteren Beiträgen u. a. Räume und Abhängigkeiten bei Herodot und Euripides analysiert werden, betrachtet Massimo Nafissi die spartanische Krypteia als Raum der Abhängigkeit (201-229): Aufgrund der widersprüchlichen Schilderungen bei Platon, Aristoteles und Plutarch kam es in der Forschung zu ganz unterschiedlichen Charakterisierungen der Krypteia, wie „terroristischer Akt", „Menschenjagd", „Initiationsritual" oder „Überlebenstraining". Nach der kritischen Sichtung der Quellen und der Forschungsliteratur schließt sich Nafissi im Wesentlichen der Interpretation von Stefan Link an, dass es nämlich um die Mitte des 4. Jh. v. Chr. eine Reform der Krypteia gegeben habe und erst ab dieser Zeit die Helotenjagd praktiziert wurde, insbesondere um die Messenier, die aus spartanischer Sicht Heloten waren, zu schwächen.2 Nach dieser sachlichen Auseinandersetzung vergleicht Nafissi abschließend Sparta mit dem nationalsozialistischen Deutschland, in dem die Jugendlichen ermuntert wurden, jüdische Geschäfte zu zerstören, und der Autor begrüßt es, dass Sparta sein Ziel, die messenischen Gebiete jenseits des Taugetus wiederzugewinnen, nie ereicht habe.

John Bintliff verfolgt—noch umfassender als im Titel („The Spaces of Dependency in Southern Greece: Landscape and Tied Labour from the Mycenaean Era till the Middle Byzantine Period") angegeben—Abhängigkeitsformen im südlichen Griechenland in der long durée vom Neolithikum bis ins 19. Jahrhundert n. Chr. (255-262).

Einem gänzlich anderen Raum, dem Gastmahl, als typischem Arbeitsbereich von Sklaven, wo sie stets als Dienstpersonal auftraten, widmet Guy Labarre seine Ausführungen (307-320), indem er mit den Deipnosophisten des Athenaios (um 200 n. Chr.) eine wichtige literarische Quelle hierzu analysiert. Bezüglich der Rolle der Sklaven kann eine Vermischung realer, zeitgenössischer Verhältnisse mit literarischen Fiktionen und Topoi festgestellt werden.

Auch die Beiträge zur römischen Sklaverei behandeln zentrale Themen: Während Carlos García Mac Gaw die „symbolischen Orte der Freiheit" während der Sklavenaufstände analysiert (327-349), richtet Antonio Pinzone seinen Blick auf die Fragmente des Diodor bzw. dessen Quelle Poseidonius und weist auf die Elemente der Topik in den Berichten zu den sizilischen Aufständen hin (351-364). Paolo Desideri vergleicht die Reden des Dio Chrysostomus mit Rechtsquellen, um die Orte der servi fugitivi ausfindig zu machen (385-393). Es geht dem Autor hierbei um die „politisch-ideologischen" Orte, nämlich die Vortäuschung einer freien Rechtsstellung, die einen kriminellen Akt darstellte, der harte Bestrafung erforderte. Konkrete Orte hat Francesca Reduzzi Merola im Blick, indem sie auf die ortsgebundenen rechtlichen Verhältnisse eines Gladiators hinweist (395-399): Denn sobald er die Arena betritt, wandelt sich das auctoramentum zwischen ihm und dem lanista in ein Mietverhältnis oder eine res empta et vendita; sobald ein Gladiator flieht wird er zum servus fugitivus oder latro.

Weitere wichtige antike Autoren, die hinsichtlich ihres Raumkonzepts untersucht werden, sind Polybius (439-461) sowie Martial, Juvenal und Petronius (505-519), während Antonio Gonzales auf das Konzept der Freiheit und die Rolle der Sklaven bei den Stoikern eingeht (463-485). Ausgehend von dem Bericht des Tacitus (Ann. 4, 27, 1) über den Sklavenaufstand des Jahres 24 n. Chr. in Unteritalien widmet sich Rosalba Arcuri der Sklaverei in der Landwirtschaft (487-503). Die Autorin spricht sich für einen Bedeutungsverlust der Sklaverei im süditalischen Agrarwesen ab tiberischer Zeit aus, denn der schiavo pastore sei nur eine „figura di lunga durata" (497).

Julien Demaille stellt die Grabmäler und -inschriften aus dem Territorium der Colonia Iulia Augusta Diensis, dem römischen Dion in Nordgriechenland am Fuße des Olymp, vor (537-559), wo es verhältnismäßig viele Zeugnisse von Unfreien gibt. Insbesondere außerhalb der Stadt fanden sich über 40 griechische und lateinische Inschriften, die Sklaven oder Freigelassene nennen, wobei der Autor auf zahlreiche weitere epigraphisch belegte Personen verweist, deren Status unsicher ist.

Es folgen Beiträge zu hispanischen Räumen: In Barcino existierte eine Keramikindustrie, in der Oriol Olesti Vila und César Carreras Monfort Sklaven als institores nachweisen können (561-587). Estela García Fernández rekonstruiert anhand des epigraphischen Materials die Klientelverhältnisse in Saguntum (589-605) und Alejandro Beltrán, María Ruiz del Árbol und Inés Sastre bieten einen Überblick zur Archäologie und Epigraphie im römischen Westspanien, den heutigen Provinzen Zamora und Salamanca (607-621).

Die letzten drei Beiträge der römischen Sektion sind den frühchristlichen Quellen gewidmet. Amparo Pedregal hinterfragt das Bild der christlichen Frauen im häuslichen Bereich und spricht von einem Umsturz der Geschlechterordnung (sub/versión del orden genérico) im Zuge der Christianisierung der römischen Gesellschaft (623-636).Manuel Rodríguez Gervás untersucht die Briefe des Augustinus von Hippo, die wichtige Quellen zur spätantiken Sklaverei darstellen, richtet den Focus aber auf das Verhältnis der Grundbesitzer (domini) und Kolonen, um die Mechanismen der dortigen Abhängigkeitsverhältnisse zu untersuchen (637-657). Zum Abschluss der römischen Sektion stellt Francisco Javier Lomas Salmonte die große Autorität der christlichen Kirche im spanischen Westgotenreich heraus (651-683).

Es handelt sich bei dem Tagungsband folglich um weite Streifzüge, die rund um das Thema Abhängigkeit in der Antike (und darüber hinaus) mittels eines weitgefassten Raumbegriffs unternommen werden. Zum Abschluss der römischen Sektion wird ein Schwerpunkt auf Abhängigkeitsformen in Hispanien gesetzt. Durch den chronologischen Aufbau besitzt der Band geradezu einen Überblickscharakter zu wichtigen Problemen der Forschungen zur antiken Sklaverei und Abhängigkeit. Aufgrund des meist geringen Umfangs können die Beiträge allerdings nur Schlaglichter werfen, und besonders zu den bereits intensiv erforschten Themen findet sich viel Bekanntes wieder; die Verfasser/innen verstehen es aber durchweg, eine eigene Sichtweise zu präsentieren und neue Aspekte anzuführen.



Notes:


1.   Zum Thema Sklaven-Ikonographie sei hier noch ergänzend auf das Buch von Leonard Schumacher, Sklaverei in der Antike. Alltag und Schicksal der Unfreien. München 2001, verwiesen, der sich intensiv mit dem Problem der bildlichen Darstellungen von Sklaven befasst. Vgl. außerdem: Ingomar Weiler, "Überlegungen zur Physiognomie und Ikonographie in der antiken Sklaverei", in: Eva Christof u. a. (ed.), Potnia Theron. Festschrift für Gerda Schwarz (Veröffentlichungen des Instituts für Archäologie der Karl-Franzens-Universität Graz, Bd. 8), Wien 2007, 469-479; Stefan Schmidt, Art. Ikonographie, in: Handwörterbuch der antiken Sklaverei CD-ROM I-IV (2012).
2.   Stefan Link, "Zur Entstehungsgeschichte der spartanischen Krypteia", in: Klio 88, 2006, 34-43.

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