Wednesday, January 27, 2016

2016.01.31

Ugo Zilioli (ed.), From the Socratics to the Socratic schools: Classical Ethics, Metaphysics and Epistemology. New York; London: Routledge, 2015. Pp. xx, 216. ISBN 9781844658435. $140.00.

Reviewed by Maximilian Forschner, University of Erlangen-Nuremberg (Maximilian.Forschner@fau.de)

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Das Buch handelt, wie der Titel signalisiert, von den direkten Gesprächspartnern und Schülern des Sokrates und von den philosophischen Schulen, die einige von ihnen gegründet haben oder gegründet haben sollen. Dabei ist der Ausdruck ‚Schule' im Sinne einer Gemeinsamkeit der Ansichten und der Lebensform, dies macht Christopher Rowe in seinem Beitrag (S. 26 ff.) deutlich, für die verschiedenen sokratischen Traditionen nur im Sinne einer Familienähnlichkeit anwendbar.

Sieht man von Xenophon und Platon ab, so ist die Überlieferungslage für eine Rekonstruktion der differenzierten Gedanken und Argumente der philosophierenden ‚Schüler' des Sokrates äußerst dünn. Für gegenwärtige Philosophen mit systematischem Interesse bieten die sog. ‚Kleinen Sokratiker' dementsprechend wenig, für Philosophiehistoriker mit doxographischem und genealogischem Interesse dagegen etwas mehr. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit ihnen ist naturgemäß Sache eines kleinen Kreises von Spezialisten. Die 11 im vorliegenden Band vereinigten Beiträge bezeugen sämtlich das ausgezeichnete Niveau dieser Forschung und die hohe Kompetenz dieses Forscherkreises.

Voula Tsouna behandelt Plato's Representations of the 'Socratics' (S. 1-25). Dabei geht es ihr um die Klärung und Würdigung des Sachverhalts, dass die literarischen (meist auch historischen) Personen, die mit Platons Sokratesfigur in Gespräche involviert sind, nicht den Personen entsprechen, die die Doxographen als philosophische Schüler präsentieren. Mögliche persönliche Animositäten (mit Antisthenes und Aristipp) und literarische Rivalität (mit Aischines und Xenophon) könnten erklären, warum diese Personen nicht in Platons Dialogen als Gesprächspartner auftreten. Treffender dürfte jedoch der Hinweis sein, dass Sokrates in den doxographischen Berichten über die Schüler als eine Art ‚Guru' erscheint, dessen Lehre die Schüler je auf ihre Weise weitertragen, während Platons Sokrates sich kaum mit Philosophen unterhält und keine Lehre vertritt, sondern Menschen (verschiedenster Herkunft und Profession) ‚maieutisch' auf den Weg zu sich selbst zu bringen versucht.

Drei Artikel konzentrieren sich auf einzelne Sokratiker. Aldo Brancacci untersucht The Socratic Profile of Antisthenes' Ethics (S. 43-60). Für Antisthenes, der vor Platons Aufstieg als der engste Schüler von Sokrates galt, führt nach Brancacci die sokratische Prüfung des Lebens, anders als für Platon, zu moralischem Wissen und einem ethischen Intellektualismus, der im Verein mit einem stark asketischen Akzent der späteren Stoa zum Vorbild diente, während Platons ‚skeptischer' Sokrates offensichtlich Arkesilaos inspiriert hat. Das ist sicher richtig gesehen.

Kurt Lampe versucht in seinem Beitrag Rethinking Aeschines of Sphettus (S. 61-81) mit von Michel Foucault entlehnten Kategorien (‚veridiction, subjectivation and governmentality') Aischines von Sphettos ein philosophisches Profil zu verleihen. Die noch vorhandenen Belege für den Inhalt seiner Dialoge (u. a. Miltiades, Aspasia, Alkibiades) lassen in der Tat kein subtiles Theoretisieren über ethische, epistemologische oder metaphysische Fragen erkennen. Es ging ihm offensichtlich um das Problem der rechten Erziehung im Sinne einer maieutischen Hilfe zur Selbstfindung und Selbstentfaltung. Gerade darin scheint er engstens dem sokratischen Vorbild und Erbe verpflichtet gewesen zu sein. Ob es Foucaultscher Interpretationskategorien bedarf, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, mag fraglich sein; sie führen aber offensichtlich auch nicht auf Abwege.

Livio Rossettis Aufsatz Phaedo's ‚Zopyrus' (and Socrates' Confidences) (S. 82-98) konzentriert sich auf Phaidon von Elis, insbesondere auf dessen (verlorenen) Dialog Zopyros und fragt sich, was wir aus der von Cicero (De fato 10; Tusc. Disp. 4. 80) und anderen Autoren überlieferten Zopyros-Sokrates-Episode lernen können. Sie zeigt etwas über Sokrates' Lebensform und inneres Selbst und belegt, dass man schlechte Anlagen und unvorteilhafte Voraussetzungen durch Selbsterkenntnis, Selbstbeherrschung und Selbstbildung überwinden kann. Phaidon, so Rossetti, entwickelte keine Lehre, vertrat vielmehr, darin Aischines von Sphettos ähnlich, ein pädagogisch-therapeutisches Konzept von Philosophie und sah deren heilsame Effekte im vorbildhaften Leben des Meisters gegeben. Es möchte sein, so Rossetti, dass dieses enge Verständnis von Philosophie zum recht kurzen Leben der Schule von Elis beigetragen habe.

Drei Beiträge befassen sich mit den Kyrenaikern. Christopher Rowe (The First-Generation Socratics and the Socratic Schools. The Case of the Cyrenaics, S. 26-42) sieht diese Schule mit Aristipp dem Älteren und einem nuancierten Hedonismus beginnen und in einer (wohl in Platons Theaitetos 155d5-156a3 angesprochenen) Erkenntnistheorie enden, die für sich viel philosophisches Potential enthalte, doch den Hedonismus auf den jeweiligen Augenblick subjektiver Affektion verweise und damit als Lebensmaxime untauglich mache. Just mit diesem vielleicht noch nicht zureichend ausgeschöpften Potential beschäftigen sich die Beiträge von Tim O'Keefe und Ugo Zilioli. Während Tim O'Keefe (The Sources and Scope of Cyrenaic Scepticism, S. 99-113) das traditionelle, rein epistemologisch orientierte Verständnis der kyrenaischen Skepsis verteidigt, sieht Ugo Zilioli (The Cyrenaics as Metaphysical Indeterminists, S. 114-133) deren extremen Subjektivismus in ihrer (modernen Richtungen verwandten) ‚Metaphysik' fundiert, die eine radikale ontologische Indeterminiertheit der Welt ins Auge fasse. Ziliolis Argumentation ist nicht unplausibel; ob die von ihm herangezogenen wenigen Belege (Sextus, AM VI, 53; VII, 194; Plutarch, Adv. Colotem 1120c-d) allerdings für seine starke These tragfähig genug sind, ist fraglich; dies lässt auch die Gegenposition von Tim O'Keefe noch durchaus berechtigt erscheinen.

Eine weitere Gruppe von Artikeln behandelt Diodoros Kronos und Pyrrhon von Elis. Diodoros Kronos, ein Megariker, war in logischer, epistemologischer und ontologischer Hinsicht eines der talentiertesten Mitglieder der sokratischen Schulen. Francesco Verdes subtiler Beitrag (Diodoros Kronos on Perceptible Minima, S. 134-148) untersucht die Theorie wahrnehmbarer Minima im Atomismus von Diodoros und weist in plausiblen Schritten auf, dass Diodoros' Theorie wahrnehmbarer Minima wohl gegen den Gedanken des Wahrnehmungswissens gerichtet war. Möglicherweise, so Verde, besteht auch eine historische und begriffliche Verbindung zwischen Diodoros' Theorie und Epikurs Lehre von den Minima.

In Pyrrho and the Socratic Schools (S. 149-167) fragt Richard Bett nach dem möglichen Einfluss der sokratischen Schulen (der Megariker, der Kyrenaiker und Kyniker) auf Pyrrhon von Elis. Er kommt zu dem wohlbegründeten Schluss, dass kynische Einflüsse gegeben sind, dass von sokratischen Gedanken wenig zu finden und dass ein Einfluss der Kyrenaiker (entgegen der Meinung von Tim O'Keefe und Ugo Zilioli) gänzlich auszuschließen ist.

Die letzten beiden Artikel des Buches zeugen von verdienstvoller philologischer Pionierleistung. Tiziano Dorandis Beitrag Epicureanism and Socratism: The Evidence on the Minor Socratics from the Herculaneum Pypyri (S. 168-191) bietet einen willkommenen Überblick über Erkenntnisse zu den Sokratikern und sokratischen Schulen aus jüngst veröffentlichten Herkulaneischen Papyri. Dabei zeigt sich einmal mehr, wie sehr Epikur und die Epikureer gegen die Sokratiker, insbesondere gegen die Megariker, in hellenistischer Zeit zu Felde gezogen sind. Doch Dorandi macht (S.186 f.) auch auf einen wichtigen methodischen Punkt aufmerksam, der in neuerer Kynismus- und Stoa-Forschung, insbesondere beim Versuch der Rekonstruktion von Diogenes' Politeia und Zenons Politeia, nicht immer beachtet wird: Philodems Referat De Stoicis (PHerc. 155 und 339) ist extrem parteilich und polemisch und kann methodisch jedenfalls nicht zum Nennwert als Beleg authentischer kynischer und stoischer Lehre dienen.

Menahem Luz (Socrates, Alcibiades and Antisthenes in PFlor 113, S. 192-210) befasst sich mit einer Papyrusrolle aus dem Ägypten des 2. nachchristlichen Jahrhunderts, die anekdotisch von Sokrates und Antisthenes und ihren jeweiligen (scheiternden) Versuchen handelt, einen bevorzugten Schüler (Alkibiades im Fall von Sokrates) moralisch zu beeinflussen. Die Pointe des Textes besteht darin, dass pädagogischer Erfolg nicht nur aufgrund einer (soliden) Methode, sondern auch durch Zufall sich einstellen mag, und dass mitunter auch das methodische Vorgehen zum Misserfolg führt.

Alle Beiträge zeugen durch ihr hohes wissenschaftliches Niveau und ihre präzise Darstellung von der gegenwärtigen Blüte der Sokratikerforschung, die ihren Anstoß ganz wesentlich dem monumentalen vierbändigen Werk Socratis et Socraticorum Reliquiae, Neapel 1990 von Gabriele Giannantoni verdankt. Eine kleine kritische Nachbemerkung sei gleichwohl erlaubt: In keinem der Beiträge findet die ausführliche, hochkompetente und grundsolide Darstellung von Klaus Döring, Sokrates, die Sokratiker und die von ihnen begründeten Traditionen, in: Hellmut Flashar (Hg.), Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike Bd. 2/1, Basel 1998, Kap. 2, S. 141-364 Erwähnung. Man hat den Eindruck einer wachsenden Tendenz dahingehend, dass selbst im kleinen Kreis von exzellenten Spezialisten eines begrenzten Forschungsgebietes neuere Literatur nur noch berücksichtigt wird, wenn sie in englischer Sprache erscheint. Dies könnte auf Dauer dem glücklichen Fortgang der geisteswissenschaftlichen Forschung abträglich sein.

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