Thursday, August 23, 2012

2012.08.40

Thomas Faucher, Marie-Christine Marcellesi, Olivier Picard (ed.), Nomisma: la circulation monétaire dans le monde grec antique. Actes du colloque international, Athènes, 14-17 avril 2010. BCH Supplément, 53. Athène: Ecole française d'Athènes, 2011. Pp. 492. ISBN 9782869582248. €50.00 (pb).

Reviewed by Peter Franz Mittag, Universität zu Köln (peter.franz.mittag@uni-koeln.de)

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Table of Contents

„Il est difficile de rendre compte de manière synthétique, et donc forcément réductrice, de la richesse des exposés" stellt Michel Amandry zu Beginn seiner „Conclusion" des vorliegenden Sammelbandes fest und umschreibt damit zugleich die Probleme einer angemessenen Besprechung. Die 23 Beiträge eines im April 2010 in Athen veranstalteten Kolloquiums widmen sich zwar alle einem relativ eng umrissenen Thema, dem Münzumlauf in der griechischen Welt (wobei einige Gebiete wie Großgriechenland, Sizilien und einzelne Regionen des östlichen Mittelmeeres ausgespart werden), dennoch macht es die Vielzahl an Einzelthemen und methodischen Herangehensweisen schwer, hier alle Beiträge in gleicher und angemessener Weise zu besprechen. Die Münzprägung Athens, des thrako-makedonischen Raums sowie West-Kleinasiens wurde besonders intensiv von jeweils mehreren Bearbeitern behandelt. Andere Regionen wurden hingegen nur in Einzelstudien berücksichtigt. Hier können nicht alle Einzelbeobachtungen wiedergegeben werden, vielmehr seien grundlegende Ergebnisse skizziert.

Olivier Picard umreißt in seiner Einleitung knapp das Ziel des Kolloquiums und setzt einige methodische Ausrufungs- und Fragezeichen. Mit dem Sammelband sollten Vorarbeiten für eine systematische Analyse des Münzumlaufs in der griechischen Welt geschaffen werden, eine Aufgabe, die in jedem Fall als erfüllt gelten kann. Durch die Heranziehung nicht nur des numismatischen Befundes, sondern aller verfügbaren Quellengattungen und vor allem diverser statistischer Methoden, sowie die vorbildlich umfangreiche graphische Aufbereitung der Ergebnisse ist der Band über weite Strecken mehr als nur eine Vorarbeit. Zu den Problemen, auf die Picard einleitend hinweist, zählt unter anderem die Frage, wie man Münzhorte, die im Zentrum fast aller Beiträge stehen, angemessen analysiert. Münzhorte dienten ursprünglich wohl mehrheitlich als Notdepots in schwierigen Zeiten und die heute bekannten Horte konnten von ihren Eigentümern anscheinend nicht mehr geborgen werden. Damit bilden sie nur einen Ausschnitt aus dem Gesamtspektrum an ursprünglichen Horten. In seinem Beitrag zu Thasos wird Picard hinsichtlich der sich daraus ergebenden methodischen Probleme noch expliziter: „Les trésors ne nous donnent qu'une image biaisée non seulement de la circulation monétaire, mais même de la thésaurisation dans l'Antiquité. Cette image est partielle et déformante" (S. 104). Damit handelt es sich um eine Quellengattung, die mit einer gewissen Vorsicht zu behandeln ist, wie nicht zuletzt die Überlegungen von Frédérique Duyrat zu den Münzfunden im Großraum Syrien eindrücklich zeigen. Entgegen der nahe liegenden Erwartung haben nämlich die fünf ersten Syrischen Kriege nicht zu einem signifikanten Anstieg an Horten in der Region geführt, obwohl diese Kriege den Großraum Syrien über Jahre und Jahrzehnte hinweg zum Schauplatz militärischer Auseinandersetzungen machten. Nur die Diadochenzeit und die späteren innerseleukidischen Wirren sowie die Kriege in Judaia schlagen sich in einem Anstieg an Hortfunden nieder. Trotz der sich in diesem nur schwer zu erklärenden Befund widerspiegelnden methodischen Probleme geben die Horte aber einen groben Überblick über den Münzumlauf in einer Region, aus dem sich wiederum weitere Schlüsse ziehen lassen. Leider haben die einzelnen Bearbeiter dabei eine weitere methodische Problematik, die einleitend von Picard explizit thematisiert wird, nicht immer hinreichend berücksichtigt. Von Münzhorten, die ad hoc zusammengestellt wurden und damit den aktuellen Münzumlauf einigermaßen widerspiegeln, sind nämlich solche zu trennen, die über einen langen Zeitraum zusammengetragen wurden und damit nur gefiltert Auskunft über den Münzumlauf ermöglichen.

Davon abgesehen lassen sich aber größere Entwicklungslinien erkennen, die viele der Beiträge durchziehen. Militärische Auseinandersetzungen, Tribute und Handel sind demnach drei zentrale Faktoren, die den Münzumlauf maßgeblich mitbestimmt haben. Letzteren Aspekt betont John D. Kroll, der auf die Exportorientierung der athenischen Münzproduktion im 5. und 4. Jh. hinweist und von einer „commerce-driven industry of money production" (S. 33) spricht. Das Tributsystem des Attisch-delischen Seebundes führte nach Koray Konuk aber dazu, dass sich auf dem Gebiet des Bundes so gut wie keine athenischen Münzen finden, denn die Bündnispartner zahlten ihre Abgaben mit diesen Münzen, so dass die athenischen Münzen wieder nach Athen zurückflossen. Ergänzt werden diese grundsätzlichen Überlegungen von Christophe Flaments Ausführungen zu den Geldströmen innerhalb Attikas sowie dem attischen Markt und anderen Märkten v.a. während des Peloponnesischen Krieges, die jedoch im Detail spekulativ bleiben.

Auch im thrako-makedonischen Raum lassen sich die drei Faktoren gut nachweisen. Die starken Gewichtsschwankungen der thrako-makedonischen Großprägungen führt Alexandros R. A. Tzamalis auf die bekannte Tatsache zurück, dass diese Münzen für Tributzahlungen an die Perser bestimmt waren, was auch deren weite Verbreitung im Perserreich erkläre. Viele thasische Münzen sind nach Picard zudem durch die militärischen Operationen der Perser und ihren anschließenden Rückzug aus der Region ins weitere Perserreich gelangt. Die thasischen Münzen in westlichen Münzhorten erklärten sich dagegen durch Handelsaktivitäten; das Fehlen thasischer Münzen auf dem Gebiet des Attisch-delischen Seebundes sei vielleicht auf Überprägung zurückzuführen. Funde fremder Münzen in Thrakien können ebenfalls gelegentlich mit militärischen Operationen in Verbindung gebracht werden – so etwa die seleukidischen Bronzemünzen, die im Rahmen des Feldzuges Antiochos' II. nach Thrakien gelangten, wie Katerina Chryssanthaki-Nagle und Sélènè Psôma betonen, die die Münzfunde in Thrakien behandeln. Psôma hebt zudem hervor, dass in archaischer und klassischer Zeit Münzen in erster Linie durch Handelsaktivitäten nach Inner-Thrakien gelangten.

Tribute an die Perser und Handelsaktivitäten, aber auch die militärischen und administrativen Gegebenheiten während des Peloponnesischen Krieges erklären nach Panagiotis Tselekas auch die Silbermünzproduktion auf der Chalkidike. Weitgehend deskriptiv bleiben dagegen die Ausführungen von Shpresa Gjongecaj und Dimitra Tsangari zu den Münzfunden im südlichen Illyricum, in Epirus, Akarnanien und Aetolien.

Eine besondere Vermengung militärischer Operationen und Nützlichkeitsüberlegungen zeigt Andrew Meadows auf, der die Übernahme des chiischen Standards in weiten Teilen West-Kleinasiens nach ca. 400 v. Chr. mit der Expedition Lysanders in Verbindung bringen möchte, in deren Folge viele Prägeorte der Region den Standard einführten. Zeynep Çizmeli-Öğün und Marie-Christine Marcellesi analysieren Funde fremder Münzen in west-kleinasiatischen Städten als Reflex von Handelsbeziehungen und arbeiten drei unterschiedliche Zonen heraus. Dabei finden sich in der Region Südkarien bis Pamphylien in den Küstenstädten keine Münzen aus dem Landesinnern, während im Landesinnern sowohl Münzen der Küstenstädte als auch solche des Landesinnern umliefen. Evangéline Markou weist darauf hin, dass die Münzfunde auf Zypern aus archaischer und klassischer Zeit vornehmlich aus zyprischen Prägungen bestehen. Diesen Befund erklärt sie in erster Linie damit, dass fremde Münzen – aber auch Münzen jeweils anderer zyprischer Könige – sehr häufig überprägt wurden.

Fragen der Monetarisierung stehen im Zentrum der Überlegungen von Thomas Faucher zum ptolemäischen Ägypten und von François de Callataÿ zu Pontos, Bithynien und Paphlagonien. Anhand der Fundmünzen kann Faucher eindrücklich zeigen, dass seit der Abschottung des ägyptischen Binnenmarktes durch Ptolemaios I. dort so gut wie keine fremden Münzen mehr zirkulierten. Bronzemünzen haben bereits zu Beginn der Herrschaft Ptolemaios' II. auch in Oberägypten weite Verbreitung gefunden und Silbermünzen kommt in den Fundkontexten eine insgesamt größere Rolle zu als die Papyri vermuten lassen. In Pontos entstand dagegen erst unter Mithradates VI. eine umfangreiche Münzprägung. Viele der dort und in Bithynien geprägten Bronzemünzen fanden ihren Weg in den kimmerischen Bosporus.

Neben diesen Beobachtungen zum Münzumlauf enthalten einige Beiträge auch wichtige Ergebnisse und Neuinterpretationen der Münzproduktion. So betont Christos Gatzolis, dass die chalkidischen Städte (v.a. Akanthos, Aphytis und Mende) ihre Bronzemünzprägung nicht nach der Gründung des Chalkidischen Bundes beendeten, sondern erst im Zuge der Gründung von Kassandreia und Uranopolis; die letzten Münzen aus Aphytis seien im 2. Jh. und nicht wie üblicherweise angenommen im 4. Jh. v. Chr. entstanden. Théodoros Kourempanas kann mit Hilfe von Überprägungen, des archäologischen Befundes und von Hortfunden wahrscheinlich machen, dass die makedonischen Bronzemünzen mit der Darstellung von Helios und einem Blitzbündel bzw. Herakles und einer Harfe nicht unter Philipp V. entstanden, sondern erst unter Philipp VI. Andriskos.

Einige der Beiträge erreichen nicht die Klarheit und Aussagekraft der übrigen. So hätte man sich von Eva Apostolou bei ihren Ausführungen zu den rhodischen Münzen eine stärkere Berücksichtigung der Funde erhoffen können und die von Véronique Chankowski vorgelegte Analyse der inschriftlich bekannten Kassenbestände und Münzfunde aus Delos, die den Geldumlauf in der Ägäis widerspiegeln, ist ausnahmsweise nicht durch Graphiken oder Karten veranschaulicht worden.

Insgesamt ist aber den Herausgebern für die Vorlage der zum Teil sehr wichtigen Beobachtungen zu danken – insbesondere für die graphische Aufbereitung, die die Überlegungen in vorbildlicher Weise anschaulich machen. Man kann den Band über weite Strecken geradezu als einen sehr gelungenen Kommentar zu den vorliegenden Fundmünzpublikationen lesen. Es ist daher sehr zu hoffen, dass diese Vorarbeiten fortgesetzt werden.

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