Tuesday, October 20, 2009

2009.10.41

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Louisa D. Loukopoulou, Selene Psoma (ed.), Thrakika Zetemata I. Meletemata 58. Athens: Diffusion de Boccard, 2008. Pp. 175. ISBN 9789607905451. (pb).
Reviewed by Maria Deoudi, Universität Erlangen

Untersuchungen zur antiken historischen Topographie haben einen festen Platz in der altertumswissenschaftlichen Forschung. Für das antike Makedonien und Thrakien erschienen Beiträge zu diesem Themenkomplex in monographischer Form vor allem in der Reihe "Meletemata", die seit 1985 vom Zentrum für griechische und römische Antike (KERA) in Athen herausgegeben wird. Dies nun ist der neuste Band mit insgesamt fünf Beiträgen, die jeweils verschiedene Einzelaspekte der antiken Topographie in Thrakien untersuchen. Mitgewirkt haben M. Hatzopoulos und M. Zahrnt sowie L. Loukoupoulou und S. Psoma, die auch die Herausgeberschaft übernommen haben. Alle Beitragenden haben immer wieder die Diskussion zur Archäologie und Geschichte Nordgriechenlands massgeblich beeinflusst und zentrale Fragen in wichtigen Detailaspekten erhellen können. Dies bestätigt sich erneut bei der Lektüre der hier zusammengestellten Beiträge, die keine abschliessenden Lösungen, doch neue Anregungen für weitere Diskussionen liefern.

Die Beiträge umfassen einen geographischen Raum vom Strymonfluss im Osten und reichen bis nach Trajanopolis im Osten, wobei die Artikel eben diesen Verlauf aufnehmen und ihn als innere Gliederung übernehmen.

Der erste Beitrag von M. Hatzopoulos beschäftigt sich mit dem mittleren Strymontal, das in der Antike aufgrund seiner reichen Naturressourcen Teil einer sehr wechselvollen Wirtschaftsgeschichte war. Verschiedene Einzeluntersuchungen der letzten Jahre konnten dies verdeutlichen. Der Autor versucht mit seinem Beitrag, den historisch-geographischen Raum dieser Region weiter zu präzisieren und durch die Kombination der antiken historischen Quellen wie Herodot (5.13-17), Thukydides (2.98) sowie Strabon (7.36) und seiner eigenen Geländebeobachtungen zu vervollständigen. Die Angaben der antiken Quellen vermag er auch anhand neuerer Inschriftenfunde zu präzisieren. Eine Schlüsselposition kommt der Tabula Peutingeriana zu, anhand derer man den Strassenverlauf rekonstruieren kann. Die antiken Quellen, die antike Karte und neuere Inschriften ergeben aktuell eine neue geographische Gliederung. Vor allem aber vermag der Autor eine Reihe antiker Orte mit grosser Plausibilität zu benennen, deren Lage bislang nicht genau bekannt war.

Die Konkretisierung der antiken Landschaftsverhältnisse bildet ein wichtiges Gerüst, das auch für die Archäologie von grossem Nutzen ist und oftmals für Geländegrabungen entscheidende Hinweise liefern kann.

Der zweite Beitrag wurde gemeinsam von L. Loukoupoulou und S. Psoma verfasst. Auch hier geht es um eine Standortbestimmung. Die beiden Autorinnen untersuchen speziell die topographische Lage Maroneias; das neben Abdera und Dikaia zu den bekanntesten Gründungen an der thrakischen Küste gehört. Die vorgetragene Deutung zur Lage von Maroneia ist neu, und somit ist innerhalb des gesamten Bandes dieser Beitrag der offensivste; denn die Lokalisierung der antiken Polis Maroneia wurde bislang in der Forschung nicht in Frage gestellt. Umso interessanter der Vorschlag von Loukoupoulou und Psoma. Ihr Ausgangspunkt ist, dass Herodot (7.108-109) Maroneia und Dikaia als Orte entlang der Küste nennt, die der Perserkönig Xerxes bei seinem Felszug passierte. Seinen Schilderungen zufolge lag Dikaia in der Nähe eines Sees nahe bei Maroneia. Die eigenen Geländebeobachtungen ergeben für die Autorinnen allerdings eine Verschiebung der Bezugspunkte auf der Landkarte, so dass Maroneia notwendigerweise westlicher gelegen haben müsste, wie sie auf einer schematischen Karte (81) ausführen. Die bei Herodot überlieferte Aufzählung und vor allem deren in der Altertumswissenschaft angenommene Verortung der antiken Städte müssen demnach unkorrekt sein.

Beide Teilaspekte untermauern die Autorinnen zusätzlich noch durch die archäologischen Daten aus Maroneia. So sind an der traditionellen Stelle, die heute als die chiotische Gründung mit Wurzeln bis in archaische Zeit angesehen wird, kaum Siedlungsspuren der frühen Gründungszeit entdeckt worden, was natürlich zu erwarten wäre. Im Gegensatz dazu sind bei der antiken Stätte Molyvoti archäologische Überreste aus der Zeit vor den Perserkriegen sowie etliche maronitische Münzen gefunden worden. Die frühen Siedlungsspuren werden in Ergänzung zu den zuvor ausgeführten Argumenten als letztes Indiz gesehen und in der Weise gedeutet, dass Maroneia bis ins 4. Jh. v. Chr. etwa 20 km westlicher lag und im Laufe der spätklassischen Zeit dieser Ort aufgegeben wurde. Die Bewohner hätten dann ihre Stadt an der bekannten Stelle bei Ag. Charalambos erneut erbaut (76-79), was dann auch bei Strabon erwähnt wird.

Der dritte Beitrag stammt von M. Zahrnt. Schon durch den Titel wird offenbar, dass auch dieser Beitrag Fragen zur antiken Topographie Thrakiens untersucht. Er greift damit einen anhaltenden Forschungsdisput auf, in dem bislang keine zufriedenstellende Lösung vorgebracht werden konnte. Zahrnt führt aus, dass in den antiken Quellen seit archaischer Zeit bis in die Kaiserzeit für den nordgriechischen Raum immer wieder eine Stadt Mesambria erwähnt wird. Er geht von der bekanntesten Stelle aus, die bei Herodot (7.108.20) nachzulesen ist und in diesem Band schon einmal Gegenstand einer kritischen Lektüre war, in der die Stadt im Zusammenhang mit dem Feldzug des Perserkönigs Xerxes erwähnt wird. Die Angabe des antiken Historikers gibt allerdings keine genauen topographischen Hinweise, und da die Polis bislang auch archäologisch nicht freigelegt wurde bzw. nicht überzeugend mit archäologischen Siedlungsspuren in Verbindung zu bringen ist, versucht Zahrnt durch die Lesung und den Vergleich aller bekannten Quellen zu dieser Region einen Anhaltspunkt zu finden, um die Lage der antiken Stadt besser zu fassen. Eine grundsätzliche Schwierigkeit dabei ist, dass auch die in der Nähe von Mesambria gelegenen Orte Zone und Drys ihrerseits nicht eindeutig zu verorten sind. Ihre Lage ist ganz unterschiedlich überliefert, womit sie als mögliche Fixpunkte einer Standortbestimmung auch nur schwerlich in Frage kommen bzw. im Grunde wenig hilfreich sind. Nach der Überprüfung aller verfügbaren Quellen kommt der Autor zum Schluss, dass es eben keine zwei Städte gleichen Namens gab, vielmehr die zweite Nennung auf einem Missverständnis Herodots basiert (114). Damit löst er das Standortproblem für die genannte Stadt, hat aber keine Lösung für die Städte Zone und Drys. Sein Vorschlag, diese Orte mit den antiken Überresten bei der modernen Stadt Alexandropolis zu identifizieren, ist plausibel, muss aber durch künftige Grabungen bestätigt werden.

Der vierte Beitrag stammt von S. Psoma. Gegenstand dieses Beitrags ist nicht eine Standortbestimmung, vielmehr dient die antike Epigraphik hier als Zugang, Geschichte als räumliches Konstrukt zu umschreiben. Überzeugend legt die Autorin dar, dass das Einflussgebiet der Insel Samothrake weit auf das thrakische Festland greift. Deutlich zeichnet sich die Vernetzung zwischen den antiken Städten an der Küste und der Insel ab. Zone, Drys und Sale gehören nach der epigraphischen wie auch literarischen und archäologischen Überlieferung zum Einflussgebiet der Insel Samothrake, die jedoch zum Ende des 3. Jhs., wie es scheint, aufgegeben wurden.

Im Weiteren rekonstruiert die Autorin die historischen Gründe für die Aufgabe der Städte, da diese in der antiken Überlieferung nicht eigens erwähnt wurden. Allem Anschein nach wurden die Orte zuerst Opfer der Expansion der Nachbarstadt Maroneia, die gewaltsam ihr Einflussgebiet auszudehnen versuchte und teilweise auch Abdera annektieren wollte. Vor allem aber brachte eine fremde Invasion jedes öffentliche Leben der drei Orte zum Erliegen. Ein Indikator dafür mag sein, dass nicht nur Städte aufgegeben wurden, sondern Amtsträger aus Samothrake, ihren persönlichen Vorteil wahrend, ihre Heimat und den Wohnort wechselten und, wie in einem Fall nachgewiesen wurde, nach Thasos übersiedelten. Der Verlust der Stadt beschränkt sich nicht nur auf Landverlust, sondern ist auch geprägt von Abwanderung.

Der Landbesitz aber blieb Samothrake erhalten und galt fortan als hiera chora. Die veränderten Machtverhältnisse und die politische Entwicklung zielten offensichtlich nicht darauf, das Land zu annektieren, sondern nur die Machtstellung von Samothrake zu schwächen. Es ist alles in allem ein Beitrag, der einem kleinen geopolitischen Raum ein präziseres Profil verleiht und die wechselvolle Geschichte der Region und auch der Orte nachzeichnet.

Den Abschluss bildet der Beitrag von D. Loukoupoulou. Sie bespricht eine besonders Denkmälergruppe aus dem antiken thrakischen Raum. Es handelt sich um den sog. Schatz von Rogozen, Bulgarien. Diese Preziosen haben für grosses Aufsehen gesorgt, vor allem aber sind sie in der Publikation als Zeugnisse der antiken thrakischen Kultur angesehen worden, und so firmieren sie auch heute noch in der Literatur. Genau an dieser Stelle setzt der Beitrag von Loukoupoulou an. Der Schlüssel hierfür sind die griechischen Inschriften, die sich auf etlichen Gefässen befinden. Sie erlauben nach ihren Ausführungen eine präzisere Datierung der Objekte, die aller Wahrscheinlichkeit gegen Ende des 4. Jhs. v. Chr. entstanden sind. Die Inschriftenformulare sowie die Buchstabenformen sprechen weiterhin dafür, dass es sich um Gegenstände handelt, die von griechischen bzw. griechisch beeinflussten Handwerkern gefertigt wurden. Wie sie - sich einer These von Hatzopoulos anschliessend - weiter ausführt, gelangten die Gegenstände in den enormen politischen und kulturellen Umwälzungen infolge der Siegeszüge Philipps II. als Beutekunst an den modernen Fundort. Es geht der Autorin nicht darum, den Schatz für die griechische Kultur zu vereinnahmen, sondern aufzuzeigen, wie vielfältig und eng in der Antike kulturelles Nebeneinander war. Gerade dadurch wird der Schatz von Rogozen ein noch wertvolleres Zeugnis antiker Kunst.

Es ist ein Beitrag, der aufzeigt, dass Fundkontexte Variablen darstellen, die nicht immer die richtige Bewertung der Befunde erleichtern, und dennoch die meisten Fundstücke selbst ausreichend Interpretationsmöglichkeiten liefern.

Alle aufgeführten Artikel werden durch wenige Geländefotografien ergänzt, die allerdings mehr der Illustration dienen, und nicht inhaltlicher Teil der Ausführungen sein können.

Den Abschluss bildet ein geographischer Index (171-175) sowie eine Übersicht aller erschienenen Bände in der Reihe Meletemata.

Die Beiträge sind reich an neuen Vorschlägen, die vor allem aufzeigen, wie notwenig es ist, traditionelle und scheinbar endgültige Deutungen neu zu hinterfragen. Erst durch neu formulierte Hypothesen ergeben sich weiterführend neue Fragestellungen, die von zentraler Bedeutung für eine zukünftige interdisziplinäre Diskussion in den Altertumswissenschaften sind.

Inhalt

M. B. Hatzopoulos, Retour à la vallée du Strymon (13-54)

L. D. Loukoupoulou-S. Psoma, Maroneia and Stryme Revisted: Some problems of Historical Topography (55-86)

M. Zahrnt, Gab es zwei Städte namens Mesambria? Überlegungen zur samothrakischen Pereia (87-120)

S. Psoma, An Honorary Decree from Thasos (IG XII 8, 267) and the Samothracian Peraia During the Hellenistic Period (121-138)

L. D. Loukoupoulou, Les inscriptions des trésors nord-balkaniques (139-169)

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